Kindeswohlgefährdung: Steigende Zahlen, sensibleres Umfeld

Das Statistische Bundesamt (Destatis) veröffentlichte am Donnerstag (27.8.) die neuesten Zahlen zu Gefährdungseinschätzungen von Jugendämtern. Die Zahl der Kindeswohlgefährdungen ist demnach im vergangen Jahr um zehn Prozent gestiegen.

Die Statistike zeigt, dass damit ein Trend der verangenen Jahre fortgesetzt wird: In NRW stieg sie zwischen 2018 und 2019 um 14 Prozent.

Ein Grund für den Anstieg, so Landesjugendamt Westfalen beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) sei das zunehmend sensiblere soziale Umfeld. Das bedeutet auch mehr Reaktionen und Besorgnis um das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen. Zu deren Schutz sei das Jugendamt die zentrale Anlaufstelle. "Kinderschutz ist keineswegs eine Aufgabe, die von den Fachkräften 'nebenbei' erledigt werden kann", betont LWL-Jugenddezernentin Birgit Westers. Hier wird daher aktuell an neuen Qualitätsgrundsätzen für gute fachliche Arbeit im Kinderschutz gearbeitet - gemeinsam mit Praktikern.
"Die Jugendämter stehen da in einer Verantwortungsgemeinschaft mit der Bevölkerung, denn Kinderschutz geht uns alle an und ist ohne starke Jugendämter nicht möglich", fasst die Jugenddezernentin

Doch wie geht das Jugendamt vor, um Kinder vor Vernachlässigung, Gewalt und sexuellem Missbrauch zu schützen?

Zahlen dazu liefert die Kinder- und Jugendhilfestatistik: Seit 2012 wurden 173.000 Verdachtsfälle von den Mitarbeitern der Jugendämter besucht, davon ein knappes Drittel in NRW. Bundesweit bedeutet das im Durchschnitt einen Hinweis in jedem der etwa 600 Jugendämter pro Tag.
Anlass können verschieden sein, meist sind es Mitteilungen über mögliche gefährdende Situationen aus dem privaten Umfeld, von Kindertagesstätten oder Schulen, aus dem Gesundheitswesen oder von der Polizei. In Jedem Fall wird dann der Fall gesichtet und eingeschätzt, Kontakt zur Familie aufgenommen und sich im persönlichen Kontakt ein Bild gemacht, wie es Kindern und Jugendlichen geht, so Westers.
In mehr als einem drittel der Fälle (NRW: 38%) kann eine Gefährdung ausgeschlossen werden, doch leider gibt es auch unklare Fälle. in etwa 7000 Fällen in NRW gab es akuten Handlungsbedarf. Ein weiteres Drittel der Fälle braucht keine akute Intervention, weißt aber einen Hilfe- und Unterstützungsbedarf auf. In 75% solcher Fälle, meist drohende Vernachlässigung, können - gemeinsam mit den Sorgeberechtigten - Hilfen vermittelt werden.

"Jedes Mal bedeutet es, das Vorgehen des Jugendamtes Müttern und Vätern, Kinder und Jugendlichen zu erläutern, Kontakt und Vertrauen aufzubauen, schwierige Abwägungsprozesse zwischen möglicher Hilfe und notwendigem Eingriff zum Schutz von Kindern zu durchlaufen", erklärt Westers.

Hinweise auf sexuellem Missbrauch spielen in fünf Prozent der bestätigten Gefährdungseinschätzungen eine Rolle. Dabei ist er oft schwer festzustellen, weil Kinder und Jugendliche oft nicht das Vertrauen haben, das Erlebte zu offenbaren. Stattdessen werden Auswege und Hilfe gesucht, zum Beispiel durch die Flucht von zuhause. Aber selbst dann kann viel Zeit vergehen, bevor der Grund geteilt wird.

Die Kinderschutzarbeit mache in den Jugendämtern einen großen Arbeitsschwerpunkt aus: "Auch in der Zeit der Kontaktbeschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie haben die Jugendämter den Kinderschutz durchgängig aufrechterhalten."



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