Die wahrscheinlich wirklich schönste Nebensache der Welt

Prokrastination - Was klingt wie die sprachlich kaum zu verschlimmbessernde Situation von irgendeiner widerlich wuchernden Krebsart, ist eigentlich das unschuldige Wort für die heimliche Königin aller Tätigkeiten: das Nichtstun.

Die Aufschieberitis (Bei der man dann natürlich auch anderen schönen Nebenbeschäftigung nachgehen kann).  Aber warum sagt man das dann nicht einfach? Weil uns Prokrastination glücklich macht und nicht zwingend zielgerichtet produktiver. (Immer diese Wörter mit „p“. Selbst „Liebe-machen“ klingt als „p-Wort“ nach Arbeit.)

Beginnen wir beim Wort selbst:  

Prokrastination: vom lateinischen Substantiv[…]procrastinatio („Aufschub“, "Vertagung"), das aus […] pro- („vor-", vorwärts-“) und […] crastinum,-i („morgiger Tag“; vgl. […] cras = "morgen") zusammengesetzt ist. Auch „extremes Aufschieben“, ist eine pathologische [pathos – altgr. Krankheit] Störung, die durch ein unnötiges Vertagen des Beginns oder durch Unterbrechen von Aufgaben gekennzeichnet ist, sodass ein Fertigstellen nicht oder nur unter Druck zustande kommt. Das Gegenteil der Prokrastination ist die Präkrastination.

Was uns Wikipedia nicht verrät ist, dass,

1. das Wort aus dem 15. Jahrhundert stammt und eine ironische „Phrase“ der Lateiner war und so eine direkte Abgrenzung zum Faulenzer titulierte. Einen Privilegierten und

2. die Katze, die wir vor etwa 6000 Jahren an uns gewöhnten (domestizierten), mit wissenschaftlichem Namen „felis prokrastinatus catus“ heißt. Sie war es, deren ruhiges Gemüt mit der Tendenz zum Schläfchen, als erster Wachhund der (Menscheits-)Geschichte die Prokrastination kultivierte und wir sie uns wohl von ihr abgeschaut haben.

Wikipedia und ich möchten Ihnen jedenfalls mitteilen, dass, wer prokrastiniert, der/die/das, wenn etwas ansteht, einfach alles macht, nur nicht das, was am vermeintlich Wichtigsten ist.

Und warum ist das dann die wahrscheinlich wirklich schönste Nebensache der Welt?

Weil wir, wenn wir uns auf eine Aufgabe konzentrieren sollen, nur die Möglichkeit haben nicht an das zu denken, was zu tun ist, wenn man etwas völlig anderes denkt. Und da die eigentliche Aufgabe meist mit Struktur verbunden ist, wird man bei ihrer Vermeidung meist ins Kreative genötigt. Die herauf ploppenden Hirngespinste, sind wahrlich kreative Meisterleistungen, wenn nicht in jenen Momenten, wann wurden sonst die Bilder geschaffen, von denen wir ein Leben lang träumen? Das eigene Gartenhaus, das erste Buch, endlich selbstständig, Kinder, Familie oder auch ein Harem, beim Prokrastinieren werden innerste Sehnsüchte fiktive Realität.

Wer prokrastiniert, wird nämlich nicht, wie allgemein angenommen, faul, sondern neugierig, also seeehr fleißig. Man glaubt gar nicht, wie aktiv unser Gehirn auf der Suche nach alternativen Tätigkeiten ist, wenn es eine konkrete Aufgabe bewältigen soll. Die Frage ist also: Ist es nicht sinnvoller, die Prokrastination zuzulassen, statt sie, die Aufschieberitis, aufzuschieben? Gibt sie uns nicht mit unendlich viel Zeit die Muße, wir selbst zu sein, dass zu leben, was uns wirklich interessiert?    

Selbst Gott prokrastinierte. Schaut man in die Bibel, schuf der Allmächtige die Erde nicht an einem Tag. Sondern peu à peu. Am Anfang schuf er Himmel und Erde. […] Da sprach Gott, es werde Licht. Und es wart Licht […]und […] Finsternis.[…] Tag und Nacht. „Feddich. Morgen ist auch noch ein Tag. Und Übermorgen… […]“.

Wie gerade angedeutet, haben bereits viele kluge Leute ein Loblied auf die Prokrastination gesungen: auch Lagerfeld, Zizek und Hüther. Sie alle sprachen einzig dem vermeintlichen Müßiggang die Qualität des Wandels zu. Gesellschaftlich und persönlich. Wer prokrastiniert begibt sich in die „Gefahr der Langeweile“, weil eine unendlich große Chance darin wartet, entdeckt zu werden.

Nach dem kurzen Moment „und jetzt?“, der nicht lange andauert aber sich unendlich lang anfühlen kann, beginnt plötzlich das Hirn zu realisieren, dass es Zeit zum Aufräumen hat, da kaum neuer Input kommt und startet das große Reinemachen. Und Sie, als Besitzer, schauen einfach zu und warten, was ihnen bei den vorbeifliegenden Gedankenfragmenten am interessantesten erscheint, um daraufhin genau über jenes Detail zu sinnieren.  Und weil sich das ausschließlich in Ihrem Kopf abspielt, muss es auch immer spannend sein, sie müssen und werden es liiiieben! Denn Sie schreiben als Zuschauer das Drehbuch, ohne zu wissen wie der Film endet.

Wenn das kein Grund ist, mal wieder die Beine hoch zu legen (und dankbar eine Muschi zu kraulen), selbst wenn morgen Abend der ganze Himmel voller Sterne zu erstrahlen hat.

Bild: King of Prokrastination: Kung Fu Panda, by Adolf Ulf Muenstermann



Webauftritt von stadt40

Teile jetzt diesen Artikel