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Charisma

Was für ein wunderschönes Wort. Und wenn man weiß, wofür es steht wird es zwar ein bisschen akademischer, aber diese melodische Buchstabenaneinaderreiung wird dann noch auf ein ganz anderes Podest gehoben.

Zugegeben, die Anzahl von Menschen mit Charisma ist beträchtlich geschrumpft, dennoch gibt es sie, diese Persönlichkeiten, die weder besonders schön noch gut gekleidet sein müssen, um eine Attraktivität auszustrahlen, nach der die meisten ein Leben lang vergebens gieren.

Charis, kommt, wie sollte es anders sein, aus dem Altgriechischen.  Es bedeutet so viel wie das stärkste Argument, dass die Aphrodisia, die Leidenschaft, in die heterosexuelle Verbindung drängt.

Wie Sie richtig vermuten, ist genau jenes „charis“ ein starkes Argument in den Schriften eines der wichtigsten Protokollanten und Denker des antiken Griechenland, allerdings bereits kurz nach dem Jahr Null. In einem Wortgefecht über die Vorzüge der Liebe zum anderen Geschlecht (des Mannes) oder zur Frau. Das entscheidende Argument (charis), das was aus der Verbindung Mann Frau die potentielle Weiterführung des Geschlechts ermöglicht. Die Liebe an und für sich, lässt sich bei nicht wenigen griechischen Denkern nur auf der Mann Knaben Beziehung gestalten, weil diese nämlich frei von den Urtrieben ist, wie Epikur sagt, aus einer Leidenschaft heraus, eine philosophische Entscheidung zu treffen.

Diese Schrift, Amatorius, wurde zur Philosophischen Grundlage des Moralischen Wertekanons der europäischen Kultur. Da die Geistlichen zu Beginn allein Zugang zu wissen hatten, waren auch sie im Anfang nur in der Lage, die griechischen und lateinischen Texte zu lesen und schlussfolgernd daraus, sich die genehmsten Positionen zu eigen zu machen.

Für die alten Philosophen gab es nämlich in der „eigentlichen“ Liebe nicht zwingend qualitative Unterschiede, man versuchte nur das Gefühl der Zuneigung vom Trieb der Leidenschaft zu separieren, um zu erkennen, was wohl bliebe, was das ist, die triebbefreite Zuneigung, die man nicht erklären kann?

Schmökert man in diesen Schriften, entdeckt man romantische Ergüsse, die denen vom Werther in nichts nachstehen.

„Weil ich Dich lieb habe, und weil wir es nicht gewohnt sind, getrennt zu sein. Daher kommt es auch, dass ich einen großen Teil der Nacht wachend mit Deinem Bild vor Augen verbring […] wo ich mich Dir zu widmen pflege, die Füße selbst zu Deinem Boudoir  führen und dass ich schließlich betrübt und niedergeschlagen, als hätte man mich nicht eingelassen, Dein leeres Gemach verlasse“

(Fouceault „Sexualität und Wahrheit, Edition Surkamp Band 3 S. 107)

Aber für mich persönlich, ist dieser kleine Hauch qualitativ hochwertiger, unerreichbar, diese „charis“, die wir heute wohl mit Charisma gleichsetzen, ist, so dachte ich mir, schon eine kleine Geschichte wert.

Schönen Abend

Bild: Adolf Ulf Muenstermann