Faust war nur ein Schauspieler

Warum der viel studierte Intellektuelle eigentlich mit Mephisto auf Tour ging.


Wenn man sich einmal die Mühe macht, über den Faust aus der Feder von Goethe genauer nachzudenken, fällt einem eins auf: Spätestens ab dem Zeitpunkt als Mephisto erschienen ist und sich als Teufel bewiesen hat, musste Faust klar geworden sein: Gott existiert. (Vorsicht: wir sprechen hier von einem Theaterstück).

Bedenkt man, dass einer der einflussreichsten Philosophen, Georg Wilhelm Friedrich Hegel (Phänomenologie des Geistes), ein Freund von Goethe gewesen ist, so musste Goethe klar gewesen sein, dass das eine aus dem anderen entsteht, oder besser gesagt, alles immer im Werden ist und es somit nie auch nur eine klare Singularität gibt.

Diese Information wird er also in einem so philosophischen Text nicht völlig ignorieren können. Ob bestätigend, kritisierend oder gar negierend.

Das heißt im Klartext, wenn es das Böse in Form des Mephisto tatsächlich gibt, muss es auch etwas geben, dass sich von ihm differenziert. Dies kann kein gewöhnlicher Mensch sein, da kein gewöhnlicher Mensch ähnliche, wenn auch umgekehrte Fähigkeiten hat, wie auch immer sich die gestalten würden. Ein interessantes Gedanken - Experiment für Momente, wenn man den Geist zur Ruhe kommen lässt, weil man ihn grad nicht mit zusätzlichen Informationen zuballert. Aber das nur am Rande.

Sollten wir an dieser Stelle d’accord sein, springt einem förmlich ins Gesicht, mit welchem Bewusstsein Faust mit dem eigenen Blute den Teufelspakt unterschrieben hat, oder interessanterweise, eben nicht. Aber Mephisto wundert sich beinahe, dass selbst das Aufsetzen eines Vertrages, das Dingmachen eines Zustandes Faust nicht die Augen über die Tragweite seiner Handlung öffnet.

Wenn Faust doch weiß, dass es Gott gibt, geben muss, weil es den Teufel gibt, so weiß er, dass Gott jedem seine Gnade gewährt, der ihn ernsthaft darum bittet. Gewiss, man darf nicht davon ausgehen, dass einem jede Absolution zu Teil wird. In der katholischen Kirche existiert die Doktrin, dass es sich bei der Buße um eine aufrichtige handeln müsse; und wenn diese geschehen sei, ist Gott in der Lage, auch der schlimmsten Missetat zu vergeben, eben auch jener, dem Teufel verfallen zu sein, ergo braucht er auch sehr wahrscheinlich nicht die Hölle zu scheuen.

Die Frage ist, wie ein Akademiker wie Faust, diese Tat rechtfertigen können will. Gott wird ihn fragen: warum hast du das getan, und da wird ein schnöder hedonistischer Anreiz wie „Fun“ als Argument wohl nicht ausreichen.

Dem Geheimnis des Glaubens auf die Spur zu kommen, ist beinahe ein Sakrileg, ein solcher Akt entspricht dem des Griffs nach dem Apfel vom Baum der Erkenntnis, man würde Gott enträtseln und ihn darüber banal machen.

Faust musste also spätestens am Ende seines Theologiestudiums festgestellt haben, dass er nicht an Gott glauben können muss, da der Akt, zu entschlüsseln „was die Welt im Innersten zusammenhält“, ein Akt der Gotteslästerung ist.

Jetzt steht aber Mephisto vor ihm, er weiß also, dass es Gott gibt, und er weiß, was in der Bibel steht. Die Frage ist jetzt: Was weiß er, was wir nicht wissen?

Denn er weiß, was in den Kirchenbüchern geschrieben steht, und er kennt die „Wahrheit“. Da sich Mephisto in einigen Ergüssen darüber auslässt, was er ist und was er kann, entspricht dieser Teil der Wahrheit zumindest in vielen Aspekten jenen, die in pastoralen Verschriftlichungen verfasst wurde. Faust weiß also, was ihm blüht, wenn man Gott herausfordert. Er weiß aber auch, dass Gott zu der unbedingten Gnade fähig ist. Von dem Pakt zwischen Gott und dem Teufel weiß er hingegen nichts. Also die absolute Sicherheit kann er nicht haben, oder doch?

Jetzt wird interessant, aus welchen Wissensbereichen Faust seine Überzeugungen zieht:

Er hat Jura, Theologie, Medizin und Philosophie studiert. Hier verweist Michel Fouceault im dritten Band von Sexualität und Wahrheit darauf, dass neben den offensichtlichen Disput zwischen Philosophie und Religion, noch ein weiter Knackpunkt zu Tage tritt. Die Aufgabenbereiche von Medizin und Philosophie. Denn „die sorge um sich“ die „epimeleia heautou“ beanspruchten geradezu hellenistischen Zeiten, wie Fouceault nicht aufhört zu unterstreichen, und das 18. und 19. Jahrhundert orientierten sich wieder im besonderen Maße an der hellenistischen Philosophie, also der Stoa, den Epikureern und den Skeptikern. Allen Dreien war gemeinsam, dass sie einen ganz eigenen Interpretationsentwurf der Sorge um sich selbst postulierten. Aber eben auch die Medizin, und dieser galt ja schon von Jeher der Gesundheit. An dieser Stelle könnte also die Frage aufkommen, ob selbst der studierte Faust nicht in der Lage war, zwischen dem Aufgabenbereich der Medizin und denen der Philosophie zu unterscheiden?

Geht man über zum Behaviorismus Fausts im Umgang mit Gretchen aus, wird schnell klar, dass Faust sich keine dieser Philosophien zu eigen machen konnte, denn die „epimeleia heaouto“ zeigt sich nicht nur im ständigen Disziplinieren der eigenen Triebe, sondern auch im Umgang mit Frauen. Und die Gestalt der Beschreibungen die Fouceault in seinen Werken erwähnt ist meilenweit vom Gebaren Fausts im Umgang mit seiner Angebeteten entfernt. Er sagt ja selbst „und bin so klug als wie zuvor“, das heißt, dass Faust trotz aller Belesenheit wahrscheinlich ein dummer Junge geblieben ist, weil er die wesentliche Aufgabe „die epimeleia heautou“, wenn schon nicht missverstanden so aber zumindest konsequent falsch interpretiert hat.

Er hat vielleicht, wie Fouceault in einer seiner Vorlesungen anmerkt, die „epimeleia heautu“ mit der „gnothi heaoutu“ verwechselt. Die“ gnothi heauto“ ist das, was Fouceault das (er wiederholt, dass das nur eine erklärende Analogie sei, aber eigentlich ein schlechtes Beispiel) descartesche Moment nannte. Es geht nämlich bei  „Ich denke, also bin ich“ beim „cogito, ergo sum“ nicht mehr darum, beim eigenen Erkennen sich selbst zu „versorgen, gut zu tun, sondern ums „seelische nackig machen, die Schwachstellen finden, das zu eruieren, was ich bin anhand dessen, was ich nicht an mir mag, weil ich es weder mir noch anderen erklären kann.

Wir halten fest: Faust war Pragmatiker, er wollte wissenschaftliche Fakten, war Wissenschaftler, lagerte somit die Sorge um sich selbst zum einen völlig den Aufgaben der Medizin zu und erkannte die Aufgabe der Philosophie in der reflektierenden Selbstbeichte zur Begründung des Selbst in seinen Schwächen. Die er dann bei einem Psychiater oder anderem zu kurieren sucht, was am Ende dazu führt, dass er sich auflöst.

Zweifel Faust also deshalb so vehement an Gott, weil er die Medizin und Philosophie schon nicht verstanden hat, wird er die Theologie auch nicht verstanden haben?

Wenn das, was ich geschrieben habe, alles so ist, (ja ich weiß), dann bleibt doch nur noch eines: Warum fällt Faust nicht auf der Stelle um, als er Faust sieht, weil er doch dann glücklich sein muss, weil er doch jetzt erfährt, was die Welt im Innersten zusammenhält. Zumindest früher oder später. Und wenn später, hat er vorher ein genussreiches Leben. Das, wenn das Geheimnis entschlüsselt ist dem vollen Glückseligkeitsmoment entsprechen muss und dann steht er vor den Toren Gottes, bereut und wandert in den Himmel.

Wenn man der pastoralen Theologie glauben schenkt, so sind wir nach dem Tode ja Seelen, die das besondere Moment sind, also das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Ergo hätte sich Faust auch bei der Ansicht von Mephisto (nicht vorher!) das Leben nehmen können.

Es gibt den Teufel also auch Gott, also sterbe ich, und dann erfahre ich das Geheimnis. Selbstmord wir aber geächtet auch in der protestantischen Religion die um Weimar bis heute präsent ist. Also dem Ort, wo Goethe wirkte und der Faust zu spielen scheint. Auerbachs Keller in Leipzig, Thüringer Wald (Walpurgisnacht) u.a.

Er weiß, dass er stirbt und danach vor Gott anzutreten hat. Er weiß, dass wenn er bereut, es sehr wahrscheinlich ist, dass ihm verziehen wird und er nicht dem Teufel dienen muss. Und er weiß auch, dass ihm der Teufel jeden Gefallen tun wird, um ihm das Leben angenehm zu machen. Warum freut er sich nicht, zumindest nicht so (nicht mal nach dem Sex mit Gretchen) dass er den Moment oder anderen Moment verweilen lassen möchte, weil er doch soooo schön ist?

Weil er nicht sofort erfährt, was Sache ist, dafür könnte er ja so tun, sterben und dann vor Gott um Vergebung flehen. Macht er nicht, weil es ihm offensichtlich nicht darum geht. Es scheint mir, dass Faust einfach möglichst viele fehlinterpretierte Symposien abhalten wollte, Saufgelage und Sex haben, auch mit Frauen, die er nicht liebt, er ist sogar bereit, so zu tun als ob.

Faust ist Hedonist, die Wut eine Maske, um nicht zugeben zu müssen, dass er durch Mephistos Anwesenheit schon alles erfahren hat was er wissen wollte. Er wollte Fun. Das Einzige, dass Faust ergo wirklich konnte, war die Schauspielerei, obwohl er diese Kunst nie studiert hatte.

Und wer sogar Gott hinters Licht führen kann, muss wohl viel begriffen haben, deshalb wird es Faust nicht am Sachverstand gemangelt haben, sondern er hat diesen eher ganz bewusst genutzt, um so die Tugendprüfung von Gott durch Mephisto „ertragen zu dürfen“.

 

Gute Nacht zusammen


Bild: Adolf Ulf Muenstermann

 

 

 

 

 

 

 

 



Webauftritt von stadt40

Teile jetzt diesen Artikel