Renaissance der Erbsünde

Leben wir in der besten oder schlechtesten aller Welten, und warum? Sapere aude!, habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, war der Wahlspruch der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Wie sieht sie also aus, die Postaufklärung, oder Postmoderne oder Postpostmoderne? Riskieren wir einen Blick.
Eine unbehagliche Stille liegt über der Welt. Die Bäume, die Autos, die Menschen. Alles funktioniert. robotisch. Beinahe androgyn und immer zuverlässig. In time. Keine kleinste Irritation wird geduldet.
 

Die Füße der Jugend stehen im Bus auf dem Boden und die Kippenstummel, sofern überhaupt noch geraucht wird, verschwinden in Taschenaschenbechern. Sauuuuber. Clean. Das Nichts wird zum Ideal der Schönheit.  Die Bedingung der Liebe ist eine fehlerfreie Vita. Was dereinst gemeinsame Hobbies oder Interessen waren, ist heute die Übereinkunft im „der Beste unter den Unauffälligen sein“ zu wollen.

 

Oder ist es die blinde Opposition? Die Ohnmacht vor der Reflexion der eigenen Nichtigkeit im Gegensatz zur  glorifizierten Automatisierung? Wer Menschen klonen kann, der kann auch Unmögliches möglich machen und auf komplizierte Fragestellungen einfache Antworten geben.

Wer das nicht kann, wird als disqualifiziert ausgemustert.  Corona wird zur Adoleszenzprobe der Wissenschaft auf einem Marktplatz der „getradeten“ Daseinsberechtigung von Relevantem.

Das harmonische Schweigen der Angepassten wird nur jäh vom Zorn der Zurückgelassenen unterbrochen. Aber die Schweiger stören sich nicht daran. Sie negieren im buddhistischen Seelenfrieden das Unerwünschte. Denn Selbiges ist so nicht-existent für sie wie Komplexität für die Frustrierten.

 

Betrunkene Bettler werden von Bankern und denen, die sich des statussymbolimages in gleicher Weise bedienen können, mit E-Bikes umkurvt. Die virale Schutzmaske gereift zum dankenswerten Vehikel den inneren Ekel über die Realität nicht öffentlich preisgeben zu müssen. Real ist zwar mittlerweile was sein kann, aber auch eben nur, das. Sonderbares wird zum schlechten Beispiel, zum Exempel, an dem die Kultur gemessen wird.

 

In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts befreite der Konsum aus einer ähnlichen Lethargie. Offenbarung Kaufrausch.

Und heute versucht man sich vom verselbstständigten Zwang der Glückskompensation mit Yogakursen zu befreien. In einem weißen Raum, mit champagnerfarbenen Decken auf Kirschbaumparkett. Der Klangteppich von Sinoia Caves - The Enchanter Persuaded ( https://www.dailymotion.com/video/x35ayx2) suggeriert den Seelenfrieden, der uns omnipräsent begegnet aber eigentlich nicht existent ist, denn es ist nur eine Illusion, die jeder zu enttarnen weiß.

 

Probleme werden wie Kuchenkrümel unter den Teppich der heilen Welt gekehrt. Es ist gar nicht so einfach, in einer solchen Welt noch „nein“ zu sagen, denn jede Opposition hat seine wohlgeordnete Nische, die mit Vehemenz verteidigt wird. Der aufgeklärte Teilhaber der Demokratie wird zu ihrem      willfährigen Hilfssheriff und der Freigeist zur mystischen Hexengestalt, die auf dem virtuellen Scheiterhaufen „Social Network“ verbrannt wird. Und diese Narben bleiben. Für Generationen.

Die Renaissance der Erbsünde.

 

Und plötzlich ist sie wieder da, diese Stille. Nur unterbrochen vom Vogelgesang des I-phone 11. Bis der Akku leer ist. Früher entrann man dem Chaos zu Hause in die Freiheit des Urlaubs. Heute flieht man aus der Ordnung des Alltags in die Ordnung des Urlaubs und alle wundern sich, warum immer mehr durchdrehen.

 

Bild: Adolf Muenstermann

  

--

Adolf Ulf Muenstermann Hammer Str. 215 D-48153 Muenster +49-175-9919932



Teile jetzt diesen Artikel


Lade jetzt kostenlos die App herunter