Wirecard: Aufstieg und Fall

Warum der Bilanzskandal des Dax-Unternehmens ein „komplettes Desaster“ ist.

Es fing alles so schön an. Das in München gegründete StartUp entwickelte sich hervorragend und konnte im Jahr 2005 sein Börsendebüt feiern. Seither wuchs das Unternehmen mit zweistelligen Jahresraten und eilte von Rekordjahr zu Rekordjahr – der Aktienkurs zog entsprechend mit und vervielfachte sich. Wirecard hat sich im schnell wachsenden Markt des elektronischen Zahlungsverkehrs zu einer festen Größe entwickelt. Jedes Mal, wenn ein Kunde an der Ladenkasse, im Internet oder per Smartphone bezahlt, verdient Wirecard an der Transaktion mit. Zuletzt gelang dem Zahlungsabwickler sogar der Sprung in den DAX, der Aktienkurs stand in der Spitze bei fast 200 Euro.

Diesem kometenhaften Aufstieg steht nun eine ebenso beispiellose Absturzstory gegenüber. Den Startschuss lieferte die englische Wirtschaftszeitung Financial Times. Sie warf dem Unternehmen mehrfach Manipulation und Unregelmäßigkeiten bei der Bilanz vor. Wirecard wies die wiederholten Anschuldigungen ausnahmslos zurück. Von außen war es im Grunde unmöglich zu erkennen, wer im Recht war – der Aktienkurs begann zu schwanken. Vergangene Woche kam es dann plötzlich zum großen Knall. Wirecard konnte keine vollständigen Zahlen vorlegen, 1,9 Milliarden Euro aus der Bilanzsumme existieren nicht! Die Summe, die angeblich auf Treuhandkonten in den Philippinen liegen sollte, ist nicht auffindbar. Die philippinischen Banken BDO Unibank und Bank oft the Philippine Islands teilten mit, dass Wirecard kein Kunde bei ihnen sei. Es handelt sich um einen Milliardenbetrug. Die Staatsanwaltschaft und die Bafin ermitteln jetzt; der Aktienkurs ist ins Bodenlose gefallen:


Nach dem Eingeständnis des Vorstands, dass die vermissten 1,9 Milliarden Euro gar nicht existieren, drängt sich die Frage auf, wie es überhaupt zu einem derartigen Betrug kommen konnte. Während die Deutsche Börse schweigt, macht die Bafin Eingeständnisse: „Wir sind nicht effektiv genug gewesen, einen solchen Fall zu verhindern. Private und öffentliche Institutionen haben versagt. Ich nehme die öffentliche Kritik voll und ganz an“, äußerte sich Bafin-Chef Felix Hufeld.

Der finanzielle Schaden für betroffene Anleger ist nur ein Teil der Auswirkungen des Skandals und für sich genommen schon schlimm genug, zumal sich die Aktie vor allem bei kleinen Privatanlegern großer Beliebtheit erfreute. Was wohl noch schwerer wiegt ist jedoch der Vertrauensverlust, der damit einhergeht: Das Vertrauen in eine deutsche Wachstumsstory mit „Silicon Valley Flair“, das Vertrauen in Institutionen und Akteure der Finanzaufsicht und das Vertrauen von Privatanlegern in den Aktienmarkt. Der Fall Wirecard ist ein großer Dämpfer für die zuletzt stetig gestiegene Aktienkultur in Deutschland und vor dem Hintergrund der zukünftigen Rentensituation negative Werbung für den eigentlich so wichtigen Bereich der privaten Vorsorge.



Bildrechte: finanzen.net, Onvista




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