Supergau in Gütersloh

Erneuter Corona-Massenausbruch in einem Fleischbetrieb: Beim Tönnies-Fleischkonzern im nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück sind mehr als 400 von insgesamt 1050 untersuchten Mitarbeitern positiv auf das Virus getestet worden...

..., wie der Kreis Gütersloh am Mittwoch mitteilte. Dabei lagen zunächst erst 589 Ergebnisse der Testreihe des Kreises vor, die noch ausstehenden wurden noch für Mittwoch erwartet. Der Kreis Gütersloh schloss umgehend alle Schulen und Kindertagesstätten bis zu den Sommerferien.

Bei der großangelegten Testreihe des Kreises Gütersloh bei Tönnies wurden den Angaben zufolge 395 Infizierte registriert. Hinzu kommen nach Kreisangaben noch 20 weitere, die bei Untersuchungen unabhängig vom Kreises positiv getestet wurden. Insgesamt belief sich die Zahl der Infizierten somit auf 415. "Mit weiteren positiven Befunden ist zu rechnen", hieß es in der Kreisverwaltung.

Alle Infizierten und ihre Kontaktpersonen wurden unverzüglich unter Quarantäne gestellt. Kurzfristig sollen nun auch alle noch nicht getesteten und auf dem Betriebsgelände tätigen Menschen in Quarantäne kommen und getestet werden. Zudem ordnete der Kreis Gütersloh die unverzügliche Schließung des Schlachtbetriebs an.

Mit den Maßnahmen solle verhindert werden, dass sich das Virus in der Bevölkerung im Kreis Gütersloh ausbreite, sagte Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU). Einen allgemeinen Lockdown im Kreisgebiet wird es aktuell nicht geben, wie die Kreisverwaltung mitteilte. Dies hätten Adenauer und NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) gemeinsam festgelegt.

Der Tönnies-Konzern entschuldigte sich für den massiven Ausbruch. Das Unternehmen arbeite eng mit dem Krisenstab und den Behörden zusammen, sagte der Leiter der Tönnies-Unternehmenskommunikation, André Vielstädte. Bei den mehr als 400 positiv Getesteten handle es um Mitarbeiter unterschiedlicher Nationalitäten sowie "direkt oder indirekt" angestellte Beschäftigte, die in unterschiedlichen Wohnsituationen lebten.

Angesichts des erneuten Corona-Ausbruchs kritisierten Politiker von Grünen und SPD erneut die Zustände in der Fleischindustrie. "Die Gesundheit der Beschäftigten wird für die Profite der Fleischbarone aufs Spiel gesetzt", erklärte der Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter. "Wo bleiben die großspurig angekündigten gesetzlichen Regelungen für den besseren Schutz der Beschäftigten, bessere Wohnbedingungen, mehr Hygiene und effektivere flächendeckende Kontrollen?"

Die SPD-Fraktionsvize Katja Mast nannte es "schlimm, dass es jetzt schon wieder einen so massiven Ausbruch gibt". "Es geht um hart arbeitende Menschen, oft aus ärmeren Teilen Europas, die häufig in Sammelunterkünften untergebracht sind." Es dürfe nicht sein, "dass lokale Lockerungen durch die Pandemieherde in der Fleischindustrie wieder gefährdet werden".

Derweil stellte das Land Nordrhein-Westfalen laut einem Bericht des "Kölner Stadt-Anzeigers" bei Überprüfungen katastrophale Mängel in den Unterkünften von Mitarbeitern in der Fleischindustrie fest. Das Blatt berief sich auf Ergebung des NRW-Arbeitsministeriums. Grundlage sind demnach Überprüfungen von landesweit rund 650 Sammelunterkünften und Werkswohnungen, in denen mehr als 5300 Menschen leben.

Dabei dem Bericht zufolge fast 1900 mittlere und gravierende Beanstandungen festgestellt - zum Beispiel fehlende einfache Hygienemaßnahmen in Kombination mit Überbelegungen, Schimmelpilzbefall, Einsturzgefahr, undichte Dächer, katastrophale Sanitäreinrichtungen, Rattenbefall und Brandschutzmängel.

"Die Unterkünfte in der Fleischindustrie sind zum Teil katastrophal", sagte der NRW-Gesundheitsminister Laumann der Zeitung. "Ob fehlender Brandschutz, Einsturzgefahr oder die Missachtung einfachster hygienischer Vorschriften: Hier wird - offenbar aus Gründen der Profitmaximierung - mit der Gesundheit der Beschäftigten gespielt." Dies sei "unverantwortlich".

rh/cfm

© Agence France-Presse


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