Der blöde Hund

Es ist erst einige Minuten her, dass ich einem Mitstudenten, natürlich auf akademisch adäquatem Niveau, die Meinung gegeigt habe. Aber was gibt diesen und anderen Worten eigentlich ihre Kraft? Oder anders gefragt: Kann Bello einen Knochen wollen?

Wahrscheinlich denken Sie jetzt: Natürlich, denn wenn ich ihm einen Knochen oder ein anderes Leckerli hinhalte, dann macht er brav sitz und sabbert, bis ich ihm das Objekt der Begierde überreiche. Donald Davidson, ein amerikanischer Philosoph des ausgehenden 20. Jahrhunderts, dem Sie bereits das „Ereignis Biertrinken“ (https://m2.stadt40.de/article/1706) verdanken, geht dabei vorsichtiger vor. Zum einen rekurriert er auf Ludwig Wittgenstein, der inhaltlich gesagt hat, dass erst die Einstellung zu einer Sache einem Wort Bedeutung geben kann. Wenn ich also an dieser Stelle „Stellschraube“ schreibe, ist das völlig kontextlos und somit (von der Proposition der Provokation durch die absurde Nennung mal abgesehen) „sinnlos“. Erst die Einstellung gibt der Sprache einen Sinn. Und eine Einstellung bedingt notgedrungen, dass man auch anderer Einstellung sein kann, will heißen: Ich kann nur dann wahnsinnig verrückt danach sein, eine ganz bestimmte Frau zu knutschen, wenn es die Option gibt, dass ich es nicht möchte, oder, dass ich keine andere meine Lippen berühren soll.

 

Ich bin also in diesem Fall nur deshalb in der Lage das auszudrücken was ich möchte, weil ich andere Möglichkeiten der Entscheidung hätte. Einfach gesagt: Ich will Marina knutschen, weil ich weiß, dass ich beispielsweise Julia nicht, … näher kommen möchte. Ich habe also eine ganz bewusste Proposition, die ich zum Ausdruck bringe. Mein Wunsch hat ergo nichts Willkürliches. Und auch der Instinkt spielt in diesem Falle nur eine untergeordnete Rolle. Ganz im Gegensatz zu Bello. Sein Instinkt füllt quasi das Vakuum der Erkenntnismöglichkeit, die wir nutzen können.

 

Auf Bello übertragen heißt das:

Bello sieht den Knochen. Und Knochen steht in Bellos Gehirn (das übrigens im Durchschnitt an der Neuronenanzahl gemessen, so groß ist wie die Anzahl von „Gehirnzellen“ in unserem Darm, aber das nur am Rande) für „lecker“ und „satt“ und nicht für: „Will ich haben“. Denn Bello ist nicht in der Lage zu differenzieren. Bello sagt oder besser denkt nicht: „Ich will aber einen anderen Knochen“ oder: „wenn der Vitamin D und mit Pansen gefüllte Happen größer wäre, würde ich ihn noch lieber haben wollen“. Für Bello gibt es nur: „Knochen da“ und „Knochen nicht da“. Wenn er nicht da ist, mag ihn vielleicht der Hunger plagen, aber selbst wenn wir all seine Gehirnströme entziffern könnten, kämen wir nicht zu dem Gedankenereignis:  „Ohhhhh, hätte ich jetzt gern einen Knochen von Herrchen oder Frauchen“ oder gar „den Knochen vom Eisbein gestern“. Was nicht heißt, dass er ihn liegen lassen würde, wenn er vor ihm läge. Was vorangegangene These nur untermauert.

 

Davidson fasst das so zusammen:

Um ein denkendes Vernunftwesen zu sein, muss das betreffende Lebewesen im Stande sein, viele Gedanken zum Ausdruck zu bringen, und vor allen Dingen muss es die Äußerungen und Gedanken anderer interpretieren können.

 

Und das Bello dazu nicht in der Lage ist zeigt sich schon daran, dass er ein Problem mit Katzen hat, und zwar dergestalt, dass er „glücklich“ ist, wenn sein Schwanz wedelt, während es bei der Katze genau das Gegenteil bedeutet. Das wird Bello nie begreifen, selbst wenn er „Muschi“ schon Jahre kennt. Er kann sich also nicht in andere versetzen.

Das liegt jedoch nicht vornehmlich daran, dass er weniger Grips hat, sondern dass ihm das Abstraktions- und Erkenntnisvermögen fehlt. Baum ist Baum. Knochen ist Knochen. Und selbst das ist für unseren putzigen Freund mit der kalten Schnauze nicht ansatzweise so klar wie für uns. Er sieht natürlich etwas anderes, wenn er jeweils einen Baum oder einen Knochen erblickt, aber das ist nicht wichtig für Bello. Für ihn zählt nur: da, oder nicht da, und selbst „nicht da“ sogar nur so abstrakt, als dass ihm  das Dasein des Knochens nicht zu Teil wird. Ähnlich wie uns der Hunger oft erst beim Essen kommt, aber wenn grad keiner Burger auftischt, käme man auch nicht unbedingt auf den Gedanken, dass man jetzt einen Burger will. Und selbst wenn just eine Burgerwerbung läuft, gieren Sie nur nach billigem Bratfett, weil sie in ihrem Kopf abgewogen haben und zu dem Entschluss kommen: „Neee, heute keine Pizza, lieber Royal with cheeeese.“

 

Möglicherweise schwirrt Ihnen grad durch den Kopf, dass der vierbeinige Liebling, immer wenn Sie in den Flur gehen aufspringt, weil dort die Leine hängt und er sich angeblich auf das Gassi gehen „freut“. Aber auch da würde Ihnen der verstorbene Klugscheißer aus Wisconsin widersprechen, denn:

1.       Springt ihr Hund ja auch auf, wenn Sie nur die Schuhe in den Flur bringen, das heißt, dass er nicht weiß, dass Sie gleich gemeinsam raus gehen, sondern es wenn nur ahnen könnte, aber auch das tut er nicht. Er ist lediglich konditioniert, so wie Sie es morgens beim Aufstehen sind, wenn der Wecker klingelt. Und das nicht nur wenn es zur Arbeit geht. Sie könnten ja auch einen anderen Termin haben, beispielsweise ein Date, und dennoch schimpfen. Aus reiner Routine. Nur weil sich der digitale Störenfried meldet.

 

2.       Wenn Sie nicht in den Flur gehen, kommt Bello nicht auf die „Idee“ rausgehen wäre jetzt klug und geht zur Tür. Er geht nur dann zur Tür und kratzt, wenn ihm die Blase zu platzen droht und das auch nur, weil er darauf konditioniert wurde, dass auf den Teppich pinkeln keine Option darstellt. Das „auf den Teppich pinkeln“ ist aber keine präsente Alternative im Kopf von Bello, sondern diese „Lösung“ wurde quasi aus seinem Gedächtnis gestrichen. Wenn er dennoch auf den Teppich macht, hat er folglich auch kein schlechtes Gewissen (weder vorher noch nachher). Er kann es wahrscheinlich schlicht nicht mehr halten und lässt es laufen. Die Strafe im Anschluss ist folglich völlig überflüssig, denn Bello findet morgen nicht, dass das eine scheiss Idee war, sondern Sie. Denn Sie gehen am nächsten Tag rechtzeitig mit ihm raus. Sprich sie haben gelernt, weil sie die Alternative kennen und nicht Bello.

 

Aber all das sollte über eines nicht hinwegtäuschen: Lieben, können Tiere sehr wohl und das nicht nur wie wir Menschen, sondern sogar an der gleichen Stelle im Gehirn. Allerdings bleibt Bellos Äußerung immer ein „Wau“ und nie ein „WOW“.

 

Ach ja, ob der Mitstudent ein „dummer Hund“ ist, wird sich zeigen.


Foto: Der blöde Hund himself

 

 



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