Einblicke in das Digital-Semester


Das erste Digital-Semester an der WWU läuft bereits seit mehreren Wochen. Die digitale Lehre ist für alle Beteiligten eine große Herausforderung, für viele Dozenten und Studierende ist es sogar Neuland. Die aktuelle Situation setzt aber auch Kreativität und außergewöhnliches Engagement frei. Wir stellen Ihnen im Rahmen einer mehrteiligen Serie kreative Ansätze des Lernens und Lehrens quer durch die Universität vor.

Teil 1: Wettkampfgeist im Seminar „Gymnastik und Tanz“ (FB 7 Psychologie und Sportwissenschaft)

Studentin Kathrin Pasel© privat
Für die Bachelor-Studierenden der Seminare „Gymnastik und Tanz“ Teil A und Teil B am Institut für Sportwissenschaft heißt es in diesem Semester: digitales Lernen von Zuhause aus. Zu Beginn des Online-Semesters war für die Dozentinnen Dr. Barbara Halberschmidt und Sarah Riedel nicht klar, wie sie die vielen praktischen Übungen ohne Präsenzveranstaltungen umsetzen sollen. „Wir können eine Menge zu theoretischen Aspekten einer Sportart berichten. Aber ohne die praktische Umsetzung der Bewegungen haben wir uns Sorgen um die Motivation der Studierenden gemacht“, berichtet Sportpsychologin Barbara Halberschmidt.

Um dennoch Bewegung in den Kurs einzubauen, hatte Sarah Riedel vom Arbeitsbereich Sozialwissenschaften des Sports eine pfiffige Idee: eine „Challenge“ der Dehnfähigkeiten, um einen Vergleich zwischen statischem (Teil A) und dynamischem Dehnen (Teil B) zu erhalten. „Das Konzept soll einerseits zur Leistungssteigerung der Studierenden beitragen und andererseits die Motivation der Kursteilnehmer aufrechterhalten“, erläutern die beiden Wissenschaftlerinnen, die zum ersten Mal ein Online-Seminar veranstalten.

Im Laufe der ersten sechs Seminarwochen findet zweimal wöchentlich ein Dehnprogramm mit fünf Fertigkeiten statt. Die Seminarteilnehmer sollen innerhalb von 15 Minuten die Übungen Standwaage, Brücke, Langsitz, Grätschsitz und Arm-Rumpf-Winkel-Dehnung durchführen. Jede Übung wird mit einem Foto dokumentiert und anschließend im Learnweb, der zentralen e-Learning-Plattform der WWU, hochgeladen. Die Dozentinnen bewerten die Ausführung und den Grad an Beweglichkeit. Im besten Fall steigern die Teilnehmer ihre Dehnfähigkeiten kontinuierlich. „Der Gewinnerkurs bekommt am Ende des Seminars einen Preis. Der wird überreicht, wenn wir hoffentlich wieder alle zusammen auf dem Sportplatz stehen“, sagt Sarah Riedel.

Der Wettkampf und die Online-Lehre kommen auch bei den meisten Studierenden des Seminars gut an. Für die 22-jährige Kathrin Pasel ermöglicht das Seminar eine „super Vorbereitung“ auf die Klausur. „Außerdem können wir viele Ideen für unsere Praxisprüfung sammeln, da wir uns im Seminar häufig ‚Best–Practice-Beispiele von Prüfungen anschauen. Die Dehn-Challenge ist für mich eine extra Motivation, sich auch während der Zeit des Online-Semesters fit zu halten“, erklärt die Mathe- und Sportstudentin, die sich im sechsten Semester befindet. Dennoch fehle ihr der fachpraktische Teil, der nicht vollständig durch die Online-Lehre ersetzt werden könne.

Die Dozentinnen sind begeistert von der Anstrengungsbereitschaft und der Geduld der Studierenden. Trotzdem hoffen sie, dass das Seminar und das Online-Semester eine einmalige Lehr- und Lernerfahrung ist. „Ich hätte unter normalen Umständen digitale Lehre vermutlich niemals kennengelernt – empfinde es aber als eine positive Herausforderung, die ich gerne eingehe. Auch für die Studierenden ist das eine tolle Erfahrung“, sagt Barbara Halberschmidt. Dennoch fehle der persönliche Kontakt und die besondere Atmosphäre, die normalerweise in den Sportkursen herrscht.

Teil 2: „Handgestricktes“ aus der Online-Welt für Geisteswissenschaftler (FB 8 Geschichte/Philosophie)

Prof. Dr. Jan Keupp© Jana Schiller
Für Prof. Dr. Jan Keupp hatte der Start ins Online-Semester einen Hauch von „Guerilla-Taktik“ – schließlich musste so mancher geisteswissenschaftliche „Online-Neuling“ die digitalen Lern- und Lehrmethoden in den ersten März-Wochen aus dem Stegreif entwickeln. „Das Online-Semester kam Corona-bedingt einem Überfall gleich. Wie bei vielem anderen im Alltag musste alles ad hoc und teils ohne große Planung umgesetzt werden. Mir war schnell klar, dass einige Studierende sowie Dozentinnen und Dozenten sofort Hilfe brauchen“, erinnert sich der 46-Jährige. Der digital versierte Historiker legte los, entwarf kleine Filme mit aus der Kinowelt entlehnten Trailern zum Schmunzeln und genaue Schritt-für-Schritt-Anweisungen mit Tipps – zum Beispiel zur Vertonung von Powerpoint-Präsentationen oder mit abfotografierten Internetseiten (Screenshots), um die Handhabung des neuen Instrumentariums der Online-Welt zu veranschaulichen.

„Denk dir was aus“: Mit diesen Worten eines Kollegen hatte sich Jan Keupp auf die Suche gemacht – im Wissen um einen kleinen Nachteil seiner Fachkollegen im Vergleich zu vielen Naturwissenschaftlern, für die Grundkenntnisse in Informatik wie selbstverständlich zum Fach gehören. „Brillante Musikwissenschaftler oder Philosophen kommen normalerweise ohne dieses Wissen aus“, weiß Jan Keupp. Er hat Spaß daran, die teils kompliziert wirkenden Werkzeuge der Computerprogramme auf einfache und verschmitzte Art zu erklären. „Es sollte gerade nicht perfekt sein. Das ‚Handgestrickte‘ aus dem Homeoffice sollte man sehen“, betont er. Der Mittelalter-Historiker, der Studierenden jetzt im Online-Semester etwa die Grundlagen zum Lesen von Texten aus dem 12. bis 15. Jahrhundert beibringt, forscht neben seiner Hilfe zur Selbsthilfe weiter. Er fand Online-Plattformen wie „CodiMD“. Damit können mehrere Seminarteilnehmer gleichzeitig Texte schreiben und bearbeiten.

Zugleich habe der neue Umgang mit Zoom als Videokonferenz-Plattform zur Folge, dass die Studierenden direkt zur Mitarbeit animiert werden können. „Wer sich im Seminar sonst weggeduckt hat, bekommt jetzt von mir die Aufforderung, sich mit der Zoom-Chat-Funktion zu beteiligen. Früher meldeten sich vielleicht drei Leute, heute muss jeder etwas in den Chat schreiben. In solchen Fällen wird die Präsenzpflicht wortwörtlich umgesetzt.“ Zudem fordere er ständig Kommentare ein. Sein neuester Coup ist ein Lernvideo zum Thema: „Wie lese ich mittelalterliche Liebesbriefe?“.

Die Videos von Jan Keupp sind im Learnweb des Intranets einsehbar unter:
https://sso.uni-muenster.de/LearnWeb/learnweb2/course/view.php?id=43815 (Passwort: online)

Wenn Sie ebenfalls ein interessantes Lehrprojekt vorstellen möchten, das eigens für das Digital-Semester entwickelt wurde, melden Sie sich gerne bei uns (communication@uni-muenster.de).

Der „WWU Teach Tank“ am Zentrum für Hochschullehre (ZHL) bietet eine Plattform für Lehrende zum weiteren Austausch, zur Orientierung und Vernetzung rund um das Thema digitale Lehre. Weitere Informationen finden Sie unter: https://www.uni-muenster.de/ZHL/vernetzung/index.html.

Titelbild: © WWU - Peter Leßmann



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