Romanzen sehen und knutschen

Aus dem Leben eines vertrockneten Hundehaufens

Das Tragische an der Einsamkeit ist, dass man nur noch sich selbst verletzen kann. Das Schöne an Einsamkeit ist, dass es nur noch schöner werden kann. Das Perfide an Einsamkeit ist, dass man in ihr so schwer verweilen kann. Alles dreht sich um Vergangenes oder Kommendes, aber kein Gedanke verschwendet sich ans Jetzt.

Man könnte an sich denken und verwöhnen, aber man verzweifelt daran, seinen Wunsch nach Zärtlichkeit nicht teilen zu können. Wie gerne würde ich teilen. Aber mein Kuchen ist alt und gewöhnlich, jeder Bahnhofsdonut schmackhafter und jedes Käsebrot attraktiver.


Ich habe keinen schwarzen Hund. Mein Leben ist auch nicht groß anders als das anderer. Meines ist nur moll. Alles wie ihr es kennt, nur eine Nuance tiefer. Schräger. Man kann noch erkennen was gemeint ist, selbst die Harmonien sind noch zu erkennen. Aber sie beißen die Gewöhnlichkeit und schmerzen den Gleichklang. Als Kuchen gerade gut genug, um vorm Verhungern zu schützen.


Es ist gut zu wissen, dass es diesen Kuchen gibt, aber man reißt sich nicht darum, ihn essen zu wollen. Alleine schon wegen des Images, dass man beim Verzehr realisiert, an welchem Tiefpunkt man angelangt ist. Nach dem letzten Bissen ist alles verschwunden.


Das schönste Loch ist das ohne Boden? Weil man nie aufhört zu fallen? Für mich ist es wie ertrinken ohne zu sterben. Jeden Tag ein bisschen. Wenn Elefanten sich fühlen wie ich mich heute fühle, gehen sie fort um zu sterben. Ich bin den gleichen Weg gegangen, nur ohne das Ziel zu erreichen. Weil die Hoffnung wie eine Karotte am Stock vor der Nase baumelt und man sich vormacht, sie erreichen zu können. Aber die Karotte ist unerreichbar. Das macht aus ihr meine Liebe. Und vielleicht ist sie auch deshalb unerreichbar, weil ich selbst Angst davor hat, dass wenn ich sie mein Eigen nennen könnte, sie sich als schnöde Karotte entpuppt, die ich mit meinen gewöhnlichen Kategorien in ihrer Schönheit gar nicht zu würdigen weiß.


Was kommt, wenn alles gegangen ist? Was macht man, wenn man es nicht richtig machen kann? Wo geht man hin, wenn man weiß, dass jeder Weg in einer Sackgasse endet. Ich liebe ohne geliebt zu werden und hasse, ohne dass es wahrgenommen wird.


Alle bedienen sich an meinem Kuchen, damit sie nicht an ihren gehen müssen und merken nicht, dass sie mit jedem den Weg zum eigenen nur verzögern. So lange man sich an meinem Kuchen sättigt, wird man irgendwann seinen eigenen essen.


Jetzt sitz ich hier und befreie Krokodilstränen mit Romanzen, weil da keiner ist, mit dem ich knutschen und händchenhalten kann. Nicht weil es keinen gibt, sondern weil eine gläserne Wand zwischen uns steht, die will, dass wir schmachten und die sich ergötzt am Elend. Aber die Welt dreht sich weiter, ob Rechnungen bezahlt oder meine Lippen geküsst werden. Meine Hand ist meine Hand, allein schon, wenn sie von anderen gesehen wird. Sie bedarf keiner Berührung um existent zu sein, aber ohne, hat sie keinen Sinn.


Ich geh jetzt und esse meinen Kuchen selbst. Ob ich anderen davon erzähle und wenn ja wie, das entscheide ich spontan. Vielleicht im Knast, weil ich Rechnungen nicht bezahle. Vielleicht in der Irrenanstalt, weil ich deshalb durchgedreht bin. Oder einfach meinem Papa, auch wenn der mich dann fragen wird, ob es das wert war.