Kultiviertes Durchdrehen

Ich habe keine Ahnung, wann genau noch einmal die Quarantäne - Zeit begonnen hat, aber mittlerweile merke ich, was Hannah Arendt damit meinte, als sie soziale Interaktion als Bedingung des Seins bezeichnete.

Der Lärm der Hauptstraße an der ich wohne, ist beinahe verschwunden. Soziale Interaktion werden sukzessive auf das Notwendigste reduziert und die zunehmende Präsens der Masken bedingt zweierlei: Zum einen lässt sie die in uns schwelende Angst, sich mit dem todbringenden Virus anzustecken, lebendig und zum anderen anonymisiert sie die eh schon selten gewordenen sozialen Interaktionen.

Der Preis der Gesundheit ist hoch, und die Lösung der Misere wird zum größten Problem, dass es zu bewältigen gilt. Wie schaffen wir es, als Gesellschaft in Isolation nicht irre zu werden? Wobei irre zu werden hier eine gewagte Titulierung darstellt, denn am Ende konfrontiert uns die Quarantäne nur mit uns. Ihre Kernkompetenz der Abschottung sorgt dafür, dass wir uns selbst so nahe kommen, dass wir es kaum noch ertragen können. Wenn man sich von sich selbst scheiden lassen könnte, würde auch wohl diese Rate nach der Pandemie ansteigen.

Aber vielleicht haben wir uns ja schon von uns selbst entfremdet und genau das tritt jetzt zu Tage. Mit einem gesteigerten Alkoholkonsum von 40 Prozent versuchen wir zu betäuben, was nicht mehr zu ertragen ist. Wir geißeln uns für zu hohen Porno- oder TV-Konsum. Lethargie und Müßiggang, weil in uns immer noch die Kategorie des konstruktiven Kapitalismus lodert. Wir sollten jetzt Sport machen, oder Arbeiten, Geld verdienen oder sonst was, aber das machen wir nicht. Interessant ist jedoch, dass nicht der Umstand der Tatenlosigkeit uns in den Wahnsinn treibt, sondern der fehlende Vorwurf.

Wir sind dazu verdammt, wieder vollends selbst Verantwortung für unser Tun zu übernehmen. Da scheißt uns kein Chef an, wenn wir unsere Aufgaben nicht oder nur unzureichend erledigen, sondern entlässt uns einfach mit einer digitalen Botschaft. Befreit von Emotion und der Möglichkeit zu intervenieren.

Und wir sitzen dann da. Im vermeintlichen Frieden, der angereichert von den Stimmen der Vögel eine Ruhe suggeriert, die eigentlich nicht existent ist. Und kein Piepmatz der Welt ist bereit, sich unser Klagelied anzuhören. Da können wir schreien und saufen und Drogen nehmen so viel wir wollen. Das Echo bleibt aus und manifestiert den Eindruck, dass alle Bemühungen für die Katz sind. Was gut läuft wird stillschweigend hingenommen, und was mies läuft erfährt entweder die gleiche Resonanz oder eine wie eben angedeutete kurze Mitteilung.

Die sukzessive Öffnung der Quarantäne wird deshalb auch wohl mehr dem befürchteten kollektiven Koller geschuldet sein denn einer Verbesserung der Lage. Die scheinbare Handlungsfähigkeit der Politik, die sich in symbolträchtigen Aktionen wie Maskenzwang darstellt, ist ein bisschen wie eine Zeugnisnotiz beim Looser der Klasse „ Er hat sich stets bemüht.“

Aber wie sollte man daraus einen Vorwurf formulieren? Wüssten wir es besser? Ist nicht der Versuch, zu retten was nicht mehr zu retten ist, besser als tatenlos zuzusehen? Leider kann zumindest ich die Frage nicht eindeutig beantworten. Gewiss schadet das Tragen von Masken nicht, weshalb das Gebot sie zu tragen gerechtfertigt scheint, aber was ist der Preis. Omnipräsent konfrontiert uns das Bild verhüllter Gesichter mit der Angst. Der Angst zu sterben. All unsere Bemühungen der letzten Jahre, den Tod durch Konsum aus unserem Leben zu streichen, haben sich erledigt. Und dafür brauchen wir keine Leichenberge, dafür reicht schon eine selbstgestrickte Maske. Und wenn wir sie nicht tragen, dann diskutieren wir über sie und ihren Sinn oder Unsinn.

Aber was ist die Kraft dieser Angst? Was macht sie so faszinierend, dass wir sie wie einen guten Freund oder Verwandten nicht einfach vor der Tür unserer Seele versauern lassen können?

Michel Fouceault würde an dieser Stelle wieder den gesellschaftlichen Charakter des Panoptikums anführen. Das theoretisch beobachtet zu werden. Die Kraft des Staates hat sich gewandelt, sie ist von einer Doktrin des Tötens zu einer des Überlebens geworden. Der Staat zwingt uns dazu, überleben zu wollen und schafft dieses mit Horrorszenarien die eintreten, wenn wir uns nicht daran halten. Nein, wir werden nicht erhängt, wir bekommen Krebs, guckst du hier, so sieht das aus, und dann kann ich dir nicht mehr helfen sondern nur noch nachtreten und sagen: Hättest du mal auf mich gehört. Und wir, mit unserem überschätzten Ego, die sich alle für etwas besonderes halten und gleichzeitig wissen, dass wir nur ein Leben haben, versuchen dieses so lang wie möglich zu gestalten.

Warum? Weil wir glauben, dass ein langes Leben ein Qualitätsgarant ist. Je älter wir werden, desto mehr steht unser Alter wie ein Siegel für braves Bürgertum. Ich habe nicht geraucht, nicht getrunken, nicht ohne Gummi gevögelt, und natürlich gehe ich auch regelmäßig zum Sport. Aber wem nutzt dieses lange Leben eigentlich? Macht es uns nicht zu schnöden Arbeitsmaschinen, die eine längere Halbwertzeit haben? Ist die Freizeit, die wir genießen, am Ende nicht nur eine Pflichtvergütung, um zu verblenden, dass wir nicht frei sind?

Die Regelhaftigkeit, die diesen Prozess zu einer Wahrheit machte, steckt so tief in uns drin, dass wir in Zeiten wie diesen dem, was eigentlich unsere Kernaufgabe des Lebens ist, es zu genießen, nicht mehr nachkommen können, weil wir uns selbst glauben machen, das wir dieses Privileg nicht verdient haben. Am Ende der Krise wird der Kapitalismus siegen, und wir alle werden ihm zustimmen: Stimmt, ich kann mich nicht ertragen, ich will nicht machen was ich möchte, bitte nimm mich an die Leine und gebe meinem Leben einen Sinn, der mir zwar nichts bringt, aber von dem ich überzeugt bin, dass nur er die unruhige Seele etwas besänftigen kann.

Wir wollen arbeiten und dienen. Wir wollen als aufgeklärte Bürger unser Recht auf Sklaventum in Anspruch nehmen, um uns selbst zuzugestehen, irgendwann auch mal müßig sein zu dürfen.

Die Disparität zur Nichtmuße macht die Muße überhaupt erst ertragbar, erst die Pflicht gibt der Faulheit ihre Berechtigung und über das alles, Pflicht und Abhängen müssen wir uns austauschen. Der Diskurs mit Anderen stärkt uns in unseren Ansichten, selbst wenn wir diese ändern. Der Kampf der Argumente lässt uns aus jeder Unterhaltung mit gestärktem Selbstbewusstsein hervorgehen und darüber das eigene Ich legitimieren. Ich bin der Arbeiter X, der sich gerne mit Sport bei Mac Fit entspannt. Das ist kollektiv akzeptiert, weil es ausdiskutiert wurde und sich in diesem Prozess eine vermeintliche Wahrheit entwickelt hat, die so fest in unseren Überzeugungen verankert ist, dass eine Umkehr unmöglich ist.

Der Kampf verschiedener Präferenzen in uns und der Gesellschaft, hält den Prozess des Werdens und Seins  bei Laune. Es ändert sich nicht die Doktrin der Macht, sondern nur noch der Inhaber selbiger. Und weil wir diesen selbst mit gewählt haben, vertreten wir diesen auch selbstbewusst und denunzieren diejenigen, die gegen dieses Gebot verstoßen. Leider vergessen wir dabei, dass wir peu a peu dabei unser Ich in den Kategorien auflösen. Jede Facette pocht auf ihre Daseinsberechtigung. Wird zur Diskussionsgrundlage und ihre Sprache zum Korrektiv für geduldet und nicht geduldet. Und all das Abnorme und Perverse , das vormals als Teil der Gesellschaft geduldet und mitgetragen wurde, wie der Dorfdepp, wird zur „Genese“ in psychiatrische,  medizinische oder juristische Instanzen verbannt.

Aber nicht ohne haargenau Buch darüber zu führen, was diese Facette im Sprachgebrauch der Normalität genau ausmacht. Der Kreis, der Abnormität wird kleiner, der Konsens größer und dass ich überflüssiger, bis wir am Ende nur noch ein Teil von Gruppierungen sind, ohne individuelle Facetten, weil diese dem Drang der Gemeinsamkeit anheim gefallen sind. Wir wollen nicht autonom sein, wir wollen uns als Teil eines Kollektives begreifen. Teil von Gleichgesinnten sein, um Erfolgsrezepte des Überlebens von anderen zu adaptieren.

Und all das, der Zwang zur Unterwerfung, wurde uns mit der Doktrin Gesundheit durch Quarantäne genommen. Und gleichzeitig fühlten wir ihm uns nie mehr verpflichtet.

Die Massengräber in New York, die Leichenberge in Italien und die Wiedereröffnung der Tiermärkte in China sind dabei Gehilfen der Macht. Willst Du da enden? Was wir vergessen ist, was die Alternative ist.

Ich möchte an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass ich nicht viel vom Boykott sämtlicher Vorsichtsmaßnahmen halte. Aber wenn wir klug sind, geben wir unserem Willen zum Überleben, dem Willen zur Macht des Überlebensinstinktes eine neue Begründung. Lebensqualität als Grundrecht. Bleib gesund um deine Perversion zu pflegen, weil sie dich einmalig macht und nicht als Teil einer Maschinerie, die schon bald wieder versucht, unsere Unfähigkeit zur Freizeitkultivierung mit der Kompensation durch Konsum zu kompensieren.

Bleiben Sie gesund und drehen Sie nicht durch! Vielleicht beginnen wir ja mal damit, unser Verhalten möglichst wertfrei zu reflektieren. Wenn ich faul bin, dann hat diese Kraft in mir gewonnen, und eigentlich finde ich diesen Impuls ja gut, denn sonst wäre ich ja fleißig. Dass ich fleißig sein will, ist vornehmlich der Kategorie geschuldet, dass der globale Konsens von mir erwartet, faul sein scheiße zu finden.






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