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Ungewollt Schwanger - Erfahrungen und Lebenslagen - die Elsa- Studie

Ungewollte Schwangerschaften stellen für viele Frauen in Deutschland eine Grenzsituation dar.

Berlin –  Bei einem Schwangerschaftsabbruch stoßen sie nach wie vor auf viele Barrieren, wie zum Beispiel auf Schwierig­keiten beim Zugang zu Informationen, teilweise hohe Kosten für den Abbruch oder einen eingeschränkten Zugang zum Versorgungsangebot, der sich insbesondere regional unterscheidet. Probleme gibt es insbeson­dere in den südlichen Bundesländern.

Dies zeigt die vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) aufgrund eines Beschlusses des Bundestages geförderte ELSA-Studie – „Erfahrungen und Lebenslagen ungewollt Schwangerer – Angebote der Beratung und Versor­gung“–, deren erste Ergebnisse heute der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Im Herbst soll der Gesamtbericht einschließlich Handlungsempfehlungen an die Regierung übergeben werden. Für Deutschland gibt es bislang keine andere vergleichbar umfassende und fundierte Erhebung.

„Die gewonnenen Erkenntnisse zum Erleben und Verarbeiten ungewollter Schwangerschaften, zu den psycho­sozialen Beratungs- und Unterstützungsangeboten sowie zur medizinischen Versorgungssituation können sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene wie auch von Institutionen und Einrichtungen dafür genutzt werden, um diese Unterstützungs- und Versorgungsleistungen passfähiger auf die Bedarfe der Frauen hin zu entwickeln und dafür gegebenenfalls die adäquaten gesundheits- und fachpolitischen Entscheidungen zu treffen“, erläuterte heute Daphne Hahn, Projektleiterin und Professorin für Gesundheitswissenschaften und empirische Sozialforschung an der Hochschule Fulda.

Im Rahmen der Untersuchung hatte ein multidisziplinärer Forschungsverbund mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von sechs Hochschulen und Universitäten in den vergangenen dreieinhalb Jahren die Le­bens­lagen und Bedürfnisse ungewollt Schwangerer, ihre Unterstützungs- und Versorgungsbedarfe sowie die Versorgungsstrukturen analysiert.

„Untersucht wurden einerseits die Belastungen und Ressourcen von Frauen, die eine ungewollte Schwanger­schaft austragen oder abbrechen sowie deren Entstehungsbedingungen und Veränderungen im Zeitverlauf. Andererseits haben wir den Stand der psychosozialen und medizinischen Unterstützungs- und Versorgungs­angebote analysiert“, erläuterte Hahn.

Befragt wurden mehr als 5.000 Frauen mit ungewollten oder gewollten Schwangerschaften. Die Studie um­fasst dabei zum einen eine repräsentative Erhebung bei 4.429 Frauen, die eine ungewollte oder gewollte Schwangerschaft ausgetragen haben. Zum anderen wurde eine – im statistischen Sinn nicht repräsentative – Stichprobe von 662 Frauen mit Schwangerschaftsabbruch befragt.

Auffällig war, dass die Lebenslagen von Frauen, die ungewollt schwanger wurden, sehr heterogen sind. Inter­essanterweise unterschieden sie sich gerade dadurch von den Lebenslagen bei gewollten Schwangerschaften. „Für Familiengründungen und -erweiterungen ungünstige Lebensumstände sind bei ungewollt eingetretenen Schwangerschaften häufiger verbreitet als bei gewollten Schwangerschaften“, erklärte Laura Olejniczak, So­zialwissenschaftliches Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen Freiburg.

Bei ungewollt eingetretenen Schwangerschaften, die später abgebrochen würden, seien krisenhafte Partner­schaften, eine sehr angespannte finanzielle Situation, eine noch nicht abgeschlossene Ausbildung oder Ar­beitslosigkeit der Frau oder ihres Partners häufiger als bei letztlich ausgetragenen ungewollt eingetretenen Schwangerschaften, berichtete Tilmann Knittel, ebenfalls vom Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen Freiburg.

Wichtig ist dem Wissenschaftler zudem: „Die ungünstigen Lebensumstände betreffen jeweils nur eine Minder­heit der Schwangeren. Es gibt nicht die typische Lebenslage ungewollt Schwangerer.“ Typisch sei jedoch, dass ein oder mehrere Lebensumstände unpassend seien, um ein Kind zu bekommen. „Das steht in einem starken Kontrast zu den gewollten Schwangerschaften, wo ungünstige Lebensumstände die Ausnahme sind.“


aerzteblatt.de