Wie geht es Menschen während der Corona-Pandemie?

Wissenschaftlerteam von FH Münster und Charité Berlin untersucht Einsamkeitsgefühl und Lebenszufriedenheit


Prof. Dr. med. Wolfram Herrmann hat die Studie durchgeführt und geleitet – in Kooperation mit der Charité Berlin.

Münster/Steinfurt (16. April 2020). Zu Hause bleiben zu müssen, Familienmitglieder und Freunde nur noch digital sehen zu dürfen, die heißersehnte Urlaubsreise nicht antreten zu können – die Corona-Pandemie führt zu starken Einschränkungen des Alltags. Welche Folgen das für die eigene Lebenszufriedenheit hat und welche Menschen besonders gefährdet sind, unter Einsamkeit zu leiden, hat Prof. Dr. Wolfram Herrmann vom Fachbereich Gesundheit der FH Münster in Zusammenarbeit mit der Charité Berlin untersucht. Ein Schwerpunkt der Studie war die Frage, ob lesbische, schwule, bisexuelle und trans Menschen in der aktuellen Situation besondere Herausforderungen erleben; der Fragebogen richtete sich jedoch an alle in Deutschland lebenden Menschen.

„Besonders einsam fühlen sich Menschen, die keinen Partner oder keine Partner haben und/oder allein wohnen – völlig unabhängig von der sexuellen Orientierung“, sagt Herrmann. Besonders verstärkt werde dies durch die Tatsache, dass viele Menschen derzeit im Homeoffice arbeiten. „Nicht ins Büro gehen zu können bedeutet auch, weniger persönlichen Kontakt mit anderen Menschen haben zu dürfen. Wir alle agieren derzeit überwiegend digital, damit kommen die einen besser und die anderen schlechter zurecht.“ Einsamkeit sei ein wichtiger Einflussfaktor auf Depressivität, so der Wissenschaftler. „Es ist deshalb ganz wichtig, besonders diejenigen zu erreichen, die allein leben. Hier ist die Gefahr am größten, ernsthafte psychische Probleme zu bekommen.“

Sonderlich überraschend seien diese Erkenntnisse zwar nicht, in einem anderen Punkt sehe das aber schon ganz anders aus. „Wir haben herausgefunden, dass sich asexuelle und trans Menschen deutlich einsamer fühlen als andere.“ Während nur ungefähr 15 Prozent der heterosexuellen Teilnehmerinnen und Teilnehmer angaben, sich einsam zu fühlen, waren es bei den asexuellen und trans Menschen circa 50 Prozent. „Dieser Unterschied ist sehr gravierend und für uns völlig überraschend.“ Warum das so ist, bleibt unklar. „Es gibt viele Beratungsstellen, natürlich auch für asexuelle und trans Menschen. Wegen des Coronavirus sind derzeit auch diese Anlaufstellen geschlossen, und ich befürchte, es gibt wenige digitale Beratungsangebote.“ Das sei grundsätzlich aber auch gar nicht so einfach, weil face-to-face-Kontakt wichtig sei. „Im Prinzip fehlt also derzeit die Möglichkeit, sich persönlich bei Menschen Hilfe zu holen.“

Ein weiterer Teil der Studie beschäftigt sich mit der Lebenszufriedenheit, die trotz Coronakrise insgesamt gar nicht so schlecht sei, sagt Herrmann. Aber: „Diejenigen, die sich einsamer fühlen, haben auch eine deutlich geringere Lebenszufriedenheit.“ Ob und wie sich das wieder ändere, hänge maßgeblich mit dem Verlauf der Coronakrise zusammen. „Um die Lebenszufriedenheit zu steigern, wäre es wichtig, dass Menschen wieder arbeiten gehen dürfen.“ Weil aber das in nächster Zeit nur beschränkt möglich sei, sei es wichtig, Struktur im Alltag zu schaffen. „Das kann vieles sein: ein kleiner Spaziergang jeden Morgen, ein regelmäßiges Mittagessen mit Freunden per Skype, ein Online-Workout jeden Nachmittag. Vielen Menschen hilft es, ein bisschen Alltag in die heimischen vier Wände zu holen, und das bedeutet auch: digital an Veranstaltungen teilnehmen und sich online mit Freunden und Familienmitgliedern verabreden.“ In der Studie konnten die Wissenschaftler auch zeigen, dass die Kontakte mit Freunden und Arbeitskollegen abnehmen, während Kontakte zur Familie zunehmen – vor allem per Telefon und Videotelefonie. „Das passiert aber nicht so stark, wie die persönliche Gespräche weniger werden“, sagt Herrmann.

An der Studie haben insgesamt über 2.600 Menschen teilgenommen. Sie kommen aus allen Bundesländern und sind hinsichtlich ihrer sexuellen Identität bunt gemischt. Durchgeführt und geleitet wurde die Studie von Prof. Dr. med. Wolfram Herrmann, FH Münster. Kooperationspartner sind Dr. med. Pichit Buspavanich, Maximilian Berger und Prof. Dr. phil. Paul Gellert von der Charité - Universitätsmedizin Berlin.

(Foto: FH Münster/Wilfried Gerharz)



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