Jetzt lacht keiner mehr

Die erste Comicadaption, die nichts mit Popcorn aber viel mit großem Kino zu tun hat

Sanfte Jazzklänge und Sonnenschein begleiten den Zuschauer in die Welt von Gotham City zu Beginn der 80er Jahre. Wie ein unschuldiger Schüler betritt der Zuschauer den Fahrstuhl aus digitalem Celluloid in die seelischen Abgründe eines der schillerndsten und kontroversesten Bösewichte der Film- und Comicgeschichte.

Denn „Joker“ ist kein banales Sequal  einer Graphic-Novel für lesefaule Halbstarke, sondern das Psychogramm einer modernen Gesellschaft, die im Thomas Hobbschen Sinne die Welt und ihre Bewohner aus der Perspektive von Gier, Habsucht, Neid und Egoismus präsentiert. Mitten unter ihnen befindet sich Arthur Fleck. Er gehört nicht zu jenen, die sich zu Zeiten von filmischen Gordon Gekkos an der Wall-Street eine goldene Nase verdienen, sondern am anderen Ende der gesellschaftlichen Zündschnur ums Überleben kämpfen.  

Er ist die gigantische Ratte, das Ungeziefer, was symbolisch durch die Unruhen einer desillusionierten Gesellschaft seine Brotkrumen zwischen den Müllsäcken der oberen Zehntausend sucht. In poetischen Bildern, die, genreuntypisch mit wenigen special effects agieren, zeigt Todd Philips, wie er selbst sagt, eine Fortsetzung von "Taxi Driver". dem Epos, das Anfang der 70er Jahre Robert De Niro zu Weltruhm verhalf und der auch in diesem Meisterwerk nicht fehlen darf.  

Wenn Jugendliche dem kurz zuvor fröhlichen Clown mit allen Insignien in einer Seitenstraße verprügeln, ziehen sie den Zuschauer in die Niederungen einer geschundenen Seele, die zwischen kafkaesken Bildern und einer psychisch kranker Mutter „lebt“ und den Sinn des Lebens in einer komödiantischen Karriere sucht.  

Seine Liebessehnsucht manifestiert er in einer Kladde, die als Tagebuch die selbstzerstörerischen Gedanken mit Pornobildern untermalt. Im Leben von Arthur gibt es nichts zu lachen. Und je weiter er sich von der Sonnenseite des Lebens entfernt, kompensiert Mr. Fleck die gesellschaftliche Gleichgültigkeit und seine psychische Überforderung mit hospitalistischem Lachen, das die Bürger von Gotham verstört, provoziert und ihn selbst in den Wahnsinn treibt.  

„Du bist geboren, um die Welt zum Lachen zu bringen", ist das  Mantra, dass dem Joker von seiner Mutter seit Kindheitstagen eingebläut wird, aber „ich war noch keinen einzigen Moment im Leben glücklich“ gesteht er uns, dem Zuschauer; und man ist so berührt, dass unbedachtes Laufen gegen eine Glastür einem Tränen in die Augen treibt.  

In einer Welt, in der jeder ums Überleben kämpft, verliert Happy sukzessive alles, was ihm Halt gibt und er flüchtet sich in Zuneigung zur liebenswerten Nachbarin, deren zärtliche Anmut wie ein Rettungsanker für Arthur und den stets geforderten Zuschauer darstellt.  

Während die Süddeutsche Zeitung, der ewige Miesepeter des Feuilletons, in bayuvarischer Dekadenz, die Kraft derer, die „bestimmen was witzig ist und was nicht“ als Randerscheinung akzeptieren, aber als Pusher von Depressionen und Schizophrenie überdramatisiert interpretiert, sind sich Spiegel, FAZ, TAZ, Die Zeit und andere einig: „Joker“ ist ein Tanz auf dem pulsierenden Vulkan Wahnsinn, der über Arthur Fleck die ganze Gesellschaft ansteckt. Ihm gelingt, was Heath Ledger 2008 verwehrt blieb: Er elektrisiert die Massen und entzündet ungewollt eine Welle der Revolution und Gewalt, die an Verfilmungen wie „V für Vendetta“ erinnert.  

Joaquin Phoenix ist nicht besser als der 2009 verstorbene Australier, er ist anders. Der Plott von "Joker" ist genau das, was bei Christopher Nolands „The dark knight“ als unbekanntes Geheimnis die Geschichte um den Fledermausmann erst die notwendige Würze verleiht.  

„Die Stadt brennt und das alles nur wegen dir!“ - „Jaaaa..... schön oder?“  

Wer als Pennäler oder proletarisch verseuchter Fernsehkonsument, einen Comicabklatsch mit viel Boooom, Crash und fliegenden Gedärmen erwartet, sollte lieber auf die Verfilmung von „Suicide Squad“ oder dergleichen ausweichen. Denn „für einen Comedian muss man doch witzig sein“, und witzig ist der Joker nicht.  

"Joker" ist wohl die erste DC Comic Verfilmung, die so gutfunktioniert, dass sie in Venedig die Goldene Palme abräumte und gerade die Stufen des Oscars erklimmt. Tanzend, beinahe leichtfüßig erreicht das Meisterwerk die Annalen der besten Filme aller Zeiten.

Wer also zu der erlesenen Riege gehören möchte, die einen der prägendsten Filme seiner Zeit auf Großleinwand genießen möchte, dem sei das Cineplex wärmsten ans Herz gelegt.  

Als der Regissuer von „Hangover“ und anderen Blockbustern sich an den Stoff wagte, haben viele gelächelt, aber „jetzt lacht keiner mehr“.  

122 Minuten Kino für alle ab 16 in seiner schönsten Form.  

Hier zum Trailer:

https://www.youtube.com/watch?v=-_DJEzZk2pc  

Foto: joker_joaquin_phoenix WarnerBros.com


     


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