Corona-Krise: „Wir müssen hier raus – das war ein Schock“

Seit dem 2. März dürfen Forscher, darunter der WWU-Kirchenhistoriker Prof. Dr. Hubert Wolf, uneingeschränkt das Archiv des Vatikans aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs einsehen.


Corona-Krise: Wie Kirchenhistoriker Hubert Wolf die erzwungene Abreise aus den Vatikanischen Archiven erlebte

Seit dem 2. März dürfen Forscher, darunter der WWU-Kirchenhistoriker Prof. Dr. Hubert Wolf, uneingeschränkt das Archiv des Vatikans aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs einsehen. Norbert Robers sprach mit dem Wissenschaftler über die vorzeitige Abreise wegen der Corona-Krise und seine ersten Erkenntnisse.

Wann und wie haben Sie bei Ihrer Arbeit im Vatikanischen Geheimarchiv erfahren, dass Sie wieder abreisen müssen?

Meine Mitarbeiter und ich haben dem Tag, als der Vatikan endlich die Bestände zu Pius XII., der von 1939 bis 1958 Papst war, geöffnet hat, über zehn Jahre lang entgegengefiebert. Und dann das: Am fünften Archivtag saß ich im Lesesaal und las gerade einen furchtbaren Bericht über die Ermordung von Tausenden von Juden in Transnistrien, als Dr. Sascha Hinkel mir schrieb: ,Wir müssen hier raus. Archiv macht dicht. Erster Corona-Fall in der Kurie.‘ Das war ein Schock! Kurz darauf stand fest, dass das Archiv um fünf Uhr auf unbestimmte Zeit schließen würde. Wir legten fest, was unbedingt noch exzerpiert und abgeschrieben werden musste, damit wir zu Hause weiterarbeiten können.

Bedeutet das einen Rückschlag für Ihre Forschung?

Natürlich sind wir enttäuscht. Wir hatten erste Spuren aufgenommen und hätten gerne weitergesucht. Schwierig ist vor allem die Finanzierung. Wir haben nur Geld für eineinhalb Jahre für unsere Probebohrungen, denn bei 400.000 Archivschachteln mit jeweils rund 1.000 Blatt muss man sich zuerst einen soliden Überblick verschaffen, bevor man solide Drittmittelanträge stellen kann. Wir hoffen, dass uns die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung hilft, denn exzellente Mitarbeiter sind selten. Ich möchte sie unbedingt halten.

Sind Sie sicher, dass Sie nach dem Ende der Corona-Krise wieder Ihre Arbeit aufnehmen können?

Das Archiv wird vielleicht Mitte September wieder öffnen. Aber wissen wir, wie sich die Lage weiterentwickelt? Für uns steht fest, dass wir wieder in den Archiven dabei sein wollen, hoffentlich wieder mit dem ganzen Team aus Münster.

Gibt es bereits ein oder zwei Ergebnisse, die Sie überrascht haben?

Wir wussten, dass viele Juden den Heiligen Stuhl während des Zweiten Weltkrieges um Hilfe gebeten haben. Aber es gibt Tausende von Bittschriften, und sie bieten meistens eine kurze Autobiografie der Bittsteller. Ihr Leben, ihre Not und ihr Schicksal werden sehr plastisch. Manchmal konnte Rom helfen, oft aber auch nicht. Oft haben wir die letzten Schriftstücke vor uns, die ermordete jüdische Menschen geschrieben haben. Das hat meine Mitarbeiter und mich sehr berührt. Die einmaligen Quellen geben die Möglichkeit, den Ermordeten wieder einen Namen, ein Gesicht und eine Geschichte zu geben. Das wird viele Jahre dauern, ist aber angesichts des neu auflebenden Antisemitismus‘ eine wichtige Aufgabe. Hoffentlich finden wir dafür die entsprechende Unterstützung.

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 2, April 2020.

Foto: Das Team des Seminars für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte auf dem Petersplatz (v.l.n.r.): Matthias Daufratshofer, Hubert Wolf, Michael Pfister, Barbara Schüler und Judith Schepers; vorne Elisabeth-Marie Richter und Sascha Hinkel. © privat „Wir müssen hier raus – das war ein Schock“



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