Promis müssen ja auch von irgendwas leben

Unterbezahlte Frauen, Professor Dr. Drosten, Kassiererinnen, Pfleger, Ärzte und LKW-Fahrer. Sie sind die Heldinnen der Coronakrise. Doch es gibt noch eine andere Berufssparte, die sich als systemrelevant darstellen will: der Promi.

Berühmte Persönlichkeiten gab es schon immer. Die Geschichte, zumeist von Männern erzählt und später aufgeschrieben, kennt viele Helden und auch durchaus die ein oder andere Heldin. Trotzdem gilt, dass eine Fixierung hin zu einer, meist männlichen, Person stattfindet. Ob Caesar oder Napoleon, ob Kolumbus oder Hercules. Einzelne Personen der Geschichte haben besonders viel Macht nur in den Geschichten, die wir über sie erzählen und nicht in ihrer historischen Realität. Schon lange will man festgestellt haben, dass hinter jedem starken Mann auch eine starke Frau steht, aber in Wirklichkeit stehen hinter jedem Mann samt einer Frau eine Reihe von Personen, man nennt es auch Gesellschaft.

In Chemie und Physik lernen wir, dass es sich bei Atomen um nicht darstellbare Teilchen hält, die wir nur mit Hilfe von Rutherfords oder Lewis' Formeln darstellen können. Leider erzählen uns die wenigsten Geschichtslehrerinnen, dass es sich bei Marco Polo um eine ähnliche Simplifizierung hält, wie ein Atom. Hermann der Cherusker hat nicht Deutschland gegründet und Jesus war kein Christ. War Bismarck gut und Wilhelm II. schlecht? Jedes Jahr gibt es darüber andere Perspektiven aus der Geschichtswissenschaft, weil die Prämisse schon zu einfach ist.

Die historische Vereinfachung von komplexen Bewegungen, die auf eine Person gebündelt werden, sind heute noch aktuell. Es fängt schon in der Schule an, wo wir einzelne Epochen meist aus der Perspektive von Personen kennen lernen, als umgekehrt. So heißen historische Seminare an der Universität meist "Karl der Große und seine Zeit", als "Die Zeit und ihr Karl der Große".

Doch besonders die alten Medien, also das Fernsehen, das Radio und die Zeitung, erheben ihre Götzen. Heute mehr denn je, wo diese Art des Konsums junge Menschen immer weniger anspricht und interessiert. So entstand eine neue Zunft: der Prominente.

Der Übergang par excellence zwischen dem Fokus auf Persönlichkeiten und Berühmtheiten ist das Interesse am englischen Königshaus. Während wir in Geschichtsbüchern vom Viktorianischen England lesen und in der Anglistik die Victorian novel kennen, so blicken heute viele Deutsche lechzend auf die Kleidung der Queen.

Während im Geschichtsunterricht anhand von wenigen Namen die Weltgeschichte erklärt wird, so erklären uns die Promis die Welt von heute im Fernsehen. Ihre Meinung zählt. Sie sind das Medium, welche Moderatorinnen nutzen um die Hörerinnen zu erreichen. Man kann nicht einfach so über Armut, Klimawandel oder den 11. September reden, man braucht einen Promi, der eine Meinung dazu hat.

Doch wer zählt eigentlich als Promi?

Sicherlich ist Queen Elizabeth II. ein ganz besonderer Promi. Sozusagen ein Güteklasse 1 Promi. Die Promis, die aber unser Fernsehen dominieren, sind weiter unten auf der Skala anzusiedeln. Sie sind regelmäßig in Talk Shows, in Quizshows, in Spieleshows und im Samstagabendprogramm. Besonders aber dominieren sie das Mittagsprogramm. Auch morgens sind sie zum Gespräch geladen. Eigentlich, sind sie immer im Fernsehen.

Ihre Herkunft ist verschleiert. Einst waren sie Sportlerinnen, oft sind sie Schauspielerinnen, die auf dem gleichen Sender, in dem sie gerade über ihre Kindheit reden, eine Serie machen, oder sie entstammen der schlimmsten Gruppierung: den Musikerinnen.

Ein Promi ist jemand, der oder die von berufswegen Promi ist. Er oder sie kann ja gar nichts beruflich machen, da er ja in den alten Medien omnipräsent ist. Doch auch die neuen Medien versuchen sie zu erobern. Und so versuchen sie sich zum wichtigen Player in der Coronakrise aufzuspielen.

Der Promi und das Virus

In einer Gesellschaft lebend, die uns so den Personenkult antrainiert hat, trauen wir keinen Politikerinnen, wir trauen keinen Lehrerinnen und erst recht nicht dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Nein, wir trauen nur Promis. Deshalb hat die Promi-Elite schnell eine Chance gesehen, sich auch bei der Coronakrise zu profilieren. Während einige mit wilden Verschwörungstheorien daher kommen, empfehlen die anderen, aus ihrem Anwesen filmend, den Deutschen zu Hause zu bleiben.

Selbst das Gesundheitsamt hat diese Chance erkannt. Besser als Jens Spahn ist sein prominentes Pendant, was uns sagt #wirbleibenzuhause.

Wer sind diese normalen Menschen? Ich sehe nur Promis! Ist es zu fies, zu behaupten, dass Jürgen Vogels Zähne dental distancing betreiben?

So ist der nächste Schritt der Promiklasse, sich vor die eigene Webcam zu setzen und daraus ein abendfüllendes Programm herzustellen. Ob RTL, Sat1, VOX oder ProSieben, alle großen Privatsender haben bereits Promis rekrutiert um in einem Studio zu hocken und einfach sie selbst zu sein: eine menschliche Werbefigur.

Zuletzt soll hier der größte, der beste, der klügste deutsche Philosoph aller Zeiten zitiert werden. "Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Promis zu bedienen!"



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