Abitur ohne Abschlussprüfungen

Die Note bei einem "Anerkennungsabitur" soll ausschließlich anhand der bisher erbrachten schulischen Leistungen vergeben werden, die auch unter normalen Umständen einen Teil der Note ausmachen. Schriftliche und mündliche Abiturprüfungen, wie sie sonst üblich sind, sollen hingegen entfallen.


Angesichts der durch die Corona-Krise ausgelösten Verwerfungen im Bildungssystem hat sich Schleswig-Holsteins Kultusminister Karin Prien (CDU) für ein Abitur ohne Abschlussprüfungen ausgesprochen. Sie werde innerhalb der Kulturministerkonferenz der Länder (KMK) für ein "Anerkennungsabitur" plädieren, teilte Prien am Dienstag in Kiel mit. Am Mittwoch wolle sie dem Landeskabinett zudem einen Beschluss vorlegen, der diese Vorgehensweise für ihr Bundesland festschreibe. Sie halte dies in der momentanen Lage für "geboten".

Nach Angaben Priens soll die Note bei einem "Anerkennungsabitur" ausschließlich anhand der bisher erbrachten schulischen Leistungen vergeben werden, die auch unter normalen Umständen einen Teil der Note ausmachen. Schriftliche und mündliche Abiturprüfungen, wie sie sonst üblich sind, sollen hingegen ausnahmsweise entfallen.

Auch andere Schulabschlüsse wie die Mittlere Reife sollen nach dem Willen der Ministerin in diesem Schuljahr nur auf Basis der zuvor erbrachten Noten vergeben werden. Sie begründete ihren Vorstoß mit dem völlig unklaren zeitlichen Horizont für eine Normalisierung des Schul- und Unterrichtsbetriebs, der derzeit bundesweit ruht.

In Schleswig-Holstein müssten die Abiturprüfungen direkt nach den bis Mitte April dauernden Osterferien starten, um sie überhaupt fair und gerecht organisieren zu können, erklärte Prien. "Dies erscheint derzeit unrealistisch." Niemand sei in der Lage, die Dauer der Ausnahmesituation seriös vorauszusagen. Ende Juni - also in lediglich rund drei Monaten - aber sei das Schuljahr vorbei.

Das Abitur sei "Zeugnis eines Bildungswegs", der insgesamt zwölf oder 13 Jahre daure, betonte Prien. Die Abiturnote setze sich auch bisher aus den Leistungen zusammen, die Schüler in den zwei Schuljahren zuvor im Unterricht und in Prüfungen erbrächten. Ein abgestimmtes Vorgehen zwischen den Bundesländern sei ihr in dieser Frage aber "besonders wichtig", ergänzte die Kultusministerin.

Bereits zuvor hatte die KMK-Vorsitzende und rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) eine Wiederholung des laufenden Schuljahrs ausgeschlossen. "Das Schuljahr 2019/2020 wird auf jeden Fall gewertet", sagte sie am Dienstag den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND). Für den Fall, dass die Abschlussprüfungen nicht möglich sein sollten, werde es eine entsprechende Regelung zur wechselseitigen Anerkennung geben.

Der Deutsche Philologenverband bezeichnete in den Zeitungen des RND ein reines "Anerkennungsabitur" im Notfall als praktikable Lösung. Sollten die Abschlussprüfungen undurchführbar sein, gebe es beim Abitur "die großartige Situation, dass zwei Drittel der Abiturnote ja bereits durch die Leistungen in den Kursen erbracht sind", sagte die Bundesvorsitzende des Lehrerverbands, Susanne Lin-Klitzing. Daher sei auch ein Abitur ohne Prüfungen machbar.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hält ein solches Abitur ebenfalls für denkbar. "Entscheidend ist, dass die Schülerinnen und Schüler keine Nachteile haben und die Schulzeit nicht verlängert wird", sagte GEW-Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann den RND-Zeitungen vom Mittwoch. "Ein sogenanntes Notabitur ist dabei eine Lösung", fügte sie hinzu. "Eine Ausnahmesituation wie die Corona-Krise verlangt besondere Regelungen."

bro/cfm

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