Tatort Sonntag Abend

„Niemals ohne mich“ - ein Mord aus Wut?


Stefan Krömer, ein großgewachsener Mann um die Vierzig mit kurzem hellblondem Haar, steht auf dem Flachdach eines Hochhauses am Kölner Dom, als er hinterrücks plötzlich von zwei Frauen angesprochen wird. „Eine Frage: Was machen Sie hier?“, ruft der Dachdecker verdutzt und legt seine Geräte beiseite.

Im Bild: Stefan Krömer (Gerdy Zint, links) verteidigt sich: Auf einer Baustelle wird er von zwei Mitarbeiterinnen des Jugendamtes zur Rede gestellt. Monika Fellner (Melanie Straub, Mitte) hat Beweise, dass er sich unter der Hand etwas dazuverdient. Seiner Unterhaltspflicht kommt er nicht nach. Ingrid Kugelmaier (Anna Böger, rechts) legt die gesetzlichen Regelungen nicht immer so streng aus wie ihre Kollegin. Bild: WDR/Martin Valentin Menke

Monika Fellner streckt ihm zögernd die Hand entgegen, während sie sich und ihre Kollegin Ingrid Kugelmaier vorstellt. Beide arbeiten für die Unterhaltsvorschusskasse, eine Abteilung des Jugendamts. Der Vater der kleinen Marie ist umgezogen, ohne das Amt hiervon in Kenntnis zu setzen; von seiner Freundin Julia Beck, Maries Mutter, lebt der Handwerker getrennt.

Im Bild: Haben zusammen zuhause eine gute Zeit: Rainer Hildebrandt (Peter Schneider) tanzt verkleidet mit seinen Kindern Lisa (Mia Radtke-Wolfrum) und Lukas (Robert Paul Eitelberg). Bild: WDR/Martin Valentin Menke

Es sind mittlerweile über 10.000 Euro Unterhaltszahlungen, die das Jugendamt für Krömer vorgeschossen hat. Der soll nun seine Schulden begleichen, fordert Fellner entschlossen. Stefan Krömer reagiert aggressiv, droht der Jugendamtmitarbeiterin mit geballter Faust und drängt sie im WDR-Tatort „Niemals ohne mich“ an den Rand der Dachfläche. Die heimlich gemachten Fotos, die den Schuldner beim Annehmen von Schwarzgeld zeigen, reißt der Monika Fellner aus der Hand und wirft sie aufgebracht in die Luft. Kugelmaier beobachtet das Geschehen mit aufgerissenen Augen. Die bedrohte Fellner gibt dem unterhaltspflichtigen Vater noch zu verstehen, dass sie seine illegalen Geldeinnahmen beweisen kann, und geht dann. Noch in der kommenden Nacht stirbt sie.

Die Kölner Hauptkommissare Max Ballauf und Freddy Schenk suchen am frühen Morgen den Fundort von Monika Fellners Leichnam auf: Unter einer Eisenbahnbrücke am Rande der Domstadt liegt die Beamtin auf dem Bauch, etwa seit 21 bis 23 Uhr des vorherigen Abends, weiß der anwesende Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth. Auf der Stirn der 38-jährigen Toten klebt getrocknetes Blut, Fellners geöffnete Augen blicken starr auf den kiesbedeckten Weg. Mehrere schwere Schläge auf den Kopf haben zum Tod geführt, vermutet Roth, als er die Kriminalbeamten auf den aktuellen Ermittlungsstand bringt. Die Tatsache, dass der Täter auch dann noch zuschlug, als sein Opfer bereits auf dem Boden lag, spricht im Fall „Niemals ohne mich“ für einen aus Wut ausgeübten Mord.

Die Ermittlungen im WDR-Krimi führen schnell zum Jugendamt der Stadt Köln, in dem Monika Fellner arbeitete. Ihrem Vorgesetzten Markus Breitenbach und den übrigen Mitarbeitern der Abteilung zufolge war Fellner eine äußerst fleißige, aber ebenso anstrengende, weil überengagierte Person. Sie verfolgte die unterhaltspflichtigen Schuldner regelrecht, lauerte ihnen auf, gab keine Ruhe und konfrontierte sie immer wieder mit ausbleibenden Zahlungen und Rechtsbelehrungen. Sie nahm sogar Akten mit nach Hause, um dort in ihrer Freizeit weiterzuarbeiten. Kurz: Fellners Verbissenheit ging vielen Menschen auf die Nerven. Doch wer würde der alleinstehenden Frau deshalb den Schädel einschlagen?

Ballauf, Schenk und ihr Assistent Norbert Jütte nehmen die Klienten unter die Lupe, für die die Sachbearbeiterin zuständig war. Julia Beck und ihr Ex Stefan Krömer geraten dabei ebenso in den Fokus wie das Scheidungspaar Hildebrandt. Ein Handyvideo, das im Intranet des Jugendamts auftaucht, zeigt den ausrastenden Rainer Hildebrandt, der im ewigen Streit um Unterhaltszahlungen und das Sorgerecht mit seiner Ex-Frau Katja lebt. Der verzweifelte Mann wurde Fellner gegenüber nachweislich handgreiflich.

Die ausgelesenen Daten von Fellners Navigationsgerät im Auto führen die Kripo Köln außerdem zu einer Hochhaussiedlung, in der die junge Türkin Tülay Firat mit ihrem Baby lebt. Sie war die letzte Klientin, mit der sich die Jugendamt-Mitarbeiterin am Tag ihres Todes traf. Im Tatort „Niemals ohne mich“ stellt sich heraus, dass Firat unberechtigterweise Unterhaltszahlungen vom Staat bezieht, indem sie behauptet, den Vater der kleinen Tochter nicht zu kennen. Sie und ihr Freund Erik geben im Präsidium schließlich zu, das Kind miteinander gezeugt und das Amt betrogen zu haben. Die ehrgeizige Monika Fellner erahnte den Betrug offenbar. Kommt der junge Vater Erik Siepen als Mörder in Frage?

Nicht vergessen dürfen die Hauptkommissare allerdings die Konflikte, die intern im Amt – unter anderem zwischen Fellner und Kugelmaier – vorkamen. Monika erwartete ein deutlich härteres Durchgreifen von Ingrid, die gegenüber Antragsstellern und Schuldnern häufiger einmal ein Auge zudrückte.
Wie sooft gibt es viele Verdächtige und wenige Beweise …

Titelbild: In dieser Siedlung wohnt Tülay Firat. Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, rechts) und Freddy Schenk (Dietmar Bär, links) wollen die junge, alleinerziehende Mutter befragen. Bild: WDR/Martin Valentin Menke

Der 78. Tatort mit dem Kölner Urgestein Ballauf und Schenk beschäftigt sich mit dem Thema des Unterhaltsvorschusses für Alleinerziehende, der beantragt werden kann, wenn der Ex-Partner die Zahlung verweigert. Der monatliche Vorschuss liegt bei 165,- bis 293,- Euro, je nach Alter des Kindes; das Jugendamt geht bei diesem Zahlungsmodell in Vorleistung, um sich das Geld später von dem Schuldner oder der Schuldnerin wieder zurückzuholen. Das Problem hierbei: Über die Hälfte verweigert die Schuldenbegleichung, oft unter Angabe eines zu niedrigen Einkommens.

Der WDR-Tatort „Niemals ohne mich“ wurde im März und April 2019 in Köln und Umgebung gedreht.



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