Kapitel A: Akzeptanz und Revolte

Wegweisend mit Camus und Marx: Kolumne als „bloße“ Schreibübung oder gar als existenzieller Erkenntnisprozess? Eine Kolumne.

     Dies ist nun bereits das fünfte Mal, dass ich diesen Anfang schreibe: Dies wird vorerst meine letzte Kolumne auf dieser Plattform sein. Ein Abschied, mag es auch ein vorläufiger sein, fiel mir nie leicht. Und so auch in diesem aus der Reihe tanzenden Kolumnenteil – der elfte von zehn – zeigt meine Neugier für dieses literarische Spiel, das Teil meines Lebens werden soll, wenn ich das mal, triefend vor Idealismus und Hoffnung, so sagen darf. Somit wird dies nicht das letzte Mal sein, dass ich ideenlos und voller Einfälle zugleich auf den unabdinglich-pochenden Cursor starre. Eine grundlegende Idee im Kopf, aber gelähmt vor dem Anspruch an mich selbst. Angst vor dem Urteil erzeugt durch den entfremdeten Charakter der Veröffentlichung: Des in die Welt geworfen Seins und damit der Kontrollverlust über dieses kleine Stück meiner Identität.

     Beispiel? Um anmaßender Weise mich selbst – beziehungsweise meine vergangene Kolumne, die durch den Entfremdungsprozess der Herausgabe nicht mehr mein Eigen ist – zu persiflieren, möchte ich auf meinen Grund des Sportmachens verweisen: Ich kenne präzise die Wege zum Erreichen meiner sportlichen Ziele. Hierfür ist eins nötig: bloßes Handeln. Aber nun, und das scheint etwas zu sein, mit dem ich mein Leben verdingen möchte, bemühe ich, durch den verunsicherten Akt des Schreibens, mein Bewusstsein. Zweiwöchentlich schrieb ich, wälzte mich nachts, die Kolumne in Gedanken, schrieb Passagen, bloß um beim nächsten Spaziergang, der eigentlich Gedanken betäubend wirken sollte, mir weitere Argumente zu ersinnen, um diese in den Handynotizen niederzuschreiben. Die Aufgabe schien allumfassend, das Ergebnis unklar und die Schritte zur Erreichung meiner Ziele wirr. Im Gegensatz zur Klarheit des Sportes steht die Komplexität oder gar Absurdität meines eigenen Lebens, „in dem ich nach wie vor durch den Nebel der Erreichung meiner Träume waten muss.“ Entfremdet und ziellos streife ich durch dieses Nebeln.

      Diese Angst vor der Entfremdung – die innere Zerrissenheit und ihr Widerspruch zwischen einem sinnstiftenden Leben und dessen Unerreichbarkeit – von meinem literarischen Produkt trifft mich nicht bloß aufgrund einer ontologischen Nähe, also mich als simplen Autor der Texte, sondern vielmehr aufgrund einer ontischen Nähe, also angesichts der entblößenden Involviertheit meiner eigenen Person – meiner Empfindungen, meiner Erfahrung und meiner Meinungen. Erst durch die Revolte, in Form der Tat, der Veröffentlichung, und der bewussten Akzeptanz dieser Entfremdung scheine ich mich aus der inneren Zerrissenheit ein klein wenig zu befreien. Kraft Camus: akzeptierend und revoltierend. Mit Marx: frei, bewusst und tätig. Mittels Konfrontationstherapie: im Reinen mit dem Urteil des Lesenden.

     Anmerkung: Eine weitere marxsche Dimension der Entfremdung meiner literarischen Produkte, die der Entfremdung in der modernen-kapitalistischen Arbeitswelt, verdrängen wir an dieser Stelle vorerst, um monetäre Zukunftsängste und die damit einhergehenden Panikattacken zu vermeiden.

     Ob dionysischer Pessimismus oder sisyphos‘sche Akzeptanz; ob „Amor Fati“ oder aufbegehrende Revolte: Die Möglichkeit – ob aus meinem Pessimismus oder aus einem Optimismus geboren – der Selbstverwirklichung beruhigt mich ungemein und dies nicht bloß durch eine Art meditative Funktion des Schreibens, sondern den tiefen Grad der Selbsterkenntnis. Das Schreiben über mich Selbst – die beängstigende persönliche Note dieses literarischen Akts – ermöglicht mir, Sorgen und Nöte auszuformulieren und entgegenzutreten, und ein Kulturprodukt zu schaffen, das in dieser individuellen Form einzigartig ist und gleichsam als etwas Kollektives, gar Gruppentherapeutisches verstanden werden kann.

     Ich bekam unzähliges positives Feedback und fühlte mich gehört, verstanden und akzeptiert. Dem camus‘schen Ideal der Akzeptanz der Absurdität, spezifischer der eigenen Lebensumstände, kommt in meinem Fall das Momentum der Fremdakzeptanz hinzu. Erst wenn ich das Gefühl habe, akzeptiert zu werden, dann habe ich das Gefühl, dass ich mir einen gewissen Grad an Akzeptanz schenken darf. Der Grad der nicht vorhandenen Selbstakzeptanz und des akzeptiert Werdens scheint ein Leitmotiv meines bisher kurzen Lebens zu sein und ihre Überwindung eines zu werden. Diese Kolumne trug hierzu bei und so gewinne ich einen neuen Grad der Selbstsicherheit – zumindest bis zu ihrer nächsten Fragmentierung. Ähnlich wie mein Klamottenstil, der umso „baggier“ wird, je selbstsicherer ich mir mit meinem eigenen Körper bin, half das Heraustreten in die Öffentlichkeit und die damit einhergehend Fremdakzeptanz einen neuen Moment der Selbstsicherheit.

     Dieser dichte, womöglich unverständliche Einstieg in meine eigene Angst vor Entfremdung und der Versuch ihrer Überwindung, anhand einer womöglich unschicklichen Vermengung von der Theorie Marx und Camus, tut mir leid. Aber ich kann sagen: Das Gefühl des kindlich Neuen liegt in der Luft, wie eine vor Klischees triefende Sommernacht in meiner Kindheit – und ihr unbeschreiblicher Geruch – in der ich Stunden apathisch in ein Baustellenlicht schaute und regungslos nachdachte, gar trauerte. Was kommt jetzt?

      Ich verstehe mich als Spätzügler. Als jemand, dem erst spät bewusst geworden ist, wie seine Ziele und die damit zu tätigenden Züge aussehen könnten. Der sich im selben Moment nicht einer ökonomischen Verwertungslogik unterwerfen konnte und einen Karriereweg eingeschlagen hat, der ihn wahrhaft entfremden würde; von seiner Arbeit, von sich selbst, von den Mitarbeitenden und gar vom menschlichen Gattungswesen. Nun habe ich einen Weg gefunden, mich „erfolgreich“ zu reproduzieren. Ich habe Anliegen und einen Weg gefunden, diese zu kommunizieren. Mit diesem klaren Ziel vor Augen, und gleichsam dem Bewusstsein, wie es zu erreichen ist, ist nun Handeln gefragt: bloßes, aber bewusstes Handeln. Vom freien, bewussten und tätigen Leben, mittels Akzeptanz und Revolte.

     Auch wenn ich gerade beim Schreiben dieser Zeilen merke, dass mein Herz zu pochen beginnt und mein Gesicht warm und kribbelig wird, da diese Worte das Geschehene wirklicher machen: Ein Mensch, der dieses Absurde scheinbar akzeptierte, war Marianne Schumann. Eine Frau, deren Fürsorge ich stets zu schätzen wusste und deren Akzeptanz am Ende ihres Lebens ich unablässig bewundern werde. Meine Oma war im Reinen mit sich. Ein Zustand, den ich jedem wünsche, und so widme ich diese Reihe an Kolumnen ihr: Für das ungeschriebene Buch, das du dir stets wünschtest, noch zu lesen, das du aber nie lesen wirst.

     Pause.

     Zum Abschluss eine große Dankesrunde: Beispiellosen Dank an Maleen Focken, meine schärfste Kritikerin, die sich eisern und unbeirrt – und an dieser Stelle anmerkte, dass sie auch häufig verwirrt gewesen sei – durch die Korrektur dieser Texte schlug, ohne im selben Moment ihre Geduld mit mir zu verlieren. Unsäglichen Dank an Suzanne von Bartenwerfer, meine Chefredakteurin, deren letztes Wort und deren letzter Blick vor Veröffentlichung die Qualität bei stadt40 bewahrt. Unfassbaren Dank an Laura Christine Stein und Diana Feulner für das redaktionelle Aushelfen und all die unterstützenden, aufmunternden und lobenden Worte für meine Kolumne. Unbeschreiblichen Dank an den Sterneckmontag, diese kleine Gruppe an unfassbaren Freunden, für all die Unterstützungen und all die Nachbesprechungen meiner Kolumnen.

     Vielen Dank für euer Lob und das Aushalten meiner Person.

Text- und Bildrechte: Marcel Guthier.



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