Die Unbeugsamen – Über den Aufbruch im Iran

Lesung im Theater Münster in Solidarität mit der Frauenbewegung im Iran

„Jîna, Liebste, du stirbst nicht. Dein Name wird ein Symbol werden.“ Mit diesen bewegenden Worten, die auf dem Grabstein von Jîna Mahsa Amini stehen, begann die Solidaritätslesung am 9.11.2022 im Theater Münster.


Mit einer Kombination aus literarischen Texten von Journalist*innen, Autor*innen und Aktivist*innen wurde an diesem Abend die Aufmerksamkeit auf die Protestbewegung im Iran gerichtet und es wurde über Geschehnisse aus der Perspektive iranischstämmiger Personen berichtet, die fassungslos und entsetzt machen. Gemeinsam wurde an diesem Abend die Stimme in Solidarität mit Jîna Mahsa Amini und allen Protestierenden erhoben. 


Am 13. September war Jîna Mahsa Amini mit ihrem Bruder in Teheran unterwegs, als die 22-Jährige auf der Straße von der “Sittenpolizei” festgenommen wurde. Ihr wurde vorgeworfen, dass ihr Kopftuch nicht korrekt saß, woraufhin sie in polizeilichen Gewahrsam genommen wurde. Zwei Stunden nach ihrer Festnahme wurde die Kurdin in ein Krankenhaus gebracht. Die Polizei gab an, dass Jîna einen Herzinfarkt und einen Schlaganfall erlitten haben soll. Augenzeug*innen berichteten hingegen, dass die Polizisten auf Jînas Kopf eingeprügelt haben sollen, als sie sich bei der Festnahme gewehrt hatte. Die 22-Jährige fiel aufgrund ihrer schweren Kopf- und Körperverletzungen ins Koma und starb drei Tage später, am 16. September 2022.

Über die sozialen Medien verbreitete sich Jînas Geschichte rasant, und bereits an ihrem Todestag kam es zu den ersten Protesten vor dem Krankenhaus, in dem Amini starb. Mit der Zeit wurde die Protestbewegung immer größer und erlangte durch Bilder und Videos in den sozialen Netzwerken von Frauen, die ihre Kopftücher verbrennen, sich öffentlich die Haare abschneiden oder neben dem Feuer tanzen, internationale Aufmerksamkeit und Solidarität auf allen Teilen der Welt. Die Protestwelle dauert inzwischen seit Wochen an und richtet sich mehr und mehr gegen die Legitimation der Regierung.


“Man(n) hat Dich getötet, weil dein Körper und Deine Existenz ein Politikum ist'', klingen die Worte der Schauspielerin Agnes Lapkin, die zugleich sowohl an Jîna als auch an das Publikum der Lesung gerichtet sind, durch den Saal des Theaters. Es geht längst nicht mehr nur um den Kopftuchzwang und es überschreitet auch die Grenzen einer feministischen Bewegung. 

In den vergangenen 63 Tagen ist die getötete Jîna längst zum Symbol geworden. Der Name Jîna Mahsa Amini steht für Widerstand und Protest, er verkörpert jahrzehntelange Unterdrückung und wurde zu nichts geringerem als ein Symbol für die wichtigste feministische Revolution der Gegenwart. “Wo ist die feministische Außenpolitik der Bundesregierung?”, fragen sich die Leser*innen mit Blick in das Publikum der Solidaritätslesung.


Mit aller Gewalt versucht das iranische Regime, die Proteste zu unterdrücken und die Revolution mit größtmöglicher Brutalität aufzuhalten. Der Bewegung steht ein Gegner entgegen, der entführt, foltert und hinrichtet. Wer im Iran auf die Straße geht, um zu demonstrieren, weiß, dass sie oder er im schlimmsten Fall mit dem Leben bezahlen muss. Mittlerweile wurden laut Menschenrechtsaktivist*innen mehr als 14.000 Demonstrierende festgenommen, mehr als 300 Menschen wurden getötet und laut Amnesty International sind darunter mindestens 30 Kinder, wobei das jüngste Todesopfer nur 11 Jahre alt war. 

Das Fortschreiten der Revolution wird auch dadurch massiv erschwert, dass seit dem 21. September die iranische Regierung weite Teile des Internets abgeschaltet hat und beispielsweise Instagram und WhatsApp gesperrt sind. Dadurch wurde es für Demonstrierende schwerer, Protest zu organisieren, Informationen zu beschaffen und zu verbreiten und generell weiter Aufmerksamkeit zu generieren. 

Daher appelliert die Moderatorin, Nazanin Namdarfard am Ende der Lesung mit ergreifenden Worten an die Zuhörer*innen, weiterhin mit den Protestierenden solidarisch zu sein, die Aufmerksamkeit nicht abebben zu lassen und vor allem auch stellvertretend für die Protestierenden, die es aktuell schwerer können, in den sozialen Medien aktiv zu sein. Es sei ein wichtiges Instrument, über die Revolution zu reden, Inhalte zu teilen und so weiter zu verbreiten. Vor allem aus dem Ausland kann jede und jeder aktuell dazu beitragen, dass die Weltaufmerksamkeit für die Protestierenden im Iran erhalten bleibt und die Revolution Realität wird. Mit dem Ruf „Jin, Jiyan, Azadî“ (Frau, Leben, Freiheit) endete die Lesung an diesem Abend im Theater Münster, aber für die Solidarität und den Aufbruch ist noch längst kein Ende in Sicht.



Text: Patricia Brüggemeier

Bild: Theater Münster, Patricia Brüggemeier





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