Einstellung des Spielbetriebes wegen Corona-Virus – oder: weitermachen?

Das Wolfgang Borchert Theater hat heute in einer außerordentlichen Betriebsversammlung über die Krise, die anlässlich der Verbreitung des Corona-Viruses fortschreitet, gesprochen und dabei ihrer Sorge über die Zukunft des Theaters Ausdruck verliehen.

Das Wolfgang Borchert Theater ist in seiner Existenz bedroht. 


Meinhard Zanger, Intendant und Geschäftsführer des Wolfgang Borchert Theaters, hat aus diesem Grund einen offenen Brief an die Kulturstaatsministerin Monika Grütters und die Ministerin für Kultur und Wissenschaft, Frau Dr. Pfeiffer-Poensgen, geschrieben und fordert die Stadt Münster auf, eine Verfügung zu erlassen:


Sehr geehrte Frau Staatsministerin Grütters, sehr geehrte Frau Ministerin Dr. Pfeiffer-Poensgen,

das Wolfgang Borchert Theater begrüßt die Erklärung der Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern im Anschluss an das Treffen mit den Innenministern der Länder, dass ab sofort auch alle Veranstaltungen mit weniger als 1.000 Besuchern unterbleiben sollen.

Die bisherige Grenze von 1.000 Anwesenden war willkürlich gegriffen und es liegt auf der Hand, dass die wirksame Eindämmung des Virus nur gelingen kann, wenn auch Zusammenkünfte wie Konzerte, Theater- oder Kinovorstellungen mit deutlich weniger Besuchern derzeit unterbleiben.

Mitarbeiter und Ensemble erwarteten und hofften sehr, dass heute im Laufe des Tages die Landesregierung auch kleinere Veranstaltungen untersagt und die Schließung unserer Theater anordnet. Ein bloßes «dringliches Ersuchen», wie im heutigen Schreiben des Kulturamtes der Stadt Münster formuliert, reicht nicht aus. Nun liegt die Verfügung des Landes zwar vor, seitens der Stadt Münster aber noch nicht. Sobald sie vorliegt, werden wir den Spielbetrieb dann sofort einstellen. Aus juristischen Gründen ist es für uns aber existenziell wichtig, dass die Schließung unseres Theaters, die wir aus gesellschaftlicher Verantwortung unbedingt fordern, behördlich angeordnet wird und wir nicht aufgrund von eigenem Ermessen unser Theater schließen müssen. Nur bei einer angeordneten Schließung handelt es sich auch formal um «höhere Gewalt», die uns vor noch schlimmeren wirtschaftlichen Konsequenzen schützt.

Niemand kann heute sagen, wann wir unseren Spielbetrieb wieder aufnehmen können. Für uns alle bedeutet die Einstellung des Spielbetriebs, dass wir praktisch sofort die eigenen Einnahmen verlieren. Durch die Absage von drei Gastspielen externer Veranstalter, die allein für März disponiert waren, und dem derzeitigen Rückgang des Kartenverkaufs gegen Null ist bereits jetzt ein erheblicher Einnahmeverlust entstanden, der uns in unserer Existenz bedroht. Schon jetzt droht die Situation, dass wir zum Monatsende Gehälter und Sozialversicherungen nicht mehr bedienen können. Ohne Hilfe

werden wir in wenigen Wochen insolvent sein, unsere Mitarbeiter werden ihre Jobs verlieren, unsere Struktur dauerhaft zerstört. Münster wird, wenn uns nicht geholfen wird, sein renommiertestes Privattheater, das jährlich zwischen rund 35.000 und 40.000 Besucher erreicht, verlieren.

Daher appellieren wir dringend an die Bundesregierung und die Landesregierung, sehr schnell und koordiniert mit der Stadt Münster ein Programm aufzulegen, dass das Wolfgang Borchert Theater, andere Privattheater und freie Gruppen der Stadt vor der Insolvenz bewahrt und mit dem die Zusage von Ihnen, Frau Staatsministerin Grütters, und von Arbeitsminister Hubertus Heil («Unser Ziel ist es, dass kein Unternehmen Schaden nimmt, und keine Arbeitsplätze in dieser Situation verschwinden») auch für die Münsteraner nicht-städtische Theaterlandschaft eingelöst werden.

Dazu werden die allgemeinen Programme (vereinfachtes Kurzarbeitergeld und Liquiditätshilfen) sehr wahrscheinlich nicht reichen. Dazu sind erhebliche finanzielle Mittel erforderlich, die uns kurzfristig zur Verfügung gestellt werden und die es uns erlauben, über diese Krise hinweg unsere hoch qualifizierten und ebenso hoch engagierten Mitarbeiter weiter zu beschäftigen, unser Ensemble zu halten, in der Zeit der Schließung an neuen Produktionen weiter zu arbeiten und alle Strukturen, die zur Wiederaufnahme des Spielbetriebes erforderlich sind, aufrecht zu erhalten.


Mit freundlichen Grüßen

Meinhard Zanger M. A.

Intendant und Geschäftsführer

Münster, am 13. März 2020


Hapes Kommentar: Eine wichtige Nachricht des WBT. Genauso schätze ich die Lage auch ein. Die einzige Frage ist jetzt: Zieht das Kino nach, oder bleibt man selbstsüchtig?

 


Webauftritt von stadt40

Teile jetzt diesen Artikel