Kapitel VI: Die Queen

Ich möchte über die Queen sprechen. Wie polemisch darf ich sein? Eine Kolumne.

Als ich erfuhr, dass der offizielle Twitter-Account der royalen Familie verlautbarte, dass Queen Elizabeth II friedlich in ihrem Anwesen Balmora Castle in Aberdeenshire im Westen Schottlands verschlafen sei, nahm ich gerade einen bisher noch namenlosen Podcast mit einem Freund auf. Wir gewährten uns eine kurze Pause, die wir nutzten, um Genaueres zu erfahren und um den Abort aufzusuchen. Zurück an den Mikrofonen stotterten wir eher Positives über die Queen daher. Ich erinnere mich nicht an den genauen Inhalt – und ich weigere mich, für mehrere Minuten meiner eigenen Stimme zu lauschen, um den genauen Inhalt hier kundtun zu können – aber ich erinnere mich an mein Gefühl der inneren Dichotomie. Ich fühlte mich in zwei gerissen. Einerseits gilt sie als popkulturelle Ikone, war in ihrer 70-jährigen Amtszeit eine weibliche Monarchin, in einer ansonsten patriarchalen Welt, war Mutter, als längstes amtierendes Staatsoberhaupt der Welt eine britische Konstante für viele, und, so einfach wie es klingen mag, fühlte ich mich unwohl, die negativen gar grausamen Seiten einer frisch Verstorbenen aufzuzeigen. Andererseits verkrampft sich meine Magengegend, einem lange überholten Staatssystem mit einer tyrannischen Vergangenheit und seiner Symbolfigur zu huldigen. Nun sitze ich hier am Schreibtisch, immer noch mit leichten Magenkrämpfen, nun aber weniger aufgrund meiner eigenen Empathie, sondern vielmehr aufgrund der mich womöglich verurteilenden Leserschaft, und stelle mir resümierend die Frage: Wie polemisch hätte ich sein dürfen?

                Zeitschriften titeln „Dies ist unser 9/11“. Britische Minister nennen die Beerdigung der Queen „das wichtigste Event, dass die Welt jemals gesehen haben wird.“ Es finden neunstündige Dauerfernsehsendungen, die die Beerdigung der Queen begleiten, statt. Menschen warten 19,5 Stunden, um am geschlossenen Sarg der Queen trauern zu dürfen. In Tränen ausbrechende Stars und Sternchen füllen die Klatschblätter. Wachleute kollabieren aufgrund ihrer Trauer, oder vielmehr aufgrund ihrer langen Dienstzeiten und der darauffolgenden Dehydration. KönigshausexpertInnen werden erstmalig nicht ironisch geschaut. Nun, bereits zwei Wochen nach dem Tod der Queen und der meines Erachtens durchweg positiven Berichterstattung, habe ich das Gefühl eine gebührliche zeitliche Distanz gefunden zu haben, um die an mich selbst gestellte Frage öffentlich zu besprechen, und trotzdem einer zeitlichen Nähe und der damit einhergehenden Aufmerksamkeit für das Thema gerecht zu werden. So möchte ich hier eine kleine Auswahl an privaten, politischen und kolonialen Problemfeldern beleuchten, und erklären, wieso mein Verhältnis zur Kultfigur Queen eher angespannt ist. Falls dies aufgrund des Aufzählcharakters stilistisch nicht allzu ansprechend wirken sollte, entschuldige ich mich im Vorhinein. Bleibt dran.

Zu Beginn möchte ich auf das kaum bekannte Private des Königshauses eingehen: Die Queen hatte zwei schwerbehinderte Cousinen, welche 1940 und 1961 für tot erklärt wurden, allerdings lebten sie in einem Pflegeheim, ohne jegliche Besuche oder finanzielle geschweige denn emotionale Unterstützung seitens der royalen Familie, bis zu ihrem Tod 1986 beziehungsweise 2014. Kein Familienmitglied besuchte eine der Beerdigungen. Die ältere der beiden Cousinen, Nerissa Bowes-Lyon, bekam erst einen Grabstein, nachdem ihre Existenz 2012 durch die Medien offengelegt wurde. Zuvor zierte ihr Grab ein Plastikschild und eine Seriennummer. Ein großes Medienecho galt der Flucht Meghan Markles und Prinz Harrys nach Los Angeles. Diese verkündeten im Interview mit Oprah Winfrey, dass sie in einer Spirale zwischen rassistischen Zuschreibungen durch die Medien und seitens des Königshauses selbst gefangen gewesen seien. Zum Beispiel soll die größte Sorge der royalen Familie darin bestanden haben, dass das gemeinsame Kind womöglich eine PoC sein könnte. Das Königshaus verweigerte Meghan Markle psychologische Unterstützung, als sie infolgedessen suizidgefährdet wurde. Hier steht nach wie vor Aussage gegen Aussage. Prinz Andrew entzog sich jahrelang dem FBI. Dieses versuchte, ihn bezüglich seines Verhältnisses zum verurteilten Menschenhändler und Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zu befragen. Prinz Andrew wurde allerdings selbst für mehrfachen sexuellen Missbrauch an der damals Minderjährigen Virginia Giuffre angezeigt, die ihm von Epstein „zugespielt“ wurde, und wollte oder durfte deswegen nicht mit dem FBI sprechen. Andrew leugnete für lange Zeit, Giuffre zu kennen, auch trotz kompromittierender Fotos der beiden in einem Londoner Stadthaus, und beschuldigte das Opfer, all dies bloß für einen PR-Stunt inszeniert zu haben. Die Rechtsstreitigkeiten wurden beigelegt, und Andrew lobte zwar den Mut Giuffres, leugnete aber gleichsam seine Taten. Die Kosten der Anwälte und die Vergleichszahlung von 14 Millionen Dollar übernahm die Queen für ihren Sohn.

Entgegen der Annahme, dass die Queen lediglich repräsentative Rechten und Pflichten pflege, hat sie sehr wohl einen großen Einfluss auf die Politik Großbritanniens. 2019 wurde ihr Privatvermögen auf 500 Millionen Dollar inklusive 25 Milliarden Dollar in Anlagen geschätzt. Hierzu gehört ihr Privatgrundstück „Buckingham Palace“. Diese groben Zahlen über das Vermögen des royalen Familienoberhauptes besitzen wir, aber genauere Zahlen bleiben uns aufgrund der Arbeit der Queen verwehrt. Sie vollzog Lobbyarbeit und schüchterte mit privaten Anwälten MinisterInnen ein, um einem Gesetz, welches ihr Privatvermögen offengelegt hätte, zuvorzukommen. Es wurde offengelegt, dass sie es selbst für „peinlich“ erachtet hätte, wenn das Wissen um ihr Vermögen zum öffentlichen Gut geworden wäre und die Bevölkerung von ihrem absurden Reichtum gewusst hätte. Die Queen, trotz ihrer vermeintlich bloß repräsentativen und zeremoniellen Funktion, wurde bei 1062 neuen Gesetzen bis 2021, um ihre Erlaubnis gefragt. Wie kann das passieren? Diese Gesetze hätten die Eigeninteressen der Krone betroffen und laut des sogenannten „Kings Consent“ besteht ein Vetorecht der Krone für solche Gesetze. Die Krone muss ihre Zustimmung äußern, damit Gesetze, die ihre Macht begrenzen oder erweitern, beschlossen werden können. Hier wollte die Queen ihre viel zu tiefgreifenden Befugnisse allerdings nicht enden lassen. Sie tätigte auch darüber hinaus Lobbyarbeit. So versuchte die Queen den staatlichen Armutsfond – also einen Sonderfonds, um von Armut betroffene Menschen, Krankenhäuser und Schulen zu unterstützen – streichen zu lassen, um die steigenden Energiekosten im Buckingham Palace zu zahlen.

Bevor wir zu dem Horror des Kolonialismus und der Kolonialität kommen – den ich bloß in kleinen Zügen abzeichnen kann, nicht da ich es nicht abbilden wollen würden, sondern da die Fülle der britischen kolonialen Gewalt mehr als bloß einen simplen Rahmen sprengen würde – suchen wir einen leichten Einstieg. Keiner in der royalen Familie kann wegen rassistischer oder sexistischer Diskriminierung angezeigt werden und die Königin oder nun der König kann generell nicht für Verbrechen belangt werden. Diese Freistellung von Gesetzen ist festgeschrieben im britischen Recht. Bis zur Mitte der 70er Jahre können keine rassistischen Diskriminierungen im Hause der Königin festgestellt werden, da die Queen keine nicht-weißen Menschen anstellte. Allerdings betrieb sie diese Praxis, die Darstellung weißer Menschen in der Öffentlichkeit, nicht bloß in ihren eigenen vier Wänden. Die Queen regierte 1954 über die britische Kolonie Südjemen. Ihre Aufgabe war es, die Jemeniten aus der sichtbaren Öffentlichkeit zu verbannen, um den dort anwohnenden Briten ein weißes Jemen zu demonstrieren. Unabhängigkeitsbewegungen und entsprechende Demonstrationen wurden gewaltsam unterdrückt. Die Queen selbst ließ Jemeniten in die Wüste deportieren. Auch heute noch führen die Vereinigten Staaten von Amerika, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Großbritannien einen inzwischen Siebenjährigen Krieg gegen Jemen, als eine Konsequenz seiner kolonialen Vergangenheit und der daraus resultierenden Verhältnisse des Landes. Im Zuge dessen vollführte Saudi-Arabien Völkermorde in Jemen, unter anderem mit britischen Waffen.

Die Queen reiste durch 14 weitere Kolonien, und versuchte unter anderem auch noch andere Unabhängigkeitsbewegungen in ihren Kolonien zu zerschlagen oder Staaten, die es schafften, unabhängig zu werden im Commonwealth zu halten. Im Zuge der angeordneten Niederschlagung von Unabhängigkeitsbewegungen, wurden Menschen in Konzentrationslager eingesperrt. So zum Beispiel in den Mau-Mau Kriegen, also in den Unabhängigkeitskämpfen Mitte der 60er Jahre in Kenia. Während dieses Krieges starben 63 britische Soldaten und 33 britische Siedler*innen, während bis zu 100.000 Menschen auf der Seite der Rebellen starben und bis zu eineinhalb Millionen Menschen interniert wurden. Überlebende verweisen darauf, dass die kolonialen Einheiten vergewaltigend und folternd ihren Weg durchs Land gebahnten haben. Bezüglich der Unterdrückung der Unabhängigkeitsbewegung lassen sich Länder aufzählen, wie Südafrika, Afghanistan, Malaysia, Burma, Oman, China, Iran, Jamaika, Irland und viele mehr.

Weitere britische Gräueltaten, die nicht zwangsläufig in Verbindung mit der Queen stehen: Die Briten ließen 1943 zwei Millionen Menschen in Bengalen verhungern, obwohl genug Nahrung vorhanden war. Zwischen 12 bis 29 Millionen Menschen starben aufgrund von Hungersnöten unter der britischen Besatzung in Indien. Die Briten erfanden 1899 die Grundzüge des Konzentrationslagers, die später die Deutschen zur industriellen Tötung der jüdischen Bevölkerung nutzten, in Südafrika und sperrten 107.000 Menschen in der Wüste ein. 30.000 starben. Im Massaker von Amritsar 1919 starben bis zu 1000 Demonstranten auf einen Bahnhof in Indien. 1947 mussten 10 Millionen Menschen ihr Zuhause in Indien verlassen, da Indien und Pakistan geteilt wurde. Eine Millionen Menschen verloren ihr Leben in sektiererischen Kämpfen. 1973 erschossen britische Soldaten 23 Zivilisten in Irland auf offener Straße. In nur 22 Ländern dieser Welt ist Großbritannien noch nicht eingefallen. Wieso beispielsweise die indische Berichterstattung den Tod einer Monarchin mit der kritischen Distanz sieht – die die ehemaligen westlichen Kolonisatoren vermissen lassen – lässt sich bloß erahnen. Die neunstündigen Sondersendungen im deutschen Fernsehen lassen jegliche Form der Kritik vermissen.

Das Geld und die Macht dieser Institution beruht auf der Praxis der kolonialen Ausbeutung und der noch immerwährenden Kolonialität – also die heutzutage bestehenden kontinuierlich und nachhaltigen Realitäten in kolonisierten und kolonisierenden Gesellschaften – die die britische Monarchie zu dem pompösen Schauspielhaus macht, als das es heutzutage wahrgenommen wird. Die Queen galt als das moderne Gesicht dieser Institution. Nicht lediglich die Notwendigkeit, sondern auch das normative Gewicht einer Entschuldigung und der hieraus folgenden Anerkennung seines eigenen und des kollektiven Fehlverhaltens könnten immens sein. Bis zu ihrem Tod vor wenigen Wochen weigerte die Queen sich allerdings für ihre Beteiligung, die Taten der britischen Krone oder die Taten ihres Landes zu entschuldigen.

Und nun? God save the king? Ein göttliches Geburtsrecht als Grund der eigenen politischen Macht scheint mir im 21. Jahrhundert absurd und gegen die Monarchie zu demonstrieren eine Tugend. Eine Frau in Schottland wurde für ihr Schild „Fuck Imperialism. Abolish the monarchy“ verhaftet. Ein Mann in Oxford wurde verhaftet, als er lauthals die Frage stellte „Wer hat ihn denn gewählt?“, als Prinz Charles zum neuen König berufen wurde. Prinz Andrew, den wir weiter oben bereits besprochen haben, wurde mit dem Kommentar „sick old man“ während einer Parade empfangen. Der junge Mann wurde von der Polizei aus der Menschenmasse gezogen, ungeschützt von der Polizei von Beistehenden angegriffen und verhaftet. Ein Barista in London wurde verhaftet, da er ein leeres Blatt Papier hochhielt. Die Begründung der Polizei war, dass er womöglich etwas Beleidigendes und somit Strafbares auf dieses weiße Papier hätte schreiben können, wie zum Beispiel die blasphemische und grausame Aussage „not my king“. Dies liegt daran, dass der Ruf nach einer Abschaffung der Monarchie in den Britenlanden illegal ist, trotz unserer vermeintlich demokratischen Ideale in Europa.

Die Stilisierung der aktuellen Trauer als neuzufassende Identität der Briten, wenn beispielsweise britische Minister den Tod der Queen als „das wichtigste Event, das die Welt jemals gesehen haben wird“ bezeichnen, geschweige denn die royale Hysterie – ganz im Sinne des freudschen Verständnisses – der „gewöhnlichen Leute“, kommt einer kollektiven Verschließung vor den Grausamkeiten der brutalen britischen Vergangenheit gleich. Gerade die omnipräsente positive Berichterstattung und die kollektiven und konträren Vorwürfe, es würden doch so viele negative Stimmen über die Queen lautwerden, scheinen mir ein konservativer gar reaktionärer Reflex zu sein. Insofern die Öffentlichkeit vulnerabel für die ansonsten bewusst unsichtbar gemachten Themenfelder zu sein scheint, scheint es mir Zeit zu sein, um über eben diese zu sprechen. Polemik und Satire sind altbewährte Mittel eben dieser Vulnerabilität nachzufühlen. Die devote Zurückhaltung mag zwar ein tugendhafter Reflex sein, aber politischer Devotismus in Form eines vermeintlich angemessenen Schweigens könnte einer stillen Anerkennung gleichkommen.

Text- und Bildrecht: Marcel Guthier.

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Kleine Auswahl des Quellenverzeichnis zur Leseempfehlungen:

Ute Welty, Natasha A. Kelly, Symbolfigur des Kolonialismus, Deutschlandfunkkultur, 2022 (https://www.deutschlandfunkkultur.de/queen-elizabeth-kolonialismus-100.html)

Martha Ross, Queen, royal family ripped as she reportedly helps Andrew Pay $14 million to accuser, The Mercury News, 2022 (https://www.mercurynews.com/2022/02/16/queen-royal-family-ripped-as-she-reportedly-helps-andrew-pay-14-million-to-accuser/)

Samuel Osborne, 5 of the worst atrocities carried out by the British Empire, Independent, 2016 (https://www.independent.co.uk/news/uk/home-news/worst-atrocities-british-empire-amritsar-boer-war-concentration-camp-mau-mau-a6821756.html)

David Pegg, Robb Evans and Michael Barton, Royals vetted more than 1,000 laws via Queens’s consent, The Guardian, 2021 (https://www.theguardian.com/uk-news/2021/feb/08/royals-vetted-more-than-1000-laws-via-queens-consent)

Robert Verkaik, Queen tried to use state poverty fund to heat Buckingham Palace, Independent, 2010 (https://www.independent.co.uk/news/uk/home-news/queen-tried-to-use-state-poverty-fund-to-heat-buckingham-palace-2088179.html)

DSA International Committee, Tweet, 2022 (https://twitter.com/DSA_Intl_Comm/status/1568013101701959680)

Ariel Shapiro, Deniz Cam, Inside ‘The Firm’: How The Royal Family’s $28 Billion Money Machine Really Works, Forbes, 2021 (https://www.forbes.com/sites/arielshapiro/2021/03/10/inside-the-firm-how-the-royal-familys-28-billion-money-machine-really-works/?sh=34fd59bb2bcc)

David Peggs, Rob Evans, Revealed: Queen lobbied for change in law to hide her private wealth, The Guardian, 2021 (https://www.theguardian.com/uk-news/2021/feb/07/revealed-queen-lobbied-for-change-in-law-to-hide-her-private-wealth)

Office of the Parliamentary Counsel, Queen`s or Pince`s consent, 2018 (https://assets.publishing.service.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/742221/Queen_s_and_prince_s_consent_pamphlet__September_2018___accessible_.pdf)



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