Von Presskellern, Päbsten und Paukstunden- über Burschenschaften, Rassismus und fragliche Traditionen

Der Würzburger investigativ Journalist Leon Enrique Montero lebte 2019 einige Monate in einer katholischen Studentenverbindung und berichtete am 21.09.2022 in der Baracke Münster in seinem Vortrag „Reise nach Germania“ von seinen Erfahrungen in der Verbindung und mit Burschenschaften.

Die Leipziger Burschenschaft Germania, wird vom Verfassungsschutz beobachtet, in der Heidelberger Burschenschaft Normannia, kam es zu einem antisemitischen Übergriff und die Münsteraner Burschenschaft Franconia, die zum Dachverband deutscher Burschenschaften zählt, wird der Vorwurf gemacht, dass interessierte Bewerber einen sogenannten „Ariernachweis“ erbringen müssen, um Mitglied zu werden.

Burschenschaften (Wikipedia) werden häufig der Vorwurf gemacht, am politisch rechten Spektrum verortet zu sein, ein konservativ-traditionell-rückständiges Frauenbild zu vertreten und rassistische Aussagen zu tätigen. 

Dies zu untersuchen war die Motivation des Journalists Leon Enrique Montero. Er schleuste sich in eine katholische Verbindung ein um deren Strukturen zu erschließen. 


Bericht gliederte sich in vier Kapitel 

Gegliedert war Monteros Bericht in vier Kapitel: Alkohol, Autorität, Frauenbild/Sexismus sowie Rassismus, da diese vier Themen die meiste öffentliche Kritik und Problematik von Burschenschaften darstellen. 



Alkohol 


Verbindungen wird häufig ein „Trinkzwang“ unterstellt: Mitglieder, die sich diesem widersetzen gelten als „Saufverpisser“, "Schwächlinge" und "würdelos". Ihr „nein“ werde häufig nicht akzeptiert und der Journalist berichtet von einer Erfahrung, die er bei einem Besuch in einer anderen Verbindung gemacht hat: Ein sog. „Alter Herr“ (nicht mehr aktives Mitglied und Financier der Verbindung) zwang einen kaum noch stehfähigen „Fux“ (Anwärter), gegen Enrique zu trinken. Dieser versuchte sich zu weigern, jedoch ohne Erfolg.

Speziell in nicht-schlagenden Verbindungen sei es häufig so, dass diese noch exzessiver Trinken, um den Verzicht auf das akademische Fechten auszugleichen, so Enrique. Üblich sei dabei das sog. „Presssaufen“, welches sogar geübt werde: Mitglieder exen viel Wasser auf einmal, um ihren Magen zu dehnen. Beim Presssaufen kann so eine noch größere Menge Alkohol geext werden. Ebenso das kalkulierte Erbrechen des Alkohols werde geübt und nicht selten fänden sich in Verbindungshäusern „Päbste“, also Speibecken, über denen sich (absichtlich) erbrochen werde, damit weiter getrunken werden könne. 

Enrique berichtet von eigens eingerichteten „Presskellern“- verfliesten Räumen, in denen „gepresst“ (also exzessiv getrunken bzw. geext) werde und die entweder über Päbste oder Tonnen verfügen, in welche sich den Abend über übergeben werde, ohne dass diese Tonnen geleert würden.

Ebenfalls beliebt sei der „Bierjunge“: Wird Bierjunge gerufen, gilt die Antwort „hängt“ (oder auch hängt doppelt, dreifach, usw.) und die entsprechende Menge Alkohol muss geext werden. In gewissen Regionen kann diese Menge eine Maß darstellen.

Auch beim „Bummeln“, dem Herumziehen von Verbindungshaus zu Verbindungshaus, ist der Bierjunge ein beliebtes Spiel, um der eigenen Verbindung höheres Ansehen zu verschaffen und sich zu beweisen.



Autorität 


Um zu verstehen, wie es möglich ist, dass Mitglieder einer Verbindung über ihre körperlichen Grenzen hinaus gehen und ihre Gesundheit durch massiven Alkoholkonsum gefährden, ist es nötig, sich mit den Autoritätsprinzipien von Verbindungen und Burschenschaften auseinanderzusetzen.

Studenten, die sich einer Verbindung anschließen wollen, müssen ein Probejahr absolvieren, in welchem sie „Fux“ genannt werden. Ein „Fuxmajor“ (korporiertes Mitglied oder alter Herr) ist innerhalb dieser Zeit für sie zuständig und führt sie in die Gepflogenheiten der Verbindung ein. Dabei lernen die Neulinge in den „Fuxstunden“ u.a. die Bedeutung der jeweiligen Farben, Bänder und Abzeichen kennen, mit denen sich die Korporierten schmücken sowie in (pflicht-) schlagenden Verbindungen bei den „Paukstunden“ das akademische Fechten.

Innerhalb ihrer Zeit als Fux werden sie dabei häufig auch lediglich mit Fux angesprochen und müssen etwa bei Treffen mit Alten Herren Speisen und Getränke reichen. 

Doch auch die korporierten Mitglieder unterliegen strengen Hierarchien, Sitten und Regeln, welche z.T. lange Tradition haben und denen sie sich zwangsläufig unterzuordnen haben. Das eigene Wohl für die Gemeinschaft unterzuordnen, ist dabei ein Prinzip, welches insbesondere beim „Bierjungen“ deutlich wird.  

Deutlich wird das autoritäre Prinzip auch bei Pflichtschlagenden Verbindungen: Hier ist das akademische Fechten Pflicht und ein jeder Fux muss an Fechtpartien (sog. „Mensuren“) teilnehmen, bevor er in den Lebensbund der Aktivitas aufgenommen werden darf. Das Fechten ist jedoch keinesfalls dem Sportfechten gleichzusetzen, vielmehr stellt es laut Aussage diverser Verbindungen eine Mutprobe dar, bei welcher über die körperlichen Grenzen hinausgegangen werden solle. Der „Schmiss“, also eine Verletzung durch einen Fechthieb, ist dabei keinesfalls ein Warnsignal oder Hinweis auf die Gefährlichkeit der Mensur an sich, sondern ein Zeichen für eben jenen bewiesenen Mut und wird mit Stolz getragen. 



Sexismus

Aufmerksame Lesende werden bereits bemerkt haben, dass in dem Artikel stets von Studenten, Burschen und Alten Herren berichtet wird, nicht jedoch von weiblichen Mitgliedern. Das liegt daran, dass es in Deutschland nur sehr wenige Damenverbände gibt und dass innerhalb männlicher Verbindungen und Burschenschaften ein „traditionelles“ Frauenbild gepflegt wird. 

Damenbesuch sei laut Enrique in den Verbindungshäusern durchaus gerne gesehen, allerdings sei es in einigen Verbindungen für weiblichen Besuch nicht möglich, durch den Haupteingang das Haus zu betreten- ihnen stehe lediglich die Hintertür offen. Bei Veranstaltungen werde ihnen kein Bier ausgehändigt, sondern Sekt, da Frauen kein Bier tränken. Wird der Bierjunge ausgerufen, müssten die Damen den Raum verlassen. 

Aktives Mitglied könne eine Frau nicht werden, es werde jedoch gerne gesehen, beteilige sie sich an Aktivitäten des alltäglichen Lebens wie Kochen und Putzen. 

Montero, der selbst keinen Sexismus erfahren kann, bat nach seiner Zeit in der Verbindung um Erfahrungen, die FLINTA* in Burschenschaften o.ä. gemacht haben. Die Resonanz war fast ausschließlich negativ: Es wurde von K.O. Tropfen berichtet, (sexuellen) Gewalterfahrungen und übergriffigem Verhalten der Verbindungsmitglieder.

Diese Berichte sind nicht weiter verwunderlich, betrachtet man neben dem massiven Alkoholkonsum auch das rückständige Bild über Frauen, sind jedoch umso besorgniserregender, wenn Opfer von Straftaten, wie sie oben beschrieben wurden, eine Anzeige erstatten möchten- denn dann stehe, laut Enrique, der gesamte Bund hinter der beschuldigten Person, dem Verbindungsmitglied. 



Rassismus


Der Vorwurf des „Ariernachweises“ sowie der antisemitische Vorfall in Heidelberg und Verbindungsmitglieder, die rechtsextremen Parteien nahestehen, wirft zwangsläufig die Frage nach Rassismus in Burschenschaften auf.

Enrique, der sich selbst als schwarz bezeichnet, berichtet von unterschiedlichsten Rassismen, denen er begegnete, als er vier Burschenschaften besuchte: In einer Burschenschaft, in die er sich zu Recherchezwecken einschleusen wollte, wurde ihm gesagt, dass er keinesfalls Mitglied werden könne, da in dieser Verbindung das „Abstammungsprinzip“ gelte (dass Enrique in Deutschland geboren, einen deutschen Pass und sein Leben lang in Deutschland gelebt hat, sei nicht ausreichend). 

Auf die Frage, wo er denn aber wirklich her käme, und er berichtete, dass sein Vater der dominikanischen Republik entstamme, war die schlichte Antwort darauf: „Immerhin nicht Afrika“.

Eine weitere Burschenschaft eröffnete ihm, dass auch sie ihn nicht aufnehmen würden, ebenso wenig wie beispielsweise einen Asiaten. Er solle es aber mal bei der jungen Alternative versuchen, die würden auch Schwarze aufnehmen. 

Die dritte Burschenschaft, die er besuchte, erteilte ihm ebenfalls eine Absage mit den Worten „Wir können dich nicht aufnehmen und das ist auch gut so“.

In dieser Burschenschaft fanden sich laut Enrique eine Reichskriegsflagge an der Wand und eine Karte, die die Erweiterung der „deutschen Ostgebiete“ fordere. In einem anderen Verbindungshaus fanden sich Karten des deutschen Reiches, ein Zimmer mit Erinnerungsplaketten an die „gefallenen Kameraden der Weltkriege“ sowie ein „Afrikazimmer“ mit Inhalten, die die Kolonialzeit verherrlichten. 

Auch können sich (insbesondere dem rechten Spektrum angehörige) Burschenschaften keiner queerfreundlichen Atmosphäre rühmen: Schwule Mitglieder dürfen zwar je nach Verbindung mit einem Mann zusammen sein, andere Verbindungen dürfen davon aber nichts erfahren. Insgesamt herrsche ein Klima des Totschweigens, so der Journalist. Auffallend ist, dass Burschenschaften, die aus ihren rassistischen Grundannahmen und -prinzipien kein Geheimnis machten, zum Dachverband deutscher Burschenschaften gehören. 

Dieser beheimatet die am rechten Spektrum angesiedelten Burschenschaften und steht in der Kritik, dass ihm angehörige Verbindungen den erwähnten „Ariernachweis“ verlangen würden.

Der Dachverband, mit diesen Erfahrungen konfrontiert, entgegnet, dass die Mitgliedsbünde eigenständig regeln, wen sie aufnehmen, aber dass Herkunft nicht das Alleinstellungsmerkmal für eine Absage sei. Des Weiteren würde sich der Dachverband grundsätzlich nicht in die Entscheidung zur Aufnahme neuer Mitglieder einmischen.

Eine Abmahnung sich rassistisch verhaltender Burschenschaften bleibt jedoch seitens des Dachverbandes bislang aus, ebenso wie eine intensivere Kontrolle der Mitglieder und deren Kontakte in die rechtsextreme Szene. 

 

Sicherlich gibt es in Deutschland liberale Studentenverbindungen, die sich nicht nur auf ihrer Homepage von radikalem Gedankengut und diskriminierendem Verhalten distanzieren. Auffallend ist jedoch, dass alle Verbindungen, die der Würzburger Investigativjournalist deutschlandweit besuchte, entweder ein extrem rückständiges Frauenbild vertraten, Alkohol in gefährlichen Mengen konsumierten oder rassistisches Verhalten zeigten, teilweise auch alle genannten Punkte erfüllten. Auch die katholische Verbindung, in der Enrique einige Zeit verbrachte, konnte sich nicht ausreichend von „traditionellen“ Sitten und Bräuchen distanzieren. 

Dennoch sei es wichtig, so Enrique, dass sich liberale Verbindungen von den (rechts-) extremen Verbindungen distanzieren und dies auch in ihrem Handeln deutlich machen, denn unter dem schlechten Ruf den Verbindungen haben, leiden insbesondere die liberalen Vereinigungen. 


Leon Enrique Montero Leon Enrique Montero ist mit seinem Vortrag deutschlandweit unterwegs. Termine und Veranstaltungsort sind seinem Instagram Account „le0enrique“ zu entnehmen.



Text und Bild: Noa Crome



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