Irmi ermittelt

Gitarrensolo (Kapitel 7)

Kapitel 7


“Hereinspaziert!” rief Irmi, als sie die Köpfe von Lotte, Finn und David auf der Treppe erspähte.

“Toll, dass es geklappt hat.” Lotte erreichte als erste die Tür “Hach! Endlich wieder bürgerliche Luft atmen.” Finn und David quetschten sich gemeinsam durch den Wohnungstürrahmen. “Wie schön, dass Du es auch geschafft hast.” begrüßte Irmi David. “Ich darf doch bei den Ermittlungen in eigener Sache nicht fehlen.” David schaute sich kurz im Flur um und entdeckte Irmis Profiling-Board.

“Ach Du meine Güte.” rief er. “Was ist das denn?” “Das ist der Stand der Ermittlungen von gestern Abend.” schaltete sich Schmidt ein, der seinen Stammplatz im Wohnzimmer inzwischen verlassen hatte. “Aber erstmal Hallo allerseits. Lotte...” Schmidt nickte Lotte lächelnd zu “Wir kennen uns ja - und diese beiden jungen Herren sind dann wohl Finn?” Finn streckte Schmidt die Hand entgegen, die Schmidt kurz schüttelte “und David - das Opfer.” “Naja. Bin ja noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen.” entgegnete David während sich die beiden nun ebenfalls die Hand gaben. “Und mit einem gebrochenen Bein” Schmidt deutete auf Davids Krücken “und mit einem Instrument weniger, wie ich hörte.” “Das stimmt allerdings. Wobei der Verlust meiner Gitarre wohl das größte Opfer ist. Einen Plan B, wie ich bis zur Zeugnisausgabe eine neue Gitarre beschaffen kann, habe ich noch nicht gefunden. Und ohne Gitarre keinen Trip direkt nach dem Abi.”

  “Aber ich habe durchaus einen Plan B für Dich!.” Schmidt freute sich diebisch über die allseits erstaunten Gesichter im Flur. “Aber lasst uns jetzt erst einmal unsere Tafel auf den neuesten Stand bringen.

“David. Du als Geschädigter fängst am besten einmal an. Was, oder vielmehr wer meinst Du, steckt hinter dem Überfall.” Fast ärgerte sich Irmi ein wenig, dass Schmidt, wie von Gott gegeben, die Rolle des Hauptermittlers übernahm, redete sich dann aber selbst gut zu, dass er ihr ja nur helfen wolle.

  David trat einen Schritt an den Spiegel. “Also Fakt ist...” er deutete mit dem Finger auf die drei aufgemalten Mr. X. “Zwei von diesen Unbekannten, sind die Täter. Als ich mich umdrehte, habe ich zwei junge Männer gesehen. Reichlich jung, würde ich mal sagen. Ich denke, noch ein wenig jünger als Finn und ich.” Erstaunt schaute Irmi David an. “Du erinnerst Dich wieder?” “Sehr schemenhaft. Ich könnte die beiden auch niemals wieder erkennen, aber der Statur nach zu urteilen... sie wirkten irgendwie noch etwas schlaksig, noch nicht so männlich.” Sein Blick wanderte zu seinen Eltern, Rosi und Finn. “Also. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Eltern oder Rosi Initiator dieses Überfalls waren. Na und Finn ja schon einmal gar nicht. Klar! Mein Vater hatte Bedenken, wegen der Reise und auch allgemein wegen meines musikalischen Berufsweges... Aber ehrlich - ich glaube nicht, dass er so weit gehen würde,” Sehe ich genauso” klinkte sich Irmi nun ins Gespräch ein. “Ich muss zugeben, anfangs war er mein Hauptverdächtiger, aber nachdem ich ihn nun kennen gelernt habe... er macht auf mich eigentlich einen sympathischen Eindruck. Er will Dein Bestes, hat aber doch wohl inzwischen eingesehen, dass das Beste für Dich weder seine Sicherheitsfirma, noch ein BWL- Studium ist.” Schmidt griff zum auf dem Boden liegenden Lappen.

“Also gut. Finn wischen wir mal weg.” lachte er mit Schulterblick auf den eigentlich nie in Verdacht stehenden Freund. “Lass Herrn Reicher, aber noch stehen.” mischte sich nun Rosi ins Gespräch. “Offensichtlich hat ihn der Tod seiner ersten Frau schwer getroffen.

Da sind ein paar tiefsitzende Emotionen im Spiel. Ja. Vielleicht hat er inzwischen eingesehen, dass David seinen eigenen Weg gehen muss, aber war diese Einsicht zur Tatzeit schon da? Wie ist Deine Mutter denn eigentlich gestorben?” wandte sie sich an Finn.

“Also ich war ja noch ganz klein, aber was mir so erzählt wurde, litt sie seit längerer Zeit an Depressionen. Sie konnte dem Druck, dem ein Berufsmusiker ausgesetzt ist, nicht so recht stand halten. Zuletzt spielte sie die erste Geige in Theaterorchester in Köln. Da gab es jede Menge Neid, Missgunst und wohl auch Mobbing. Beruhigungsmittel, Aufputschmittel und Alkohol - keine gute Mischung an jenem Abend.” “Dein Vater hat mir mal erzählt, wie er sie gefunden hat.” Finn legte eine Hand auf Davids Schulter, der ihn überrascht anschaute. “Wir haben uns mal zufällig in einer Kneipe getroffen. Er hatte schon ein paar Bier intus und musste es wohl einfach einmal loswerden. Nach dem Tod Deiner Mutter ist er mit Dir von Köln nach Münster gezogen, hat sich in die Arbeit gestürzt und seine Firma aufgebaut. Die Geschäfte liefen extrem schnell, extrem gut. In der Zeit lernte er dann Deine Stiefmutter kennen, die übrigens...” Finn legte eine bedeutsame Pause ein “... aus eher bescheidenen Verhältnissen kommt.” Rosi nickte nachdenklich. “Keine leichte Zeit für Herrn Reicher...”


Innerlich war Irmi inzwischen von der Unschuld von Herrn Reicher überzeugt, aber ‘Man hat schon Pferde kotzen sehen’ dachte sie. “Also lassen wir ihn erstmal stehen. Nun zur Drachenlady!” Erschrocken über ihre Wortwahl, schaute sie in Davids Richtung. Immerhin war diese Drachenlady Davids Stiefmutter und hatte ihn aufgezogen. Erleichterung durchströmte sie, als David grinste. “Drachenlady. Nicht schlecht. Ich nenne sie eigentlich immer Frau von Rottendorf.” “Wie?” Schmidt schaute David erstaunt an. “Oh Mann Schmidt! Die strenge Hausdame aus den Heidi-Filmen.” Einmal mehr dachte Irmi, dass Zeitung lesen allein auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein konnte. “Büchern. Ursprünglich waren es ja wohl die Bücher von Johanna Spyri.” Anerkennend nickte Schmidt zu Finns Einwurf. “Du gefällst mir, mein Junge. Liest Du eigentlich auch Zeitungen?”  

“Können wir uns mal wieder auf das Wesentliche konzentrieren?” Verärgert deutete Irmi auf die Tafel. “Also, was meint Ihr zur Drachenlady als Auftraggeberin?” “Ich würde es ihr durchaus zutrauen.” meinte Lotte.

“Die hat keine Skrupel, Hindernisse zu beseitigen, die sich ihr in den Weg stellen.” Um Schmidt thematisch ins Boot zu holen, berichtete Irmi von der kurzen Auseinandersetzung auf dem Sektempfang. “Hmh. Ziemlich weit hergeholt. Das ist doch heute kein Thema mehr.” “Aber wenn es heute wirklich kein Thema mehr ist, warum macht Frau Reicher es dann zu einem. Zumindest die Sorge, ein missratener Stiefsohn könne die gesellschaftlichen Aufstiegschancen ihrer Tochter verhindern, ist real vorhanden.” Eifrig nickte Irmi Rosi zu.

Wie gut, dass sie eine waschechte Psychologin ins Ermittlerteam geholt hatte. “Du hast völlig recht, Rosi. Die Drachenlady bleibt auf dem Spiegel. Bleibt also noch Rosi. Was ist mit Rosi.” Energisch schüttelte David den Kopf “Rosi und ich, wir haben ein super Verhältnis. Die würde mir niemals etwas antun wollen. Rosi weiß, dass sie jederzeit zu mir kommen kann, wenn sie Probleme hat. Gerade, wenn es um Frau Rottenmeier, äh um die Drachenlady geht...” “Und wohin geht sie, wenn Du weg bist?” Fragend sah Lotte David ins Gesicht. Verdutzt schaute David in die Runde. “Nein. Das glaube ich nicht. Sie hat sich für mich gefreut. Wir haben uns gemeinsam die Stadtpläne von Paris, Madrid und Lissabon angeschaut. Und wen hätte sie auch als Schläger anheuern sollen. Sie ist gerade erst 15 Jahre alt.” “David. Ich glaube ja auch nicht, dass Rosi, was mit dem Überfall zu tun hat.” stimmte Irmi ihm zu. Trotzdem dürfen wir sie aus psychologischer Sicht noch nicht ganz außer Acht lassen. Die Psyche ist ein weites Feld voller unsichtbarer Tretminen. Da läuft jahrelang alles supi und plötzlich: Krawum! Explodiert alles.” Irmi schaute verstohlen zu Lotte, die ihr ein anerkennendes Lächeln schenkte. “Okay, übernahm Schmidt wieder das Kommando. “Zwei Möglichkeiten. Entweder David hat recht, und er war wirklich nur ein Zufallsopfer. Dafür spricht, dass David die Täter nicht kannte. Dagegen spricht, dass David von zwei, sein Vater aber von drei Tätern gesprochen hat. Wer war die dritte Person? Oder David ist kein Zufallsopfer, sondern er wurde gezielt angegriffen, mit dem Ziel seine Gitarre zu entwenden. Wenn ja, warum? Und jetzt kommt meine Idee und ... “ Schmidt sah zu David hin “Dein Plan B!” Triumphierend schaute er in die Runde. “Schmidt!” rief Irmi ungeduldig “wir können dir nicht applaudieren, ohne dass du Applaus verdient hast.”  

Empört blitzte Schmidt Irmi an “Ist ja gut. Ich sag es ja. Also was würde passieren, wenn wir die ‘initial situ’ wieder herstellen und das ‘Corpus delikti’ plötzlich wieder da wäre?” Erneut blickte Schmidt nach Anerkennung lechzend jeden einzelnen an. “Was” Irmi raufte sich die Haare “Sprich Klartext Schmidt.” “IST JA GUT. Finn hat mich verstanden... Also. Ein Freund von mir führt ein Musikgeschäft. Er überlässt uns eine seiner Gitarren. Wir organisieren ein Zusammenkommen aller Beteiligten und überreichen die Gitarre feierlich an David. Der Diebstahl der Gitarre war also völlig überflüssig, denn die Faktenlage ist wie vor dem Überfall. David hat eine Gitarre? Also kann er wie geplant losziehen und so lange durch Europa touren, wie er will. Der Überfall wäre komplett sinnlos gewesen. Die Ausgangssituation ‘Initial situ’” belehrend schaute Schmidt jedem einzelnen ins Gesicht. “wäre also wieder hergestellt.” Wenn wirklich einer von diesen Herrschaften” Schmidt zeigte mit dem Marker auf Herrn, Frau und Tochter Reicher den Überfall beauftragt hat, wird er irgendeine Reaktion zeigen. Das einzige Problem. Wie sollen wir so ein Treffen arrangieren.”


“Und da komme ich ins Spiel!” Aufgeregt riss Irmi ihren Arm in die Höhe und berichtete von ihrer spontanen Idee zur Abi-Feier für David und Finn und der Einladung, die sie Herrn Reicher bereits ausgesprochen hatte. “SUPER Irmi” rief Schmidt “Ich wusste, es war doch keine dumme Entscheidung, Dir vor 30 Jahren einen Antrag gemacht zu haben. “33” murmelte Irmi. “Die offizielle Zeugnisausgabe ist am Freitag. Dann sollten wir die Feier für den Samstag einplanen.” Finn sah David fragend an. “Was meinst Du? Bist Du dabei? Oder willst Du lieber gar nicht wissen, wer dahinter steckt. Immerhin geht ́s um Deine Familie,”


Irmi hielt gespannt den Atem an. Wenn David jetzt einen Rückzieher machen sollte, dass war es das mit ihrem Fall. “Samstag also” David nickte entschlossen. “Da bleibt uns nicht mehr viel Zeit.” Erleichtert atmete Irmi aus. “Das schaffen wir locker. Es soll ja ganz zwanglos werden. Ein paar Würstchen, ein paar Salate, ein paar Getränke.” Aufgeregt setzte sich Irmis Ermittler-Team ins Wohnzimmer und begann die Aufgaben zu verteilen. Am
Ende des Abends war die Antipasti Platte leergefegt und die Gäste verabschiedeten sich.
An der Tür nahm Schmidt David zur Seite. “Übrigens. Sollte Deine eigene Gitarre verschwunden bleiben, würde mein Freund dir seine Gitarre zu einem eher symbolischen Preis überlassen. Du müsstest Deine Reise dann allerdings mit einem Internet-Blog begleiten und ab und an den Namen seines Geschäftes einfließen lassen. Das wäre eine Art ‘Win Win-Situation’ ” Schreib doch einfach auf stadt40. Einfach registrieren und Beiträge hochladen” “Mensch Schmidt. Wie gut, dass ich Irmi kennengelernt habe. Danke schön.” Irmi beobachtete die beiden. “Wie gut, dass ich vor 33 Jahren Ja gesagt habe.” dachte sie und musste ihre Tränen zurückhalten.

“Nette Jungs! Vor allem dieser Finn. Der hat was auf dem Kasten. Wusstest Du, dass der sich schon für Publizistik eingeschrieben hat? Der bringt es zu etwas. Bin gespannt für welche Zeitung er dann mal schreibt.” “Schmidt! Das Studium hat ja noch nicht einmal begonnen.”
Irmi stellte die Kaffeetassen für das Frühstück auf den Tisch. “Aber du hast Recht. Wirklich nette Jungs. Ich hoffe, wir können Davids Fall aufklären. Aber selbst wenn nicht. Dank Deiner wird David seine Pläne umsetzen können. Ganz großes Kino Schmidt.” “Gut, dass Du es sagst.” Schmidt biss in seinen Toast. “Nach dem Frühstück muss ich noch in den Musikladen, um die Konditionen zu verhandeln.” Irritiert schaute Irmi zu Schmidt. “Willst Du vorher gar nicht in die Zeitung, äh Zeitungen schauen?” “Die Welt geht auch ohne mich zugrunde.” lächelte Schmidt. Zufrieden biss nun auch Irmi in ihren Toast. Schmidt hatte sich verändert. “Das gefällt mir.” dachte sie.
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