Grundsteinlegung der Volkswagen-Zellfabrik

Rede von Bundeskanzler Scholz zum Start der "Mission SalzGiga"

Sehr geehrter Herr Diess,
sehr geehrter Herr Schmall,
sehr geehrter Herr Blohme,
sehr geehrte Frau Cavallo,
sehr geehrter Ministerpräsident,
sehr geehrter Herr Erster Bürgermeister,
sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
meine Damen und Herren
und auch liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ich bin sehr, sehr froh, heute hier in Salzgitter zu sein. Das gibt mir die Gelegenheit, über ein Auto zu sprechen, das wir ganz kurz sehen konnten und das ich aus meinem Autoquartett wiedererkannt habe: den VW K 70.

Wie einige andere bin ich alt genug, mich an ihn zu erinnern – sogar daran, dass er auf der Straße gefahren ist. Die frühen 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts waren in der Bundesrepublik eine Zeit des Aufbruchs: politisch, kulturell, in Wirtschaft und Gesellschaft, in Architektur und Design. Fortschritt und Erneuerung, Modernität und Zukunftsoptimismus – das war das Lebensgefühl dieser Jahre.


Erlebbar und nachvollziehbar wird dieses neue Lebensgefühl des Aufbruchs noch heute – in ganz bestimmten Orten, in Objekten und Symbolen. Denken Sie etwa an das wunderbare Münchener Olympiagelände, entworfen von Architekten Günter Behnisch. Mit seiner Leichtigkeit und Transparenz, mit seiner Offenheit und seinen klaren Linien strahlt das Olympiastadion von 1972 den neuen Spirit dieser Jahre besonders eindrücklich aus.

Womit wir wieder beim VW K 70 wären – für den gilt nämlich genau dasselbe. Auch wenn er sich, glaube ich, nicht ganz so gut verkauft hat: So sachlich, so schlank und so schnörkellos, wie der K 70 ab 1970 daherkam, verkörperte er schon allein in ästhetischer Hinsicht einen Neuanfang. Aber erst recht in technischer Hinsicht bedeutete er eine Revolution. Bis dahin hatte Volkswagen Autos mit luftgekühlten Heckmotoren gebaut. Jetzt war der K 70 der erste VW mit Front-Reihenmotor und Wasserkühlung – ein Konzept, das richtungweisend war. Sämtliche späteren VW-Erfolgsmodelle, die sich viel verkauft haben – Golf und Passat vorneweg –, wären nicht möglich gewesen ohne den K 70 als Wegbereiter.

Bundeskanzler Scholz bei der Festveranstaltung zur Grundsteinlegung für die erste eigene Batteriezellfabrik von VW in Salzgitter. Die Produktion soll 2025 starten.  Foto: Bundesregierung/Steins

Sie alle wissen es: Hergestellt wurde der bahnbrechende Wagen hier in diesem Werk in Salzgitter; eigens dafür wurde es errichtet. Damit steht gerade dieses VW-Werk für den mutigen Neubeginn – den Neubeginn mit zunächst offenem Ausgang, der sich dann aber als wegweisend und erfolgreich erweisen sollte.

Das ist Ihre Geschichte hier in Salzgitter, das ist ein gutes Omen für die Zukunft. Denn ganz ähnlich ist die Lage jetzt ja wieder. Gemeinsam legen wir heute den Grundstein dafür, dass die Zukunft der Mobilität erneut maßgeblich in Salzgitter gemacht wird. Allen ist inzwischen klar, dass diese Zukunft nachhaltig und klimaschonend sein muss. Darum hat sich Deutschland verpflichtet, bis 2045 klimaneutral zu sein; übrigens nicht allein, denn das würde den Klimawandel ja nicht aufhalten, sondern eng abgestimmt mit unseren Partnern in Europa und weltweit.

In kaum einer anderen Industrie fällt die Transformation, die Veränderung, die dafür notwendig ist, so grundlegend aus wie im Automobilbau. Hier in Salzgitter wird das ganz besonders deutlich; denn dieses Werk stellt bis heute Verbrennungsmotoren her. Etwa die Hälfte aller VW-Motoren stammt von hier. Weit mehr als 60 Millionen Motoren aus Salzgitter seit 1970 – was für eine stolze industrielle Leistung!

Aber wir wissen: Das Verbrennen fossiler Treibstoffe geht dem Ende zu. Alle großen Automobilunternehmen haben sich für den Weg in die Elektromobilität entschieden – auch Volkswagen. Wie einschneidend die Folgen dieser Entscheidung sein können, das zeigt sich hier in Salzgitter. Hier hängen zunächst einmal 7000 Arbeitsplätze von einer Technologie ab, die um ihre Zukunft gewissermaßen ringen muss. Volkswagen hat das erkannt und deshalb entschieden, gerade hier in Salzgitter den Weg vom Motorenwerk zur Zentrale aller Batterieaktivitäten des Konzerns einzuschlagen. Das bedeutet nicht weniger als eine radikale Wende um 180 Grad, und ich weiß: Diese Wende stellt hohe Anforderungen an jeden und jede.

Manche blicken mit Sorgen auf das schiere Ausmaß der Aufgabe, die da jetzt vor ihnen liegt: Kann das alles gut ausgehen – für mich, für meine Familie, für meine Region? Darum will ich sagen: Ja, das kann gut ausgehen, und das wird auch gut ausgehen – unter einer Voraussetzung, nämlich unter der Voraussetzung, dass wir nicht bloß dem Vergangenen nachhängen, sondern den Stier bei den Hörnern packen und die Herausforderung des Neuen offensiv annehmen. So haben Sie es bei Volkswagen schon immer gemacht. Sonst hätte VW seinerzeit am luftgekühlten Heckmotor für alle Autos festgehalten, sonst hätte es den wegweisenden K 70 nicht gegeben, sonst wäre dieses Werk hier in Salzgitter nicht entstanden.

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren viele hier in Deutschland der Meinung: Batteriezellen, das sind doch beliebige Zulieferteile, die können wir ganz nach Bedarf jederzeit aus Asien bestellen. - Heute wissen wir es viel besser. Spätestens die Coronapandemie und Russlands brutaler Angriff auf die Ukraine machen klar, dass die Abhängigkeit von weltweiten Lieferketten auf manchen strategischen Feldern ein großes Risiko bedeutet, ein zu großes Risiko. Für Batteriezellen gilt das ganz sicher. Deshalb kommt Ihnen allen, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des VW-Werks hier in Salzgitter eine besonders bedeutsame Aufgabe zu. Denn es ist eben kein guter Zustand, wenn uns schon ein quer im Suezkanal festliegendes Containerschiff auf unserem Weg in Richtung der Elektromobilität und der Klimaneutralität ins Straucheln bringen kann.

Wir wollen, dass auf Deutschlands Straßen bis zum Jahr 2030 15 Millionen Elektrofahrzeuge fahren. Wir wollen, dass Wertschöpfung und Arbeitsplätze hier bei uns in Deutschland und Europa bleiben. Wir wollen die Klimatransformation hinbekommen und zugleich Industrieland bleiben. Darum ist klar, dass wir eine eigene Batteriezellenproduktion brauchen, hier bei uns in Europa, hier bei uns in Deutschland und hier bei Ihnen in Salzgitter.

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Volkswagen und Salzgitter, das gehört ganz eng zusammen. Viele arbeiten bereits ihr ganzes Berufsleben für dieses Unternehmen, oft in der zweiten und dritten Generation, gemeinsam mit Brüdern oder Schwestern, mit Schwagern oder Cousinen. Manche haben Eltern, Onkel und Tanten, die selbst noch an dem ersten Auto hier, dem K 70, gebaut haben. Volkswagen prägt die ganze Region rund um Wolfsburg und Salzgitter, Hannover und Braunschweig seit Jahrzehnten, und Sie alle prägen Volkswagen. Sie alle geben Ihrem Unternehmen täglich, was Volkswagen braucht, um sich der Transformation mit Stärke zu stellen und letztlich noch stärker aus ihr hervorzugehen. Jeder und jede Einzelne von Ihnen trägt dazu bei, dass die Industrie auch in diesem großen Umbruch das Rückgrat unserer Wirtschaft bleibt.

Transformation, das ist ein abstraktes Wort, auch wenn es von Managern und Politikern oft verwendet wird. Und die Politik kann für das, was damit verbunden ist, die richtigen Weichen stellen – ja. Aber Sie sind es, die mit Ihrer Arbeit den Wandel hin zur klimaneutralen Industrie und zur klimaneutralen Gesellschaft überhaupt erst möglich machen. Dafür gebührt Ihnen großer Respekt, großer Dank und alle notwendige Unterstützung.

Jetzt steht Salzgitter vor seinem nächsten großen Aufbruch. Jetzt werden Sie hier ein neues Kapitel des Fortschritts schreiben. Darauf können Sie stolz sein, sehr stolz. Dafür wünsche ich Volkswagen, dem Standort Salzgitter und Ihnen allen zusammen alles Gute.

Schönen Dank.


Foto: Bundesregierung/Steins



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