Eigentor aus der rechten Ecke

Gegen den Aufstiegsaspiranten und durch ein Eigentor von rechtsaußen, wo die Kurve der Ultras ist und der Hass herkommen soll, konnte sich Münster gegen Rostock mit 1:0 durchsetzen. Doch so langersehnt dieser Heimsieg auch war, der wichtigere Sieg fand vor und neben dem Spiel statt. Ein Kommentar.


Wichtig ist auch neben dem Platz, und es gab beim gestrigen Montagsspiel einige nennenswerte Ereignisse jenseits des Rasens; das erste fand trotzdem auf ihm statt: Münsters Vorstand empfängt einen Preis für Zivilcourage für das sofortige Einschreiten gegen den Rassismus. Christoph Strässer hält ihn hoch, den Preis vom Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW). Bei dem letzten Heimspiel an einem Freitagabend hatte es einen sogenannten Fan gegeben, der Würzburgs Leroy Kwadwo rassistisch angefeindet hatte. “Wer schweigt stimmt zu“ ließ der FLVW-Präsident Gundolf Walaschewski bei Bekanntgabe des Preises am 20. Februar verlauten. Gestern stand er neben Strässer auf dem durchnässten und ramponierten Rasen an der Hammer Straße, weil die Preußenfans eben nicht geschwiegen haben.

Besonders die Ultras haben nämlich nicht zugestimmt und anti-rassistisch reagiert. Als einer der ersten. Und in den Medien entstand in letzter Zeit genau das gegenteilige Bild, dass Ultras einer der Förderer von Rassismus und Hass wären. Warum? Weil sie genau diese Zerstückelung des Spieltages durch Freitags- und Montagsspiele ablehnen und den Milliardär Dietmar Hopp. Manch einer hatte die rechtsradikale Tat von Hanau, die Affenlaute und Schmähplakate in einem Atemzug genannt. Dabei ist spätestens seit der Bernie Sanders-Bewegung klar: Weder Rassismus noch Milliardäre sollte es geben. Es ist egal, welche ‘guten Zwecke‘ Hopp angeregt hat oder wie wichtig er für die Region ist. Ein Mensch sollte nicht so viel Geld anhäufen können. Gerade Hopp zeigt ja, was in diesem Land falsch läuft, dass man so einen reichen Mäzen überhaupt braucht. Es kann schließlich nicht jedes Bundesland Bayern sein und einen rechtstreuen Bürger wie Uli Hoeneß als Manager haben.  

Denn die größte Heuchelei wurde von Rummenigge begangen, der privat wahrscheinlich auch Energydrinks aus Österreich mag: Als Hoffenheim nach dem Durchmarsch in die 1. Liga Herbstmeister wurde, war er der größte Hoffenheim Gegner. Mit Angst um ihr Monopol sind die Bayern eine regelrechte Hasskampagne gegen Hoffenheim gefahren. Sogenannte Sportjournalisten haben sich wundgesesendet an neuen Aussagen von Hoeneß und Co. Doch das war 2008. Der Fußball vergisst, und so stellt er sich jetzt als großer Hopp-Schützer dar und gründet nicht etwa wegen und gegen Affenlaute eine Hass-Kommission, sondern aufgrund von Anti-Hopp-Plakaten. Ein Stück Stoff kann doch so gefährlich sein. In Deutschland muss man eben die Superreichen vor dem Pöbel aus der Kurve beschützen. Jemand sollte Rummenigge ein Abonnement von Charlie Hebdo schenken. Er oder sein Bruder sind bestimmt demnächst bei Markus Lanz zu sehen, in der Sendung unter dem Titel: “Hooligans, Hass und Hopp - wie gefährlich ist der Fußballfan“.

Denn auch beim gestrigen regnerischen Spiel gab es Schmähplakate aus dem Rostocker Gästeblock. Ja sogar gesungen sollen sie haben, diese radikalen Fußballfans. Da sah sich Schiedsrichter Tobias Schultes natürlich gezwungen die Partie nach 15 Minuten zu unterbrechen. Dietmar Hopp hätte in seinem Anwesen sicherlich von Schmähungen lebensbedrohlich verletzt werden können. Wenn er sie denn gesehen hätte, denn auch die Kameras verweigern sich dieser menschenverachtenden Geste des Proletariats. Man darf gespannt sein, ob beim nächsten Affenlaut ähnlich engagiert reagiert wird, vom sogenannten Unparteiischen. In der 3. Liga gibt es keinen Köllner Keller, unterirdisch pfeift so mancher Schiedsrichter trotzdem.

Auf dem Rasen dann war besonders Cueto tonangebend. Zwei Mal verhindert nur der Pfosten eine Führung für Preußen. Münster zeigt sich gut strukturiert und lässt wenig zu. Somit wird Hansa gezwungen, sich ganz anders zu präsentierten als noch beim überragenden Heimsieg gegen Ingolstadt. Kein frühes Gegentor, kein Spiel auf ein Tor und keine absolute Unterlegenheit: es geht aufwärts mit Münster. Vor allem dank Hildmann, Cueto und Löhmannsröben.

Wir schreiben die 66. Minute. Piro schreitet zur Ecke. Eigentlich nichts nennenswertes, denn Münster ist so gefährlich durch Ecken wie ein alter Tiger- und ja, diese sind am gefährlichsten, weil man sie unterschätzt und weil sie nichts mehr zu verlieren haben. Die Ecke kommt und ein Rostocker sollte den einzigen Treffer des Abends erzielen. Zum Glück für die Preußen. Das Münster dieses 1:0 halten kann offenbart diese neu entfalteten Qualitäten, die für den Klassenerhalt reichen könnten. Noch steht man auf einem Abstiegsplatz.

Ja, kurz vor dem Abpfiff hatte der Ex-Rostocker Königs noch die Chance zum 2:0 nicht genutzt. Der Neuzugang, der letzte Woche noch getroffen hatte, wirkt etwas müde, zu müde für den Abstiegskampf, denn Münster muss hellwach sein. Unsere Gesellschaft übrigens auch. Münster kann seit Mitte Dezember mal wieder zu Hause gewinnen und ist seit dem rassistischen und gleichzeitig anti-rassistischem Vorfall ungeschlagen. Was manche Leute Karma nennen, könnte man auch Zivilcourage nennen, die Preußen auf und neben dem Rasen zusammenwachsen lässt.

Geschrieben von Flo

Titelbild: Nils Butzen bugsiert den Ball nach einer Ecke ins eigene Tor, nachdem er von Torwart Kolke regelrecht angeworfen wurde (© 2008-2020 Sport-Informations-Dienst). Simon Scherder kann es kaum glauben.



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