Stadt sucht Erinnerungen an „vergessene“ Verfolgte

Das städtische Forschungsprojekt arbeitet Schicksale bisher unbeachteter verfolgter Münsteranerinnen und Münsteraner aus der Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit auf.

Münster - (SMS) - Über die Schicksale von Münsteranerinnen und Münsteranern, die während der NS-Zeit und in der Bundesrepublik als Homosexuelle verfolgt wurden, ist bislang wenig bekannt. Das gilt genauso für Personen, die einer gesellschaftlichen Randgruppe angehörten oder als unangepasst galten – so etwa Sinti und Roma, Zeugen Jehovas oder Menschen, die als „asozial“ galten, wie etwa Kleinkriminelle, Arbeitslose, Prostituierte und Suchtkranke. Sie wurden von den Nationalsozialisten überwacht, ausgegrenzt und in Konzentrationslager gesperrt. Auch nach 1945 litten viele Betroffene weiter unter Diskriminierung. Ihre Verfolgungserfahrungen blieben ungewürdigt, homosexuelle Menschen wurden auch in der Bundesrepublik bis 1969, teilweise sogar bis 1994, strafrechtlich verfolgt.

Der Rat der Stadt Münster beschloss im vergangenen Jahr einstimmig, diese Wissenslücken aufzuarbeiten und in der Stadtgesellschaft das Bewusstsein für diese viel zu lange „vergessenen“ Verfolgten zu verankern. Seit Oktober 2021 forscht das Stadtarchiv nun intensiv nach bisher unbekannten Schicksalen. Auf Grundlage von Akten aus Gesundheits- und Sozialämtern, von Gerichtsverfahren oder auch abgelehnten Entschädigungsanträgen aus der Nachkriegszeit können Timo Nahler und seine Kolleginnen und Kollegen vom Stadtarchiv die Namen von bisher unbekannten Verfolgten, vereinzelt auch ihre Lebenswege dokumentieren. Für eine würdige Einordnung dieser Schicksale sind sie aber auf Erinnerungen und Unterlagen jenseits dieser amtlichen Überlieferung angewiesen.

Wer im privaten Umfeld oder der eigenen Familie von entsprechenden Verfolgungserfahrungen aus Münster berichten kann oder Briefe, Tagebücher oder Fotografien besitzt, die Verfolgung oder Diskriminierung nachvollziehbar machen, ist zur Kontaktaufnahme eingeladen.

Ein erster Zwischenstand ist für Oktober zu erwarten, um eine Verlängerung des Projekts sind alle Beteiligten bemüht. Denn der Aufholbedarf ist groß. „Die Zahl der bisher nicht beachteten Verfolgten wird sich mindestens im mittleren dreistelligen Bereich bewegen“, resümiert Timo Nahler vom Stadtarchiv die bisherigen Recherchen, die er vor allem im Stadtarchiv, im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen sowie im Archiv des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe durchgeführt hat. Entsprechend viel Arbeit steht dem Historiker noch bevor. Bei Forschungen im Militärarchiv in Freiburg, hofft er Hinweise zu Kriegsdienstverweigerern oder Deserteuren aus Münster zu finden.

Die Ergebnisse dieses Forschungsprojekts sollen in angemessene Gedenkformate einfließen. „Wir wollen, dass das Thema in der historisch-politischen Bildung in Schulen und Gedenkstätten wie dem Geschichtsort Villa ten Hompel verankert wird“, wünscht sich Markus Chmielorz vom Amt für Gleichstellung für die Zukunft.


Stadt Münster



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