Eröffnungsfeier des 102. Deutschen Katholikentages

Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier zur Eröffnungsfeier des 102. Deutschen Katholikentages am 25. Mai 2022 in Stuttgart:

Bulletin 70-1

„Voll ist die Luft von Fröhlichen jetzt und die Stadt ist

Rings von zufriedenen Kindern des Himmels erfüllt.“

Liebe Christinnen und Christen, als Hölderlin diese Zeilen schrieb, hatte er ziemlich sicher keinen Katholikentag vor Augen, aber immerhin stammen diese Zeilen aus seinem Gedicht „Stuttgart“. Und sie passen zu den kommenden Tagen hier, da es über die „Kinder des Himmels“ weiter heißt: „Gerne begegnen sie sich.“

Ich bin jedenfalls gerne hier, bei Ihnen in Stuttgart, wenn Christen über ihren Ort – und ihre Aufgabe – in der Gesellschaft sprechen. Über die Verantwortung von Christen in dieser Zeit. Und über Herausforderungen, die die Gegenwart – diese konkrete Gegenwart im Mai 2022 – für die Kirche und für jeden einzelnen Christen bedeutet.

Zwei Jahre Coronapandemie haben tiefe Spuren hinterlassen in den Familien, in den Schulen, in der Arbeitswelt, in der Kultur, im Sport – überall in der Gesellschaft. Jeder von uns ist sich seiner Verletzlichkeit, ja seiner Endlichkeit bewusst geworden. Und gleichzeitig haben wir erlebt, wie wichtig es ist, auf andere Rücksicht zu nehmen. Die Schwächeren zu schützen und als Gesellschaft füreinander einzustehen. Corona hat uns gezeigt, dass Solidarität kein Fremdwort sein und nie werden darf!

Seit drei Monaten herrscht wieder Krieg in Europa, sterben Menschen, werden Dörfer und Städte bombardiert und zerstört, sind Millionen auf der Flucht. Der brutale, völkerrechtswidrige und verbrecherische Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine entsetzt, erschüttert und verstört uns.

Wir fühlen mit den Ukrainerinnen und Ukrainern, denen der Krieg so schweres Leid zufügt, der sie zur Flucht zwingt, auch nach Deutschland, zu uns. Diese Menschen haben alles verloren – und ich bin sehr dankbar für die Hilfe und den Schutz, den sie hier bei uns erfahren.

Und ich bin sicher: Auch auf diesem Katholikentag wird inständig für den Frieden gebetet werden. Ich bete mit Euch! Aber ich fordere Russland auch auf: Respektieren Sie die Souveränität der Ukraine, stellen Sie die Kampfhandlungen ein! Herr Putin, beenden Sie das Leid und die Zerstörung in der Ukraine! Ziehen Sie Ihre Truppen zurück! Und auch das: Verweigern Sie nicht das direkte und ernsthafte Gespräch mit Präsident Selensky, wie er es gerade gestern noch einmal in Davos erneut gefordert hat! Das Sterben in der Ukraine muss ein Ende haben!

Liebe Christinnen und Christen, Putins Angriffskrieg trifft nicht allein die Menschen in der Ukraine. Weil Millionen Tonnen von Getreide in den ukrainischen Seehäfen blockiert sind, sind die weltweiten Getreidepreise dramatisch gestiegen, horten jetzt schon einzelne Staaten gigantische Mengen an Weizen.

Viele Gegenden der Welt sind in den kommenden Monaten von Hunger und Tod bedroht, vor allem im Osten und Süden Afrikas. Denn die Folgen von Putins Krieg treffen auf Staaten, die sich noch immer nicht von Corona erholt haben, und sie treffen auf Regionen, in denen wegen der Klimakrise die Böden austrocknen und unfruchtbar werden.

Viele von Ihnen werden sich jetzt fragen, ob unsere Kräfte ausreichen, um überall dort zu helfen, wo es nötig ist, und so viel zu helfen, wie es nötig ist. Aber wenn wir solidarisch sein wollen mit den Schwächsten der Welt, wenn wir wirklich etwas tun wollen gegen die Hungerkatastrophe und das Leid, dann müssen wir eben auch über uns nachdenken: über unseren Anteil an der weltweiten Klimakrise, über unseren Lebensstil und unsere Verantwortung für die Welt. Dann werden wir anders leben, anders wirtschaften und ja, auch auf manches verzichten müssen.

Wir alle verspüren in diesen Tagen das Bedürfnis nach Orientierung, nach Hoffnung, nach Mut. Und obwohl gerade die Kirchen hier ein großes Reservoir, ja, einen großen, in jahrhundertelanger Erfahrung gewachsenen Schatz an Worten, Gesten und Überzeugungen haben, fragen sich manche: „Sind sie nicht etwa in der Pandemie etwas zu leise gewesen?“ Ich habe diese Frage öfter gehört. Meist kam sie von denen, die mit der Kirche nicht viel am Hut haben und nicht sehen können oder wollen, wie viel Gutes und Tröstendes im Stillen tatsächlich geschehen ist, gerade für Kranke und Sterbende und in der Begleitung Trauernder – soweit das bei all den Einschränkungen der Gottesdienste und der Seelsorge überhaupt möglich war.

Die Frage „Sind die Kirchen in der Pandemie etwas zu leise gewesen?“ wurde aber auch innerhalb der großen Kirchen mit großer Dringlichkeit gestellt. Wenn es so war, dann sind die Gründe nicht allein in der Pandemie und ihren lähmenden Auswirkungen auf das Gespräch in der Gesellschaft zu suchen. Entscheidender ist, glaube ich, dass Missbrauch und Vertuschung und deren schleppende Aufklärung viel Vertrauen beschädigt und bei manchen zerstört haben. Und zugleich auch viel Selbstvertrauen – ganz viel Selbstvertrauen der Kirchen. Viele haben sich abgewendet, viele aus Enttäuschung. Ich weiß das.

Umso mehr möchte ich all jene ermutigen, die sich tatkräftig für die Erneuerung der katholischen Kirche in Deutschland einsetzen. Ich darf Ihnen sagen, dass nicht nur ich, sondern viele Menschen mit Neugier und mit Erwartung auf die Arbeit des Synodalen Weges schauen. Und auch außerhalb unseres Landes wird dieser Weg sehr aufmerksam begleitet, wie Sie wissen. Natürlich, was dort gedacht, gesagt und beschlossen wird, das geht zuallererst die katholische Kirche selbst an. Und doch wird es auch von den Ergebnissen dort abhängen, welche Rolle die Kirche und die Christen in Zukunft in unserer Gesellschaft spielen. Ob es sich lohnt, wieder neu auf sie zu hören, oder ob manche, die enttäuscht sind, enttäuscht bleiben.

Das Wort und das Zeugnis der Kirchen soll aus meiner Sicht dabei nicht das wiederholen, was in der Gesellschaft ohnehin schon gesagt wird. Orientierung können Christen nur gewinnen und geben, wenn sie sich auf ihr Eigenes besinnen, auf das, was nicht aus den Plausibilitäten abgeleitet werden kann, die gerade aktuell sind.

Die Würzburger Synode hat 1975 formuliert: „Die Welt braucht keine Verdoppelung ihrer Hoffnungslosigkeit durch Religion.“ Sie braucht, füge ich hinzu, auch keine Verdoppelung ihrer säkularen Glücksversprechen. Sie braucht Orientierung über das Heute hinaus. Sie braucht Verantwortung für die Schwachen. Sie braucht das praktische Beispiel der Nächstenliebe – auch wenn sie etwas kostet; der Heilige Martin hat uns Beispiel gegeben. Und sie braucht das Zeugnis eines Glaubens, dessen Zuversicht immer noch ein Stück größer ist als Verzagtheit, dessen Hoffnung immer ein Stück größer ist als Verzweiflung. Dietrich Bonhoeffer hat es in dunkler Zeit mit den Worten ausgedrückt, die Sie alle kennen:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen,

erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist mit uns am Abend und am Morgen

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Liebe Brüder und Schwestern: In dieser Zuversicht kann man „leben teilen“ – ohne Angst zu haben, etwas zu verlieren. In dieser Zuversicht wünsche ich Ihnen und uns allen einen guten, einen gelingenden, einen in jeder Hinsicht geistreichen und geistvollen Katholikentag. 


Die Bundesregierung



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