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"Völkermord" im Donbass

Auch die Großstadt Charkiw wurde am Donnerstag erneut Ziel von Angriffen, neun Menschen starben.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Moskau "Völkermord" in der Ostukraine vorgeworfen, während die russische Armee ihre Angriffe rund um die Stadt Sewerodonezk intensivierte. Im Donbass betreibe Russland "eine offensichtliche Politik des Völkermords", sagte Selenskyj in seiner täglichen Fernsehansprache in der Nacht zum Freitag. Auch die Großstadt Charkiw im Norden der Ukraine wurde am Donnerstag erneut Ziel von Angriffen, neun Menschen starben.  

Die russische Offensive könnte dazu führen, dass die Donbass-Region "unbewohnbar" wird, sagte Selenskyj. Er warf Moskau vor, die ukrainischen Städte in Schutt und Asche legen zu wollen. "All dies, einschließlich der Verschleppung unserer Menschen und der Massentötung von Zivilisten, ist eine offensichtliche Politik des Völkermords, die von Russland betrieben wird." 

Selenskyjs Vorwürfe sind ein rhetorisches Echo auf die Anschuldigungen Moskaus: Der russische Präsident Wladimir Putin hatte Ende Februar den Krieg gegen die Ukraine unter dem Vorwand begonnen, den angeblichen "Völkermord" an der russischsprachigen Bevölkerung in den östlichen Regionen Luhansk und Donezk zu beenden. Im April stimmte das ukrainische Parlament einer Resolution zu, in der die Angriffe des russischen Militärs in dem Land dann als "Völkermord" bezeichnet wurden.

Russland hat seine Truppen aus dem Zentrum und Norden der Ukraine, wo es die Städte Kiew und Charkiw nicht einnehmen konnte, in den Osten verlagert, um dort seine militärischen Erfolge zu konsolidieren. Seitdem dringen russische Soldaten langsam, aber stetig immer tiefer in die Donbass-Region vor. 

Strategisch wichtige Städte wie Sewerodonezk und Lysytschansk werden von der russischen Armee belagert. Insbesondere Sewerodonezk droht das gleiche Schicksal wie der Hafenstadt Mariupol, die nach wochenlanger Belagerung größtenteils zerstört ist. 

"Wir glauben, dass die russischen Streitkräfte den größten Teil des Nordostens von Sewerodonezk einnehmen konnten, auch wenn die Kämpfe noch im Gange sind", sagte ein hochrangiger Pentagon-Mitarbeiter in Washington. Laut dem Leiter der Zivil- und Militärverwaltung von Sewerodonezk, Alexander Striuk, befinden sich noch immer zwischen 12.000 und 13.000 Menschen in der Stadt, die vor dem Krieg 100.000 Einwohner hatte. 

"Sechzig Prozent des Wohnungsbestands von Sewerodonezk wurde zerstört, 85 bis 90 Prozent der Gebäude in der Stadt wurden beschädigt und werden umfassende Wiederaufbauarbeiten benötigen", sagte er. 

Tödliche russische Angriffe wurden auch aus der nördlichen Stadt Charkiw gemeldet, während die Menschen dort nach dem Truppenabzug auf dem schwierigen Weg zur Rückkehr in die Normalität sind. Bei russischen Bombardements seien neun Menschen getötet und 19 weitere verletzt worden, sagte Selenskyj in seiner Rede. Unter anderem seien ein fünf Monate altes Baby und sein Vater getötet worden, während die Mutter schwer verletzt worden sei.

Zwar sind die russischen Truppen abgezogen, halten aber weiter ihre Stellungen im Osten von Charkiw. Die Ukrainer hoben neue Gräben um die Stadt aus und errichteten Betonsperren und Straßenkontrollpunkte, um sich auf einen möglichen neuen Angriff vorzubereiten.

Ein italienischer Friedensplan zur Beendigung des Konflikts wurde am Donnerstag von Russland abgelehnt. Dieser sah einen Waffenstillstand unter UN-Aufsicht, den Beitritt der Ukraine zur EU, aber nicht zur Nato, sowie einen Autonomiestatus für den Donbass und die Krim vor, die unter ukrainischer Souveränität bleiben sollten. 

Bei ihrem Besuch in Kiew nannte die finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin den Krieg "einen Wendepunkt" für Europa. Das Vertrauen in Russland sei für Generationen verloren gegangen, betonte Marin. Finnland hat unter dem Eindruck des russischen Einmarsches in die Ukraine seine jahrzehntelange Bündnisneutralität aufgegeben und die Mitgliedschaft in der Nato beantragt. 

mkü/



Patrick FORT, Dmitry ZAKS / © Agence France-Presse