Hunger und Not durch Krieg

Rede der Bundesministerin des Auswärtigen, Annalena Baerbock, beim internationalen Ministertreffen zum Thema „Globale Ernährungssicherheit“ am 19. Mai 2022 in New York:

Bulletin 67-2

"Einer hungernden Familie in Somalia, einer verängstigten Mutter in Jemen, einem Hunger leidenden Schüler in Mali mag Russlands Krieg in der Ukraine Tausende von Kilometern entfernt erscheinen. Doch seine verheerenden Auswirkungen treffen jene Mütter, Väter und Kinder unmittelbar mit katastrophalen Folgen.

Russland führt seinen brutalen Krieg nicht nur mit Panzern, Raketen und Bomben. Russland führt diesen Krieg auch mit einer anderen furchtbaren und mächtigen Waffe: mit Hunger und Not.

Durch die Blockade ukrainischer Häfen, durch die Zerstörung von Silos, Straßen, Bahngleisen und Feldern hat Russland einen Kornkrieg angezettelt und eine weltweite Ernährungskrise weiter angefacht, und zwar zu einer Zeit, in der bereits Millionen von Hunger bedroht sind, insbesondere im Nahen Osten und in Afrika – aufgrund der verheerenden Folgen der Klimakrise, aufgrund der Covid‑19-Pandemie, aufgrund von Konflikten in ihrer jeweiligen Region.

Als ich vergangenen Monat mit Dorfbewohnern in Mali und Niger sprach, erzählten sie mir, was es bedeutet, wenn sich der Getreidepreis auf dem örtlichen Markt verdoppelt. Es bedeutet, dass Kinder hungrig zu Bett gehen. Es bedeutet, dass Familien Not leiden. Die Ärmsten der Welt zahlen einen entsetzlichen Preis für Russlands skrupellosen Krieg. In Mali haben sich die Brotpreise verdoppelt. Im Libanon sind sie um 34 Prozent gestiegen. Aus ganzem Herzen möchte ich euch sagen: Wir sehen eure Not. Wir hören euer Leid, und wir stehen an eurer Seite.

Drei Dinge sind jetzt entscheidend. Erstens müssen wir konkret handeln. Deshalb war es so wichtig, dass wir im Kreis der G7 letzte Woche konkrete Zusagen gemacht haben die Ukraine bei der Aufrechterhaltung ihrer Produktion und der Ausfuhr von Getreide zu unterstützen, das so dringend in der Welt benötigt wird, und umfassendere Hilfe zu leisten für all die Frauen, Männer und Kinder, die jetzt am dringendsten Hilfe benötigen.

Insgesamt stellt Deutschland in diesem Jahr über vier Milliarden Euro für Ernährungssicherheit zur Verfügung. Aber – und das bringt mich zu meinem zweiten Punkt – wir müssen auch über das Hier und Jetzt hinausdenken. Die bittere Wahrheit ist, dass sich die weltweite Ernährungskrise nicht über Nacht lösen lässt.

Deshalb müssen wir alle Faktoren, die zum Hunger beitragen, in den Blick nehmen: Wir müssen die Klimakrise angehen. Wir müssen Landwirtinnen und Landwirten dabei helfen, sich besser gegen Dürren, Überschwemmungen oder Starkregen zu wappnen.

Auch den Kampf gegen Covid‑19 müssen wir fortsetzen und dabei sicherstellen, dass niemand außen vor bleibt. Als Außenminister der G7 haben wir gerade einen Aktionsplan beschlossen, um Impfkampagnen im globalen Süden mit fast vier Milliarden US-Dollar zu unterstützen. Nur wenn wir zusammenarbeiten, werden wir erfolgreich sein. Und das ist mein dritter Punkt. Deshalb sind wir dir dankbar, Tony, dass du uns dieses Treffen heute ermöglichst.

Deshalb, sehr geehrter Herr Generalsekretär, danken wir Ihnen, dass Sie die Globale Krisenreaktionsgruppe ins Leben gerufen haben – eine maßgebliche Initiative –, denn diese Diskussion muss unter Einbeziehung aller Seiten geführt werden, auf globaler Ebene, mit Geldgebern und Notleidenden an einem Tisch.

Deshalb werden wir unsere G7-Präsidentschaft auch dazu nutzen, diesen entscheidenden Kampf stärker voranzutreiben. Die Globale Allianz für Ernährungssicherheit, die auf Initiative der G7 zustande gekommen ist und morgen offiziell startet, ist dabei ein wichtiger Schritt. Sie wird die Bemühungen im Rahmen der Vereinten Nationen unterstützen.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, liebe Freundinnen und Freunde, lassen Sie sich nicht von Russlands Desinformationskampagne in die Irre führen. Es gibt keine Sanktionen – keine einzige – für Getreideausfuhren. Es gibt keine Sanktionen, die die Bereitstellung humanitärer Hilfe behindern.

Über eines müssen wir uns absolut im Klaren sein: Es ist Russlands skrupelloser Krieg, der Millionen von Menschenleben gefährdet. Aber wir werden nicht tatenlos zusehen. Wir werden handeln. In diesem Moment, in dem ein unmenschlicher Krieg solch furchtbares Leid über die ganze Welt bringt, ist es eine Frage von Verantwortung, von Solidarität und von Mitmenschlichkeit. Darum sind wir hier, um den Ärmsten zur Seite zu stehen." 


Die Bundesregierung



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