Münster historisch

Goldener Hahn: der fingerbreite Ehrenschluck Mehr als 400 Jahre alter Trinkpokal ist im Friedenssaal ausgestellt


Münster -  (SMS) - Angela Merkel, der Dalai Lama, Genscher, Schewardnadse und Klitschko – den Lippen all dieser historischen Persönlichkeiten kam wohl niemand so nah wie Münsters Symbol für Frieden und Gastfreundschaft: Der „Goldene Hahn“ ist das bekannteste Trinkgefäß der Stadt, obgleich nur die wenigsten Münsteranerinnen und Münsteraner jemals selbst daraus getrunken haben.

Im Friedenssaal des historischen Rathauses wird die rund 42 Zentimeter hohe und mehr als 400 Jahre alte Tierfigur unweit eines bedeutsamen Pantoffels und Überresten einer abgetrennten Hand hinter dickem Sicherheitsglas aufbewahrt. Nicht allein wegen ihres reinen Materialwertes – der Hahn mit abnehmbarem Kopf und beweglichen Flügeln besteht größtenteils aus Silber, Vergoldungen sind angebracht –, sondern vor allem aufgrund ihrer herausragenden Bedeutung: Seit dem späten 18. Jahrhundert wurde der Trinkpokal bei offiziellen Anlässen für besondere Gäste entsprechend eines Ratsprotokolls aus dem Jahr 1774 eingesetzt.

Nervöse Sicherheitsdienste

Eine Tradition, die auch der amtierende Oberbürgermeister Markus Lewe nicht zu unterbrechen gedenkt: „Der Schluck aus dem Goldenen Hahn im Friedenssaal ist für meine Gäste und auch für mich immer ein Zeichen des Vertrauens – denn immerhin trinkt nur der Gast! Das hat schon für nervöse Sicherheitsdienste gesorgt, aber noch nie dazu geführt, dass jemand die Zeremonie tatsächlich abgelehnt hat. Das Trinken aus dem Hahn ist für mich immer ein sehr würdevoller und schöner Moment und das hat auch etwas mit der Symbolik dahinter zu tun.“

Wer einen Schluck aus dem Hahn nimmt, der darf sich auch ins Goldene Buch der Stadt eintragen. Aber nicht jeder Ehrengast, der sich im Goldenen Buch verewigt, darf auch aus dem Hahne trinken.

Kredenzt wird ein Riesling aus der Pfalz

Aus dem im Friedenssaal vor allem touristisch eingesetzten Scheinwerferlicht wird der Hahn allerdings nur selten genommen. Trotz einer Vielzahl von Empfängen in solch geschichtsträchtigem Rahmen gibt es nur wenige derart herausragende Momente, in denen der Goldene Hahn zum Einsatz kommen darf.

Jürgen Cosack ist ein Part des dreiköpfigen Teams im Amt für Bürger- und Ratsservice, das sich um die Belange des Hahnes kümmert. Steht prominenter Besuch an, stülpt sich der 62-Jährige seine baumwoll’nen Handschuhe über, entkorkt eine Flasche des münsterschen Hausweines – aktuell ein trockener Riesling aus der Pfalz – und gießt diesen in den dann kopflosen Hahn ein. Allerdings nicht den kompletten Flascheninhalt, sondern laut Cosack lediglich „eine Fingerbreite“, was einem halben Wasserglas entspricht. In absoluten Ausnahmefällen wird auf Wunsch des Gastes auch mal ein Roter gereicht. Oder, wie seinerzeit (2007) beim Dalai Lama geschehen, nur etwas Wasser. Gäste der Stadt sollen sich hier schließlich wohlfühlen, aber nicht betrinken. „Es ist vor allem eine Geste der Gastfreundschaft“, so Cosack.

"This city is magic"

„This city is magic“, habe einst der damalige US-Botschafter Philip Murphy bei seinem Besuch gesagt. „Und genauso empfinde ich auch die Zeremonie mit dem Goldenen Hahn“, so Lewe.

Trotz aller Regularien und Rituale kann es dabei aber natürlich auch mal zu Überraschungen kommen. Lewe erinnert sich: „Von Zeit zur Zeit wird der Hahn ja ‚gewartet‘ und nach einer solchen Wartung in der Sommerpause stellte man beim Besuch von der damaligen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft fest, dass der Trinkeinsatz im Hahn fehlte. Schnell wurde ein Pinnchen als Ersatz organisiert, das aber nicht hundertprozentig passte. Das hatte zur Folge, dass der Hahn – mit schiefem Kopf – schon zu Beginn des Treffens im Friedenssaal etwas angeschickert aussah…“

Ins städtische Silber vermittelt

Nach erfolgtem Ehrentrunk wird der Hahn gereinigt und zurück in seine Glasvitrine gestellt. Aufgrund zweier „Beschauzeichen“ – also Silberstempel – wird der Hahn Jörg Ruel (1598 bis 1625, Goldschmied aus Nürnberg) zugerechnet. Dessen Werk umfasste unter anderem weitere Gefäße in Tiergestalt. Einige von ihnen werden in Museen aufbewahrt, andere sollen sich in Privatbesitz befinden.

„Im Jahr 1863 wurde zudem eine nicht detailgetreue Nachbildung angefertigt für den Geh. Oberbaurat Wilhelm Salzenberg (1803 – 1887)“, so Anja Gussek vom münsterschen Stadtarchiv. Diese erhielt er im Folgejahr, als er zum Ehrenbürger der Stadt Münster ernannt wurde – Salzenberg hatte zwischen 1861 und 1863 den großen Festsaal im historischen Rathaus (Tonnengewölbe, 1944 zerstört) gebaut.

Die Sage des wehrhaften Hahns

Wie der originale Goldene Hahn hingegen in den Besitz der Stadt Münster gelangte, ist nicht vollends belegt. 1621 ist dieser vom Rat selbst vermutlich auf einem regionalen Jahrmarkt erstanden - oder mindestens von einem Ratsherrn, der Kaufmann war, vermittelt worden und so in das städtische Silber gelangt. Doch weder genaues Kaufdatum, noch konkreter Zustand oder damalige Nutzungsabsicht sind überliefert.

Dafür aber eine Sage, zu finden in der Bibliothek des Westfälischen Heimatbundes: Zur Mitte des 17. Jahrhunderts soll während der Belagerung Münsters und daraus resultierender Hungersnot ein Hahn aus Furcht vor dem Schlachter aufs Aegidii-Tor geflüchtet sein und lauthals gekräht haben. Die Belagerer hätten aufgrund des Krähens – und damit des Anscheins noch ausreichender Nahrungsmittel in der Bevölkerung – ihr Vorhaben als gescheitert angesehen und aufgegeben. Der Hahn wurde laut Sage schließlich gehegt und gepflegt, nach seinem Tode dann in Silber gegossen …

„Symbol der Freiheit“

Sein insbesondere ideeller Wert für die Stadt ist unbestritten. Selbst als das städtische Ratssilber Ende des 18. Jahrhunderts für Porzellan veräußert werden sollte, behielten die Gruetherren der städtischen Finanzverwaltung den Goldenen Hahn in ihrem Besitz. Ganz gleich, wie dieser schlussendlich seinen Platz im Friedenssaal fand: Oberbürgermeister Markus Lewe sieht darin ein „Symbol der Freiheit, das auf eben diese Geschichte der Belagerung der Stadt zurückgeht“.

Übrigens: In den 13 Jahren seiner bisherigen Amtszeit hat Lewe selbst nie einen Schluck aus dem Hahn genommen. Damit ist dann wohl auch diese schöne Legende, dass nämlich alle Bürgermeisterinnen und Bürgermeister der Stadt Münster bei Amtsantritt den „literweise gefüllten“ Hahn einmal „komplett leeren“ müssen, widerlegt. Für Lewe kein Problem – er plane auch keinen insgeheimen Schluck aus dem Hahn: „Nein, dieses Privileg behalte ich gern den Gästen der Stadt vor.“

Weitere Informationen

Ein Besuch des Friedenssaales im Historischen Rathaus am Prinzipalmarkt 10 ist mit medizinischer Maske und unter Einhaltung des Mindestabstands möglich. Öffnungszeiten sind Dienstag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr sowie an Wochenenden und Feiertagen von 10 bis 16 Uhr. Der Eintritt beträgt 2 Euro (ermäßigt 1,50 Euro). Bei Gruppen über zehn Personen wird um Anmeldung gebeten unter Tel. 02 51 / 492 27 24.

Wer mehr über die Geschichte der Stadt Münster erfahren möchte, kann sich im Stadtarchiv, An den Speichern 8, informieren. Der Lesesaal ist Dienstag bis Donnerstag geöffnet. Eine vorherige Anmeldung unter Telefon 02 51 / 492 47 11 oder per E-Mail (archiv@stadt-muenster.de) wird empfohlen. Weitere Informationen online: www.stadt-muenster.de/archiv/

Bilder:

# Oberbürgermeister Markus Lewe begrüßte 2017 unter anderem Bundespräsident Frank Walter Steinmeier im Friedenssaal.

# Der Dalai Lama wünschte 2007 Wasser statt Wein.

# Nach der Eintragung ins Goldene Buch der Stadt erhalten besondere Ehrengäste - so auch der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau am 23. Januar 2004 - im Friedenssaal einen Begrüßungstrunk aus dem Goldenen Hahn.

# Im Jahr 2013 trug sich wie Angela Merkel auch Vitali Klitschko im Goldenen Buch der Stadt Münster ein und nahm einen Schluck aus dem Goldenen Hahn.

# Der Goldene Hahn der Stadt Münster - ein über 400 Jahre alter Trinkpokal.

Fotos: Stadt Münster.



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