Der schleichende Völkermord

Australische Regierung räumt Scheitern von Hilfsprogrammen für Aborigines ein.

Mit Blick auf die anhaltende Gerechtigkeitslücke zwischen australischen Aborigines und anderen Staatsbürgern hat die Regierung in Canberra von einer "nationalen Schande" gesprochen. Nur zwei der sieben wichtigsten Maßnahmen der Regierung, mit denen das Leben von Ureinwohnern in Australien verbessert werden soll, zeigten Wirkung, räumte Premierminister Scott Morrison am Mittwoch ein. Im Vergleich zum vergangenen Jahr habe es keine Fortschritte gegeben.

Zwar gingen mehr Kinder aus Aborigine-Familien zur Grundschule und machten ihren High-School-Abschluss als je zuvor, sagte Morrison. Allerdings lägen die tatsächlichen Anwesenheitsraten der Aborigine-Kinder immer noch deutlich hinter jenen von anderen australischen Schülern. 

Andere zentrale Vorhaben der Regierung zur Verbesserung der Lebensbedingungen für Aborigines - darunter die Reduzierung der Kindersterblichkeit, eine umfassende Alphabetisierung, die Erhöhung der Lebenserwartung und die Verringerung der Arbeitslosigkeit - sind laut Morrison gescheitert. Dies sei eine "nationale Wahrheit und eine nationale Schande", sagte der Regierungschef. Über Jahrzehnte habe der "Von-oben-nach-unten-Ansatz" der Regierung nicht die nötigen Verbesserungen gebracht. "Die Ergebnisse sind nicht gut genug".

Australiens früherer Premierminister Kevin Rudd hatte vor zwölf Jahren in einer historischen Entschuldigung an die australischen Ureinwohner jahrhundertelange politische und soziale Ungerechtigkeiten eingeräumt und die Initiative "Die Lücke schließen" gestartet. Ziel war es, die Lebensumstände von Aborigines auf das australische Durchschnittsniveau anzuheben. 

Die Lebenserwartung von Aborigines liegt acht Jahre unter dem australischen Durchschnitt. Kinder aus Ureinwohner-Familien haben zudem ein doppelt so großes Risiko, vor ihrem fünften Geburtstag zu sterben. 

Die Ureinwohner lebten zehntausende Jahre vor Ankunft der britischen Kolonialherren vor 250 Jahren auf dem australischen Kontinent. Heute machen sie nur etwa drei Prozent der rund 25 Millionen Einwohner aus und sind die am meisten benachteiligte Gruppe des Landes.

isd/ut

© Agence France-Presse