Walijewa ist Opfer, nicht Täterin

Da die Eiskunstläuferin Kamila Walijewa mit ihren 15 Jahren noch ein Kind ist, handelt es sich um eine "geschützte Person".

Regensburg - (ots) - Im rechtsstaatlichen Teil der Welt ist die Sache klar: Russlands betrügerische Eiskunstlaufhexe Kamila Walijewa gehört nicht aufs olympische Eis des heutigen Einzelwettbewerbs, sondern in den nächsten Flieger nach Moskau. Und am besten die drei Richter des internationalen Sportgerichtshofs CAS, die mit ihrem Eil-Urteil gestern die weitere Teilnahme der Russin an den Olympischen Spielen überhaupt möglich gemacht haben, gleich hinterher. Doch so einfach, wie die Doping-Causa auf den ersten Blick scheint, ist der Fall leider nicht. 

Walijewa, das Wunderkind des Eiskunstlaufs, ist mit 15 Jahren schlicht ein Kind. Daher kann, nein, muss man, der Argumentation der Sportrichter folgen, dass es sich hier um eine "geschützte Person" unter dem Code der Welt-Anti-Doping-Agentur handelt. Aber muss nicht, wer wie Walijewa bei den "Großen" mitläuft, auch wie ein Erwachsener behandelt werden? Nein! Denn minderjährige Sportler, in deren Blut verbotene Substanzen nachgewiesen werden, sind nicht Täter, sondern Opfer. 

Erinnert sei an die Vorgänge in der früheren DDR. 15 000 minderjährige Leistungssportler waren dort bis 1989 Zwangsdoping ausgesetzt. Wohltuend klangen daher gestern die Worte einer Frau, die wie Kamila Walijewa selbst ein Wunderkind war: Katharina Witt. Das hübscheste Kind des DDR-Sports, zweifache Olympiasiegerin im Eiskunstlauf (1984 und 1988), nahm die junge Russin als eine der wenigen in Schutz: "Wenn überhaupt, gehören die verantwortlichen Erwachsenen für immer für den Sport gesperrt! Das, was sie ihr vielleicht zugemutet haben, ist an Unmenschlichkeit nicht zu überbieten und lässt mein Sportlerherz weinen!" Unter welchem Druck das Mädchen steht, kann sich jemand außerhalb Russlands nicht vorstellen - und deshalb auch kein Urteil fällen. 

Was unbestritten ist: Die 15-Jährige, die eigentlich das Gesicht einer jungen, unbelasteten, neuen Generation russischer Sportler hätte sein sollen, ist zum Beweis dafür geworden, dass der Ausschluss Russlands aus der olympischen Familie bis 2024 keinerlei Auswirkungen auf das von Moskau verordnete Staatsdoping hatte. Die eigentlichen Verliererinnen der Geschichte sind die 30 Damen, die heute zum Kurzprogramm antreten. Denn wie bereits beim Team-Wettbewerb, in dem Russland vor den USA und Japan Gold gewann, wird es wieder eine Ergebnisliste unter Vorbehalt geben. An Siegerehrungen, die aus "rechtlichen Gründen" verschoben werden, müssen wir uns wohl gewöhnen.


Mittelbayerische Zeitung



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