Jesus-Vergleich im Fall Djokovic

Coronabedingt galten lange Zeit strenge Einschränkungen in Australien. Das ist wohl ein Grund, warum der Streit um die Einreise von Tennis-Star Novak Djokovic zu den Australien Open so hohe Wellen schlägt.

Das Kölner Domradio:

Frage: Australien kämpft mit harten Bandagen gegen die Pandemie. Wie dominant ist das Thema Djokovic tatsächlich bei Ihnen?

Pfarrer Roland Maurer (Katholischer Seelsorger in der deutschsprachigen Gemeinde Sydney): Es wird natürlich in den Medien sehr stark bedient. Aus meiner Sicht wird dabei Vieles vermischt: Die eigene Unzufriedenheit mit der Situation, der allgemeine Neid über die Sonderbehandlung von wichtigen Personen. Und ein starkes Moment ist natürlich auch, dass Djokovic durch seine Persönlichkeit oder durch sein Auftreten nicht unbedingt eine einnehmende Person zu sein scheint. An ihm scheiden sich die Geister.

„An ihm scheiden sich die Geister“

Auch Nationalitäten spielen eine Rolle. Wir sind ein multikulturelles Land. Wir verstehen uns einerseits als Australier, aber wir haben immer zwei Herzen in unserer Brust. Demnach ist im serbischen Teil der australischen Bevölkerung eine starke Verbindung und Verbrüderung vorhanden.

Frage: In Serbien gibt es sogar Demonstrationen für den Tennisstar. Erleben Sie auch Menschen, die das strenge Vorgehen der Regierung gegen Djokovic nicht gut finden?

Maurer: Ja. Im serbischen Teil der Bevölkerung sind grundsätzlich viele Djokovic-Befürworter, die auch lautstark vor seinem Hotel für ihn demonstrieren. Bei dem Rest der Bevölkerung sieht es anders aus. Es gab Umfragen im Internet zu der Frage: ,Soll man ihn spielen lassen oder nicht?` Das ist Populismus. Solche Entscheidungen müssen nach rechtsstaatlichen Kriterien gefällt werden.

Familie des Tennistars verglich ihn mit Jesus

Frage: Djokovics Vater hat seinen Sohn bei einer Pressekonferenz mit Jesus verglichen. Wie wirkt das auf Sie als katholischer Priester?

Maurer: Da fehlen mir ehrlich gesagt die Worte. Das ist natürlich eine emotionale Geschichte vom Vater von Djokovic. Ich hätte das an seiner Stelle nicht so gesagt, aber nun ist es in der Welt. Ob er sich damit Freunde macht oder sich lächerlich macht - darüber mögen andere urteilen.

„Ich hätte das an seiner Stelle nicht so gesagt, aber nun ist es in der Welt“

Frage: Glauben Sie, dass die Diskussion um Djokovic zu einer Polarisierung der australischen Gesellschaft führen könnte, ähnlich wie es bei Corona der Fall ist?

Maurer: Nicht unbedingt. Die meisten Australier sind immer noch stark auf Sicherheit bedacht. Gerade mit der Omikron-Variante haben alle Angst vor dem nächsten großen Lockdown gehabt. Die Regierung in unserem Bundesstaat sieht das Thema zumindest relativ locker. Ich habe heute einen Kommentar in den Medien über die Frage gehört, ob diese scharfen Lockdowns in den letzten zwei Jahren und die Reiseverbote in dieser Form überhaupt notwendig gewesen sind.

Ob sich aus der Enscheidung über Djokovics Einreise ein Tennis-Skandal ergibt, weiß ich nicht. Wie gesagt, die Regierung hat diese Entscheidung zu Djokovic eher aus politischem Kalkül getroffen, nicht aus rechtsstaatlichen Gründen. Eine Regierung sollte jetzt nicht populistisch handeln.

„Eine Regierung sollte jetzt nicht populistisch handeln“

Frage: Was hat Djokovic vom Publikum bei den Australian Open zu erwarten? Bleibt der Australier ein fairer Zuschauer?

Maurer: Ich würde sagen nein. Die Menschen sind hier im Stadion etwas heftiger unterwegs. Es kann also durchaus sein, dass er ausgebuht und ausgepfiffen wird. Fair Play wird es da wahrscheinlich nicht geben.

Das Interview führte Heike Sicconi für das Kölner Domradio.

(dr - sst)

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