Die Liebe ist zur Welt gekommen

Predigt von Bischof Georg Bätzing am 1. Weihnachtstag

Mit Jesus, dem Kind in der Krippe, dem Sohn Gottes, ist die Liebe zur Welt gekommen. Das ist für den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Georg Bätzing, die zentrale Botschaft von Weihnachten. „,Ich bin, weil du bist.‘ Das ist für mich Weihnachten“, sagte Bischof Bätzing heute (25. Dezember 2021) bei der Festmesse im Limburger Dom: „Gott hat unser Menschsein angenommen. Angenommen! Uns angenommen, mich angenommen! Ich lebe, denn ich bin geliebt. Ich bin wie er ist, weil Jesus unter uns ist, weil er für mich ist. Mit ihm ist die Liebe zur Welt gekommen. Und mit ihr ein gutes Wort für alle.“   

Es sei nicht immer leicht, sich selbst anzunehmen. Niemand habe sich selbst gemacht. Man sei ins Leben gestellt worden und müsse lebenslang damit umgehen. Für die einen sei dies ein großartiges Geschenk. Andere kämen damit weniger gut klar. Immer wieder stolperten sie über negative Gefühle, Selbstzweifel, Anfragen an die Sinnhaftigkeit ihres Daseins bis hin zur Selbstverachtung. Sie bekämen es nicht zusammen, dass sie sind und wie sie sind. Dieser Konflikt könne einen Menschen zerreißen. Dies gelte zum einen für privilegiert lebende Menschen und verschärfe sich noch bei den Menschen, denen die Grundlage zum Leben materiell oder ideologisch systematisch entzogen wurde. „Menschen, die flüchten müssen, weil Versteppung und Dürre, Fluten und andere Katastrophen ihren Lebensraum vernichten oder weil sie seit Kindertagen immer nur Krieg und Angst kennen − und die dann an den Grenzen Europas auch noch benutzt werden im Kalkül eines autokratischen Machthabers. Wie kommen die mit sich selbst klar, denen man nachstellt, nur weil sie beeinträchtigt sind, eine andere Hautfarbe haben, eine andere Geschlechtsidentität, weil sie anders glauben oder eine andere kulturelle Prägung angehören?“, fragte Bischof Bätzing. Es sei hart, sich gegen solche Widerstände zu behaupten und sich trotzdem in guter Weise annehmen zu können. Dies habe der deutsch-amerikanische Theologe und Philosoph Paul Tillich schon vor mehr als 60 Jahren erkannt und die Selbstliebe geradezu als die „Annahme des Unannehmbaren“ beschrieben.  

Bischof Bätzing betonte, dass er lange gezweifelt habe, ob diese Beschreibung von Tillich nicht stark überzogen sei. Dies habe sich erst im Herbst, als er die Rede der Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, Tsitsi Dangarembga, gehört habe, geändert. Die afrikanische Autorin und Filmemacherin habe in der Frankfurter Paulskirche dafür plädiert, die Welt neu zu denken, um sie friedvoller, menschlicher und schöpfungsnäher zu gestalten. Sie habe sich für eine neue Aufklärung ausgesprochen und stellte der westlichen Maxime „Ich denke, also bin ich“ das Leitbild afrikanischer Ubuntu-Philosophie gegenüber: „Ich bin, denn du bist“. „Diese Alternative hat mir neu die Augen geöffnet für die besonderen Schwierigkeiten einzelner und der Lebbarkeit menschlicher Gemeinschaft in einer einseitig individualistisch geprägten, auf Selbstbewusstsein, Rationalität und Sinneserfahrung gestützten Lebensart“, sagte Bischof Bätzing.  

Die Maxime „Ich denke, also bin ich“ trage heute bei vielen größtenteils nicht mehr. Es gebe allerlei zum Teil triviale Spielarten, wie „ich arbeite, ich zweifle, widerspreche, ich schraube, jogge, kaufe, genieße, koche, reise …, also bin ich“. Damit gelinge es durchaus, sich auf diese Weise seiner selbst zu vergewissern. „Aber diese Art Selbstliebe bleibt oft genug egozentrisch gebrochenes Stückwerk. Selbstspiegelung – so engagiert und angestrengt sie sein mag – ist auf die Dauer ein unbefriedigendes Unterfangen. Ganz zu schweigen vom Konsum von Alkohol und Drogen oder selbstverletzendem Verhalten, wodurch Selbstzweifel und quälende innere Leere mitnichten verdrängt oder in ein stimmiges Gespür für sich selbst aufgelöst werden. Statt Selbstannahme droht hier in höchstem Maß existentielle Selbstgefährdung. Eine Sackgasse“, so Bischof Bätzing.   

Für ihn weise das Plädoyer der Friedenspreisträgerin „Ich bin, denn du bist“ in eine gute Richtung. Menschlichkeit, Nächstenliebe und Gemeinsinn verbündeten sich mit dem christlichen Menschenbild. „Ich kann Ja zu mir sagen, weil Gott längst sein Ja zu mir gesprochen hat. Ich kann sicher leben, weil ich geliebt bin, gewollt, angenommen von anderen. Und selbst Liebe schenken ermutigt nicht nur andere dazu, Ja zu sich zu sagen, es gibt auch meinem eigenen Leben Sinn.“ Wer fähig sei, sich selbst zu lieben, sei auch fähig, den anderen zu lieben. Wer gelernt habe, die Selbstverachtung zu überwinden, habe damit auch seine Menschenverachtung überwunden. „Nimm dich an, denn du bist angenommen. Diese Einsicht atmet Zuversicht und eine positive Lebenseinstellung. Sie vertreibt negative Gefühle, Zynismus und radikale Selbstzweifel. Sie stellt uns fest und sicher ins Abenteuer des Lebens mit all seiner Schönheit und seinen Zumutungen“, sagte Bischof Bätzing.


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