Die digitale Wende im Jugendsport

Nils Neuber über Inhalte und Ziele der Konferenz "Generation Workout – Kinder- und Jugendsport im Wandel"

In Folge der Coronapandemie gab es eine Vielzahl individueller und gesellschaftlicher Veränderungen - einige wurden mittlerweile wieder rückgängig gemacht, andere bleiben vielleicht dauerhaft. Ein Beispiel ist der Wandel im Kinder- und Jugendsport, den die Krise arg gebeutelt hat. Doch nicht nur die Pandemie hat die Gewohnheiten von Heranwachsenden verändert. Auch die digitale Wende beeinflusst, wie diese Gruppe Sport treibt. Vom 28. bis 29. Oktober findet am Institut für Sportwissenschaft (IfS) der Universität Münster der Kongress "Generation Workout – Kinder- und Jugendsport im Wandel" statt. Prof. Dr. Nils Neuber, geschäftsführender Direktor des IfS und einer der Ausrichter der Tagung, spricht mit Hanna Dieckmann über veränderte Lebenswelten junger Menschen, die Aufgabe der Wissenschaft, diese abzubilden und die daraus folgenden Lehren für Sportvereine.

Die Coronakrise hatte schwere Auswirkungen – vor allem für Kinder und Jugendliche, die zum Beispiel über einen langen Zeitraum keinen Sport in der Schule oder in Vereinen treiben konnten. Der Kinder- und Jugendsport zeigte sich in der Pandemie wenig krisensicher. Aber hat der Umbruch in der Art und Weise, wie Kinder und Jugendliche Sport treiben, nicht schon deutlich früher begonnen?

So schlecht ist der organisierte Kinder- und Jugendsport gar nicht durch die Corona-Krise gekommen. Er hat zwar einige Mitglieder verloren, vor allem im Vorschulalter, aber viele Vereine haben digitale Angebote entwickelt, um Heranwachsende auf diese Weise ,in Bewegung zu bringen'. Zugleich haben sie damit in schwierigen Zeiten wenigstens digital Kontakt gehalten. Tatsächlich hat die digitale Wende im Kinder- und Jugendsport schon weit vor Corona begonnen. Besonders im selbstorganisierten Sport sind Fitness-Apps nicht nur bei jungen Menschen längst selbstverständlich. Der informelle Jugendsport hat sich damit vom Freizeiterleben in der Gruppe, zum Beispiel beim Streetsoccer, zu einem fitnessorientierten ,sport on demand' gewandelt, den man zumeist alleine betreibt.

Wie können und wie sollten die Vereine, Verbände, Schulen, aber auch die Wissenschaft auf die veränderten Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen reagieren?

Zunächst sollten sie die veränderten Lebenswelten akzeptieren, obwohl sie nicht in allen Bereichen positive Wirkungen haben. Wir wissen zum Beispiel, dass übertriebene Körperideale in Fitness-Apps bei Jugendlichen zu psychischen Problemen in Bezug auf die Wahrnehmung des eigenen Körpers führen können. Dennoch gehören diese Apps zum Alltag junger Menschen. Es kann also nur darum gehen, sie sinnvoll zu integrieren. Sowohl die Wissenschaft als auch Schulen und Vereine sind gefordert, entsprechende Konzepte zu entwickeln. Auf der anderen Seite sollten sich die Institutionen auf ihre Stärken besinnen. Eine Stärke der Sportvereine ist beispielsweise ihr sozialer Zusammenhalt – den gilt es selbstbewusst hervorzuheben.


Befürchten Sie, dass durch die zunehmende Individualisierung des Sports die Zahl der Vereine zurückgehen wird - und muss man deswegen die aktuellen Strukturen anpassen?

Nein, die Vereine sind meines Erachtens weit davon entfernt, auszusterben. Die Bindungsraten von Kindern und Jugendlichen sind nach Corona immer noch sehr hoch. Im Alter von sieben bis 14 Jahren liegen sie etwa bei Jungen bei fast 80 Prozent einer Alterskohorte. Der Vereinssport steht bei den Heranwachsenden also nach wie vor hoch im Kurs. Zugleich dürfen sich die Vereine und Verbände auf diesen Zahlen nicht ausruhen. So wie sich die Gesellschaft wandelt, ändern sich auch die Jugendgenerationen und der Sport. In Bezug auf das bürgerschaftliche Engagement junger Menschen haben die Vereine beispielsweise auf veränderte Lebensstile reagiert und arbeiten heute eher in zeitlich befristeten Projektstrukturen als mit langfristig gewählten Ämtern.


Welche Unterstützung kann speziell die Wissenschaft leisten, um sicherzustellen, dass Kinder und Jugendliche auch in Zukunft genügend Angebote und Möglichkeiten bekommen, Sport zu treiben und sich nach ihren Bedürfnissen zu bewegen?

Die Wissenschaft sollte die Veränderungen von Jugend und Sport beschreiben und analysieren, sie sollte das sportbezogene Freizeiterleben junger Menschen rekonstruieren und Zusammenhänge zwischen Sportengagement und Persönlichkeitsentwicklung bei Kindern und Jugendlichen erfassen. Damit kann sie Vereine und Verbände, Schulen und Hochschulen und nicht zuletzt die Sport- und Bildungspolitik beraten. Das Problem ist allerdings, dass es kaum umfassende Studien zum Feld von Jugend und Sport gibt, weil es nur wenig spezifische Forschungsförderung gibt. Um das zu ändern, hat sich auf Landesebene der Forschungsverbund Kinder- und Jugendsport Nordrhein-Westfalen gegründet, in dem die acht sportwissenschaftlichen Standorte in NRW zusammengefasst sind. Auf Bundesebene gibt es den Forschungsverbund der Deutschen Sportjugend.


Mit welchen Mitteln und Beiträgen möchte die Konferenz dem Kinder- und Jugendsport zu einer stärkeren Lobby verhelfen?

Die Tagung ist die erste gemeinsame Konferenz der beiden Forschungsverbünde. Unter dem Titel ,Generation Workout – Kinder- und Jugendsport im Umbruch' wollen wir die Situation des Kinder- und Jugendsports nach Corona analysieren, um zukünftige Forschungsfelder zu identifizieren und gemeinsame Forschungsbestrebungen zu koordinieren. Themen dabei sind etwa die motorische Entwicklung von Kindern, die Entwicklung von Trends im Jugendsport, ästhetische Praktiken in Apps wie TikTok, Instagram und Co. Aber auch das Körperverständnis junger Menschen im Kontext der Digitalisierung und die Teilhabe sozial benachteiligter Heranwachsender im Sportverein zählen dazu. Diese Fragen diskutieren wir nicht im luftleeren Raum, sondern von Anfang an zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen aus der Praxis des Kinder- und Jugendsports.

Universität Münster



Teile jetzt diesen Artikel


Lade jetzt kostenlos die App herunter