Taliban unter Druck

Afghanistans Taliban-Regierung nach erneutem IS-Anschlag auf Moschee unter Druck.

Bei ihrer Rückkehr an die Macht in Afghanistan hatten die Taliban versprochen, für mehr Sicherheit im Land zu sorgen - der Selbstmordanschlag auf eine schiitische Moschee in Kandahar mit mindestens 60 Toten steigert nun den Druck auf die neuen Machthaber. Das US-Außenministerium forderte die Taliban am Wochenende auf, "ihre Verpflichtung zur Terrorismusbekämpfung einzuhalten".

Zu dem Anschlag während des Freitaggebets in der Geburtsstadt der Taliban-Miliz bekannte sich die sunnitische Gruppierung Islamischer Staat Provinz Chorasan (IS-K), die Schiiten als Ketzer betrachtet. Erst einer Woche zuvor war ein Selbstmordanschlag auf eine schiitische Moschee im nordafghanischen Kundus verübt worden, bei dem dutzende Menschen getötet wurden. Auch zu dieser Bluttat bekannte sich der IS-K, ein regionaler Ableger der IS-Dschihadistenmiliz.

Nach Angaben der britischen Expertengruppe Extrac handelt es sich bei dem Anschlag in Kandahar bereits um die vierte große Attacke des IS-Ablegers seit der Machtübernahme der Taliban Mitte August. Der neuerliche Angriff stelle "die Behauptung der Taliban in Frage, die Kontrolle über das Land zu haben", sagte der Extrac-Experte Abdul Sayed. 

US-Außenamtssprecher Ned Price betonte, seine Regierung sei "entschlossen, dafür zu sorgen, dass niemand (...) jemals wieder afghanischen Boden als Ausgangspunkt für Angriffe auf die Vereinigten Staaten oder andere Länder nutzen kann". Die Taliban hatten die Macht zurückerobert, während die US-Truppen und anderen Nato-Streitkräfte aus dem Land abzogen.

Der 2014 gegründete IS-K ist wie auch die Taliban eine radikal-sunnitische Bewegung. Wegen religiöser und ideologischer Differenzen sind die beiden Gruppen jedoch verfeindet.

IS-K sprach von zwei Selbstmordattentätern in Kandahar, Augenzeugen berichteten sogar von drei Selbstmord-Angriffen. Rund 70 Menschen wurden demnach verletzt. Nach Angaben des Polizeichefs von Kandahar, Maulwi Mehmud, waren Sicherheitsleute der schiitischen Gemeinde für den Schutz der Moschee zuständig. Von nun an würden die Taliban dies jedoch übernehmen.

Bereits nach dem Anschlag in Kundus hatten die Taliban der schiitischen Minderheit Schutz zugesichert. Der Anteil der Schiiten an der afghanischen Bevölkerung wird auf etwa zehn Prozent geschätzt. Viele von ihnen sind Hasara, eine ethnische Gruppe, die in Afghanistan seit Jahrzehnten verfolgt wird - darunter auch von den Taliban.

Seit die Taliban im August rund 20 Jahre nach dem Einmarsch der USA und ihrer Verbündeten in Afghanistan wieder an die Macht gekommen waren, bemühen sie sich um die internationale Anerkennung ihrer Übergangsregierung - sowie um humanitäre Hilfe, um eine Hungerkatastrophe in dem von ausländischen Entwicklungsgeldern abhängigen Land zu verhindern.

Am Samstag verhandelte eine Delegation unter Leitung von Vize-Regierungschef Abdul Salam Hanafi mit Vertretern Usbekistans über humanitäre Hilfe, wie die usbekische Seite anschließend mitteilte. Weitere Themen bei dem Treffen in der usbekischen Grenzstadt Termes seien unter anderem "die Sicherung der Grenze, Handelsfragen und die Zusammenarbeit auf dem Energiesektor und des internationalen Gütertransports" gewesen. Termes entwickelt sich zunehmend zu einem Drehkreuz für internationale humanitäre Hilfe für Afghanistan. 

Unterdessen erwarten die Vereinten Nationen im Konflikt um die Bildungschancen für Mädchen in Afghanistan baldige Bewegung. Der amtierende Bildungsminister habe ihnen zugesichert, dass die Taliban "bald" ein Rahmenkonzept vorlegen würden, das allen Mädchen den Besuch einer weiterführenden Schule ermöglichen werde, sagte der Vizechef des UN-Kinderhilfswerks Unicef, Omar Abdi, in New York: "Und wir erwarten, dass dies sehr bald geschieht".


ans/dja



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