Nach Hause "gehn" und nicht "gehen"

Warum sich für 2020 nicht mal vornehmen, Fehler zu verstehen, statt sie, wie meist, einfach ohne Verständnis zu vermeiden versuchen? Ich gebe zu, diesen Text muss man lesen wollen, also an dieser Stelle schon einmal herzlichen Dank

Wie Sie, verehrte(r) Leser(in), wahrscheinlich schon an der ein oder anderen Stelle meiner Artikel gemerkt haben, hege ich einen Hang zur Legasthenie. Umso verwunderlicher war es für meine Mutter und andere, dass ich mich, wenn auch spät, ausgerechnet für ein Studium der Germanistik in Kombination mit Philosophie (Lesen hab ich auch gehasst –  Die „???“ waren als Kassette schon „lame“ aber als Buch nicht zu ertragen) entschieden habe. Dabei ist der Grund dafür gar nicht so abwegig, wie man zunächst denken könnte. Denn es interessierte mich einfach, warum ich beispielsweise auf die Idee kam, „Hauptsache“ meist(!) klein zu schreiben.

(Weil ich es adjektivistisch interpretierte, also wie das Wort „wichtig“ anwandte.)

Tja, manchmal brauchen Dinge eben Zeit - glücklicherweise hatte ich die, ich war(!) ja jung. Aber ich hatte nicht nur einen Drang zu Rechtschreibfehlern, die einem die Fußnägel „hochkrempelten“, sondern auch darüber hinaus viel kreatives Talent, weshalb es mich über den Umweg des Schauspielers zu einer Werbeagentur nach Hamburg verschlug. Doch statt wie als Junge gedacht, fand ich mich nicht als Graphiker, sondern als Texter hinter einem der „szenig, funkigen“ Arbeitsplätze nahe des Millerntors wieder – und ich sage Ihnen, das ist schon ohne Rechtschreibschwäche eine 80-Stunden-Woche, mindestens. Für damals, vor gut zehn Jahren, gabs als Entlohnung mickrige 1.800 Euro brutto, ohne 13. Monatsgehalt. Auch ein Grund, warum ich über München, Düsseldorf und Frankfurt hoppte, um wenigstens nicht zu verarmen. Am Ende bin ich aber nur meiner Rechtschreibschwäche größtenteils (wenn ich mir Mühe gebe – darauf wird Dr. Bockow an dieser Stelle sicher bestehen; zumindest heimlich) Herr geworden.  

Entzaubert vom Ideal des koksenden 39,90 Helden und körperlich ausgebrannt, hatte ich irgendwann keine Lust mehr immer nur andere reich zu machen und orientierte mich erneut um.

Da ich meine Tochter ohne regelmäßiges Einkommen (wir produzierten daraufhin Werbefilme u.a. für die Bundesagentur für Arbeit, welch Ironie des Schicksals) aus Berlin, wo ich daraufhin wieder „hauptwohnsitzlich“ (solche Neologismen sind beinahe nur in deutsch möglich) weilte, nur schwer besuchen konnte, schmiss ich auch das in einer Nacht und Nebel Aktion hin und zog nach Münster. Da saß ich nun (und Sie kennen nur ein Prozent der Geschichte) und litt unter den fehlenden Herausforderungen.

Nach einigen Deppenjobs fand ich mich verkatert, am 30. Januar 2015 im Bett und dachte: wenn Du auf Anhieb alle Unterlagen fürs Abend-Abi findest, meldest Du Dich an. Und ich fand sie, die Geister, die ich rief, führten mich daraufhin getriggert von einem Deutschleistungskurslehrer „par excellence“ Herrn Preuß (Für meine 15 Punkte Verriss von Effi Briest bin ich ihm bis heute auf Knien dankbar, nicht wegen der Punkte, sondern für seine Souveränität; denn er liebt Fontane) zum Studienplatz für Germanistik und Philosophie wieder, als Werbe-Opa unter Werbeopfern der jüngsten Generation.  

Und jetzt schließt sich der Kreis, den ich bis dahin immer für die „grüne Hölle“ der Lebenskünstler gehalten habe, denn endlich lernte ich das, was ich nie verstand: Denken. Und darüber auch, wo schon damals die Knicke in meiner Grauen Materie waren. Mir wurde über die Philosophie eine Welt der offenen Fragen eröffnet und wie man sie stellt und über die Germanistik offeriert, dass die Linguistik gar nicht so regressiv ist, wie man es mich in der Schule gelehrt hatte.

Man flippte bereits aus, wenn ich ein Komma vergesse, heute ist es legitim bei „gehen“ das hintere „e“ wegzulassen. Mein Deutschlehrer wär` Fenster gesprungen; verdammt, auf die besten Ideen kommt man immer nachher.

Anyway: Das Faszinierende und so ätzend zu Lernende an der Philologie ist, dass sie nicht oktroyiert, sondern wie andere Wissenschaften auch, beobachtet. Gut, man könnte das auch ein wenig verbraucherfreundlicher verpacken, aber, zu lernen wie, wo und warum Sprache entsteht und zwar in der Gesellschaft und im Kopf, ist eine der faszinierendsten Erfahrungen, die ich jemals machte. Denn was trivial anmutet, entpuppt sich als die DNA unseres Seins.

Denn, wenn Sprache eine aktive Handlung ist (Arendt, Wittgenstein, Pierce und viele andere sind bzw. waren der Meinung) und somit nicht nur unser Denken die Sprache sondern auch unsere Sprache das Denken beeinflusst, wird einem schnell klar, das „Wichser“ weit mehr als ein „Ich finde, Du bist ein wirklich böser Junge“ impliziert, oder sollte ich an  dieser Stelle vielleicht sogar im frege'schem* Sinne „bedeuten“ sagen wagen....  

Erst jetzt, mit 43, im (richtigen) Studium im Alter, erfahre ich, dass selbst die Wissenschaft das Schulsystem nicht selten absurd findet. Man gehe zu wenig auf Sprachwandel ein, was heißt, dass man dem Umstand, dass die Schriftsprache eine „Lameduck“ der Lautsprache ist und die zukünftige Grammatik kreiert, beinahe komplett negiert(e). Ergo: In 300 Jahren kann der FC Bayern wahrscheinlich „nach Hause gehn und nicht gehen“.  

Mir wurde klar (gemacht), dass die Lehrer ihre Art der Interpretation auf meine Denkweise versucht haben, zu übertragen. Also, man gab sich nicht die Mühe zu verstehen, warum ich Fehler machte und maßregelte mich mit unzähligen Wiederholungen, deren Logik sich mir nur sehr schwer erschloss und deshalb oft zur Vermeidung des besagten, aber nicht zu assimilierten Fällen führte.  

Also schrieb ich zukünftig endlich Vater mit „V“ aber Vogel weiterhin mit „F“, aber dem musste ich ja zum Glück nicht alljährlich eine Geburtstagskarte basteln und wenn, meiner Lieblingsdohle(n) wäre es wohl egal gewesen.  

Also, warum sich für 2020 nicht mal statt „Rauchen aufhören“ Kinder Fehler verstehen vornehmen, das wäre ganz leicht machbar und würd` nicht nur dem Hausfrieden, sondern der ganzen Welt helfen.  

Ach ja, das Prinzip, Post Fehler Analyse statt blindem Aktionismus ist sehr flexibel und lässt sich auf viele Bereiche adaptieren.  

Ihnen und all Ihren Lieben ein frohes Neues Jahr!  

*(Gottlob Frege: Mathematiker und Sprachphilosoph des vorletzten Jahrhunderts, der als Urvater der Prädikatenlogik, also der logischen Erschließung von Sprache im Sinne einer mathematischen Wissenschaft bezeichnet werden kann.)