Nach einem ökumenischen Gottesdienst:

Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier zum Gedenken an die Opfer der Flutkatastrophe am 28. August 2021 in Aachen

„Wir haben eine Bitte: Vergesst uns nicht.“

Das ist die leise, verzweifelte Bitte einer Helferin an der Ahr. Eine Bitte, die so viele haben in den vom Hochwasser verwüsteten Regionen. Vergesst uns nicht. Uns, über die in jenen Tagen Mitte Juli so unbegreiflich schnell ein Unheil hereingebrochen ist, ein Unheil, das sich niemand hatte vorstellen können. Alles, alles rissen die Fluten mit: Menschen, Häuser, Brücken, Straßen, Schulen, Rathäuser, Kirchen, selbst Friedhöfe.

Wir sind heute beisammen, um der Menschen zu gedenken, die in der Hochwasserkatastrophe ihr Leben verloren haben. Nichts mehr ist wie zuvor im Leben derer, die um ihre Liebsten trauern. Ihren Schmerz – wir können ihn kaum ermessen.

Ich möchte Ihnen heute mein tiefes Beileid und meine Anteilnahme aussprechen. Wir, das ganze Land, stehen an Ihrer Seite. Ihr Schicksal bewegt uns. Wir, das ganze Land, trauern heute mit Ihnen. Wir gedenken hier, im Aachener Dom, im Herzen Europas, auch der Opfer der Flutkatastrophe in unseren Nachbarländern. Wir trauern heute mit Ihnen.

Wij rouwen vandaag samen met u.

Nous pleurons avec vous aujourd´hui.

Ihr Schmerz ist unser Schmerz. Als Europäer trauern wir gemeinsam, und wir stehen zusammen in der Stunde der Not.

Wir denken heute an die Menschen, denen die Fluten alles genommen haben: ihre Häuser, ihr Hab und Gut, ihre Erinnerungen, ihre Lebensträume. „Wir haben alle unsere Heimat verloren“, so empfindet es eine Betroffene. Heimat – sie ist zwar noch da, aber sie ist einem plötzlich so fremd geworden; „geradezu unheimlich“, sagte mir eine junge Frau in Erftstadt. Das Ausmaß an Zerstörung, das Leid der Menschen, das ich dort bei einem Besuch gesehen habe, haben mich erschüttert. Die Katastrophe hat uns alle erschüttert.

Wie war das möglich? Wie konnte das geschehen?

Die Frage quält Sie, die Angehörige, Freunde, Kolleginnen, Nachbarn verloren haben. Die Frage quält Sie, die vor den Trümmern Ihrer Existenz stehen. Die Frage quält Menschen überall in Deutschland.

Die Flutkatastrophe in diesem Sommer 2021, sie hat uns getroffen, gerade als wir Mut schöpften, als wir hofften, dass wir die Pandemie endlich unter Kontrolle bringen würden. Aber dann kam eine neue Katastrophe hinzu zu der anderen großen Katastrophe unserer Zeit. Viele Menschen traf das wie ein Schock. Nicht auch das noch – ich glaube, das Gefühl hatten viele. Den Betroffenen in den Hochwassergebieten möchte ich heute sagen: Wir, die Menschen überall in Deutschland, fühlen mit Ihnen. Sie sind nicht allein.

Wie groß Ihre Verzweiflung ist, können wir nur erahnen. Doch Sie alle haben nicht aufgegeben. Sie haben weitergemacht, sich gegenseitig geholfen, erst einmal die schlimmsten Verwüstungen beseitigt. Sie haben angepackt, trotz Ihrer Verzweiflung. Ich habe davor großen Respekt, und ich möchte Ihnen dafür danken!

Danken möchte ich auch denen, die Leben gerettet und geholfen haben – oft bis zur vollkommenen Erschöpfung: den Einsatzkräften von Feuerwehr, DLRG, von Polizei, Rotem Kreuz, Johannitern, Maltesern, Bundeswehr, Technischem Hilfswerk und vielen anderen. Mein Dank gilt auch den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Verwaltungen vor Ort. Und ganz besonders danke ich den vielen, vielen Freiwilligen und Ehrenamtlichen, die aus dem ganzen Land angereist sind, um zu helfen, um mit anzupacken. Sie alle helfen, ohne lange zu fragen. Sie alle leisten schier Unglaubliches, und das seit vielen Wochen. Ich danke auch all denen, die so großzügig gespendet haben, um die erste Not zu lindern.

Als Bundespräsident bin ich zutiefst dankbar für diese große, für diese überwältigende Hilfsbereitschaft. Ich weiß: In der Stunde der Not sind wir ein starkes, solidarisches Land. Wir helfen einander. Wir stehen zusammen.

Ich begrüße es, dass die Bundesregierung schnell gehandelt und einen Hilfsfonds in nie da gewesener Höhe beschlossen hat. Die betroffenen Länder tun Gleiches. Die Gelder müssen jetzt so schnell und so zielgenau wie möglich zu den Menschen kommen. Mein Appell an alle, die in Verantwortung stehen, in Bund, Ländern und Gemeinden, ist: Tun Sie alles Menschenmögliche, damit schnell geholfen wird, denen, die diese Hilfe jetzt so dringend brauchen! Nicht alles wird mit Geld zu heilen sein, aber die Hoffnung der Betroffenen auf Unterstützung dürfen wir jetzt nicht enttäuschen.

Die Menschen in den Katastrophengebieten, sie brauchen unsere Hilfe und Aufmerksamkeit jetzt. Sie brauchen sie aber auch dann noch, wenn die Fernsehkameras abgebaut sind und längst andere Nachrichten die Schlagzeilen beherrschen.

Es gibt eine Frage, die uns alle umtreibt: Was können, was müssen wir tun, um so etwas in Zukunft zu verhindern? Darauf gibt es keine leichte – und nicht nur eine – Antwort. Entscheidend ist aber: Die Antworten werden wir nur gemeinsam finden.

Wir sehen in diesem Sommer in Europa dramatische Bilder: in Mitteleuropa verheerende Regenfälle, rund um das Mittelmeer brutale Hitze und Feuersbrünste. Die Folgen des Klimawandels haben auch uns in Europa erreicht – daran kann es keinen Zweifel geben. Wir müssen den Klimawandel mit aller Entschlossenheit bekämpfen! Wir dürfen keine Zeit verlieren! Aber auch wir in Deutschland müssen uns darauf einstellen, dass wir in Zukunft häufiger und heftiger von extremen Wetterlagen getroffen werden, und wir müssen viel umfassender Vorsorge treffen, um uns besser zu schützen.

Die Herausforderungen, vor denen wir als Gesellschaft stehen, sind groß. Dazu gehört auch die so schmerzhafte Einsicht, dass wir uns vielleicht in den letzten Jahrzehnten zu sehr in Sicherheit gewiegt haben. Zwei Katastrophen in so kurzer Zeit, das hat manche Gewissheit brüchig werden lassen. Viele spüren: einfach zurück zur Tagesordnung, einfach so schnell wie möglich zurück in die alte Spur, das kann nicht die Antwort sein.

Daraus erwachsen Lehren, auch Aufgaben für die Politik: Wir müssen Lehren ziehen aus dieser doppelten Katastrophenerfahrung und uns besser vorbereiten für künftige Krisen – das sind wir nicht nur den Opfern des Hochwassers schuldig. Das, was ihnen geschehen ist, geht uns alle an. Es betrifft uns alle. Es geht um unsere Zukunft, und es geht um die Zukunft unserer Kinder!

Wir sind tief getroffen, aber ich glaube, wir dürfen auch Zuversicht haben. Wir haben immer wieder tiefe Krisen bewältigt in den letzten Jahrzehnten. Immer wieder mussten wir lernen, und wir haben gelernt. Und ich traue uns zu, dass wir weiter dazulernen: Weil wir ein starkes, solidarisches Land sind.

Das haben wir in der Pandemie erfahren. Noch etwas haben wir in der Pandemie erlebt und erleben es jetzt aufs Neue: ein enormes Maß an Mitmenschlichkeit, berührend und großartig zugleich. Und auf all das gründet sich mein Wunsch für unsere Zukunft: Dass uns nach diesen Katastrophen nicht nur Leid und Not und Verlust in Erinnerung bleiben, sondern auch diese Mitmenschlichkeit, die existenzielle Erfahrung, dass wir, wenn es hart auf hart kommt, aufeinander angewiesen – aber auch füreinander da sind. Darauf können wir auch in Zukunft bauen!

Heute, an diesem Tag, trauern wir gemeinsam und vereint.

Wir fühlen mit Ihnen, die so schwer getroffen sind. Wir wissen, dass Sie uns brauchen, für lange Zeit, und wir stehen an Ihrer Seite.

Als Bundespräsident möchte ich Ihnen versichern: Sie sind nicht allein! Wir hören Sie! Wir vergessen Sie nicht!


© Bundesregierung



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