Lage am Flughafen von Kabul dramatisch

Bundeswehr setzt Evakuierungsflüge aus Kabul trotz dramatischer Lage fort

Bundeswehr fliegt weitere 370 Menschen aus Kabul aus und startet Transport von Hilfsgüter zur Versorgung von Wartenden am Flughafen, Einsatz von zwei KSK-Huschraubern bleibt laut Bundeswehr "Option"

Trotz der dramatisch verschärften Lage am Kabuler Flughafen haben deutsche Soldaten auch am Wochenende ihren Evakuierungseinsatz fortgesetzt. Wie die Bundeswehr am Sonntag mitteilte, wurden zusätzliche 370 Menschen mit weiteren Flügen nach Taschkent in Usbekistan in Sicherheit gebracht. Im Inland riss derweil die scharfe Kritik an der Bundesregierung nicht ab; FDP-Bundeschef Christian Lindner und Linken-Fraktionschef Dietmar forderten einen Untersuchungsausschuss.

Bislang flog die Bundeswehr nach der Machtübernahme durch die radikalislamischen Taliban nach eigenen Angaben bereits knapp 2400 Menschen aus der afghanischen Hauptstadt Kabul aus. Der Flughafen wird von ausländischen Soldaten gesichert. Tausende verzweifelte Menschen drängen sich vor den Zugangstoren, am Samstag mussten die Einlässe zeitweise ganz geschlossen werden.

Daraufhin kam es zu Panik und Gedrängen, mehrere Menschen kamen darin ums Leben. Auch die Evakuierungsoperationen stockten. Das Verteidigungsministerium in Berlin bekräftigte am Sonntag: "Wir evakuieren so lange es geht, so viele wie möglich." Die Lage in Kabul sei allerdings "sehr schwierig".

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) forderte dennoch eine Ausweitung des laufenden Rettungseinsatzes. Allein in der Entwicklungszusammenarbeit hätten nach den Kriterien der Bundesregierung potenziell 1800 Ortskräfte und deren Familien Anspruch auf Ausreise, sagte er am Wochenende den Funke-Zeitungen. Diese dürften aber lediglich Ehepartner und minderjährige Kinder mitnehmen. "Im Einzelfall ist es inhuman, Familien zu trennen", ergänzte er. Das müsse "geändert" werden.

Die Entscheidung über einen möglichen Einsatz der zwei von der Bundeswehr nach Kabul geflogenen Hubschrauber des Kommandos Spezialkräfte (KSK) bleibt nach Angaben der Bundeswehr derweil "eine Option". Über deren Einsatz werde vor Ort nach Lage der Dinge entschieden, betonte der Vize-Generalinspekteur der Bundeswehr, Generalleutnant Markus Laubenthal. Ein potenzieller Einsatz müsse unter anderem auch eng mit den US-Streitkräften koordiniert werden.

Die Bundeswehr begann nach Angaben von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) inzwischen auch mit dem Transport von Hilfsgütern zur Versorgung der vielen tausend Menschen auf dem Kabuler Flughafengelände, die dort auf ihre Evakuierungsflüge warteten. Die Flugzeuge brächten unter anderem Babynahrung und Hygieneartikel über die Zwischenstation Taschkent nach Kabul, sagte sie.

Der Flughafen der usbekischen Hauptstadt Taschkent dient der Bundeswehr als Drehscheibe für ihre Evakuierungsmission. Ihre Maschinen pendeln von dort nach Kabul, um Deutsche, afghanische Ortskräfte samt Familien sowie Staatsbürger anderer Nationen auszufliegen. Von Taschkent aus werden sie dann weitergeflogen.

In Deutschland demonstrierten nach Angaben der Organisatoren mehrere tausend Menschen für die Aufnahme von Flüchtlingen aus Afghanistan. Protestaktionen gab es demnach unter anderem in Berlin, Hamburg, Kiel, Siegen und Trier. Die Proteste wurden von der Organisation Seebrücke initiiert. "Wir fordern von der Bundesregierung, die Evakuierungen deutlich zu beschleunigen", erklärte deren Sprecherin Maura Magni.

Der Deutsche Städtetag forderte von Bund und Ländern zügig verlässliche Angaben zur Zahl der erwarteten Flüchtlinge aus Afghanistan. Die Auskünfte müsste "sehr schnell" kommen, sagte Städtetagspräsident Burkhard Jung (SPD) der "Rheinischen Post" am Sonntag. Die Kommunen müssten wissen, was auf sie zukomme.

FDP-Chef Lindner sagte der "Bild am Sonntag", in einem Untersuchungsausschuss des Bundestags müsse "alles auf den Tisch". Die Vorgänge rund um die Geschehnisse in Afghanistan und die verspätete Evakuierungen zeigten eine "erschreckende Hilflosigkeit". Es müsse deshalb geklärt werden, "welche systematischen Schwächen wir bei diesen Einsätzen haben". 

Linken-Fraktionschef Bartsch sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe: "Es gab nach über 20 Jahren Einsatz keinen Exitplan. Was für ein Desaster." Das müsse schonungslos aufgearbeitet werden.

bro/ilo


© Agence France-Presse



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