„Aber Pudding ist besser“

Was man schon immer über sich erfahren sollte

Meine ganz persönliche Weihnachtstradition ist, jedem geliebten Menschen einen Brief zu schreiben. Meist ist das relativ schnell geschehen, da ich genau weiß, was ich für jeden einzelnen empfinde und ich demjenigen sagen möchte.

Heute war das anders. Ich hockte mit Kaffee und Tinte versorgt im Schneidersitz auf dem Bett, atmete die Sonnenstrahlen tief ein und.... nichts. Gar nichts. Alles, was ich mühsam zu Papier brachte waren billige Floskeln und Phrasen. Also ließ ich die Briefe noch Tinte im Füller und vakantes Inhaltsmedium sein und lenkte mich musikalisch ab. Diesmal hiermit, herrrrrrrrrrlich:

https://www.youtube.com/watch?v=1tqKeIOQbFM

(Der perfekte Moment von Max Raabe und Samy Deluxe)

Sowas hört Papa, wenn er mit sich zufrieden sein möchte und dann dennoch wieder den eigenen Zielen untreu wird.

Zurück zum Thema: Beschwingt von der federleichten Melodie und des erfreulich leichten Inhalts, fand sich plötzlich erneut das moderne Federpendant zwischen meinen Fingern und begann Gedanken zu formieren; aber nicht wie erwartet an Tochter oder Freundin. Denn der Autor war nicht der Adi, der sich gerade an Sie richtet, sondern der kleine Adi, der sich an mich gerichtet hat.

Es war spannend zu erfahren, was mir der kleine Junge alles zu erzählen hatte und wäre er es gewesen oder hätte er mich nur angerufen, so hätte ich die Standpauke wohl mit einem cholerischen Anfall beendet, aber ich war, glücklicherweise gezwungen am Schriftbild meines Ich zu partizipieren.

Man glaubt ja gar nicht, aus welchen Gründen man alles sauer auf sich selbst ist: Rauchen, Unordnung, fehlende Liebe zum Detail, unpassendes „who cares“ oder auch tatsächlich auf manch bösartig bissigen Kommentar und, woran ich gar nicht zu glauben gedacht hätte, auch so manch scheinheiliger Altruismus.

Das befreiende an diesem Zwiegespräch und vielleicht auch das erträglich machende war, dass wir beide wussten, wie wahrscheinlich es  in Zukunft sein wird, dass ich auf alle meine Fehler verzichten werde; aber: Ich war mir auch im Klaren darüber, dass ich mich selbst nicht belügen kann, klingt banal, ist aber ganz nützlich, sich das hin und wieder mal bewusst zu machen.

Der wichtigste Tipp den ich mir gab war, zu genießen. Und zwar alles. Wie ein kleines Kind, das den eigenen Kot probiert und nur feststellt: interessant, aber Pudding ist besser. Das Sein ist voll von derlei Momenten und jede Katastrophe, die sich reflektieren lässt, ist am Ende meist nicht mehr als eine unwürdige Puddingalternative. Und beim nächsten mal, wieder das ganze Leben eine syntaktische Folge hedonistischer Offenbarungen.

Und warum das alles? Weil wir am Ende, laut Satre zur Freiheit gezwungen sind. Wir müssen uns immer entscheiden. Irgendwas muss als nächstes passieren, also warum nicht auch mal etwas, das uns das Leben in Zukunft erleichtern wird: ein Fehler.

Das entstandene Dokument ist übrigens kein Teil meines Tagebuchs, sondern ein mittlerweile kuvertiertes Präsent an mich unterm imaginären Weihnachtsbaum, und ich freue mich darauf ihn zu lesen.

Bin mal gespannt was drinsteht.

Foto: Alfons Ahlers 1980