Zehntausende fliehen vor den Taliban

Der Vormarsch der radikalislamischen Taliban hat innerhalb Afghanistans zehntausende Menschen in die Flucht getrieben.

Familien flohen aus den kürzlich von der Miliz eroberten Städten in die Hauptstadt Kabul und weitere Großstädte, viele berichteten vom brutalen Vorgehen der Islamisten. In Doha berieten am Dienstag nach Angaben eines AFP-Reporters Vertreter der internationalen Gemeinschaft über die Lage, unter ihnen der US-Sondergesandte Zalmay Khalilzad.

Die radikalislamischen Taliban haben seit Freitag sechs der 34 afghanischen Provinzhauptstädte erobert - fünf davon im Norden des Landes. Ihr größter militärischer Erfolg war die Einnahme der strategisch wichtigen Stadt Kundus, die lange Zeit Bundeswehrstandort war. Seit dem Beginn des Abzugs der internationalen Truppen im Mai hat die Miliz bereits weite Teile des Landes eingenommen.

Laut einem Taliban-Sprecher rücken die Islamisten zudem auf Masar-i-Scharif vor, ebenfalls langjähriger Stützpunkt der Bundeswehr und größte Stadt im Norden Afghanistans. Ein Sprecher des afghanischen Verteidigungsministeriums wies dies am Dienstag zurück und erklärte, das afghanische Militär habe dort die Oberhand.

Die Binnenflüchtlinge in Afghanistan berichteten vom brutalen Umgang der Islamisten mit der Bevölkerung. "Die Taliban prügeln und plündern", erzählte Rahima, die nach der Flucht aus der Provinzhauptstadt Scheberghan gemeinsam mit hunderten weiteren Flüchtlingen in einem Park von Kabul campierte. "Wenn es in einer Familie ein junges Mädchen oder eine Witwe gibt, nehmen sie sie mit Gewalt. Wir sind geflohen, um unsere Ehre zu schützen." 

Farid, ein Flüchtling aus Kundus, sagte: "Wir sind so erschöpft." In Kundus, das die Taliban am Wochenende eingenommen hatten, öffneten am Dienstag laut Bewohnern die ersten Geschäfte wieder. 

Die Miliz konzentriert sich demnach derzeit auf Regierungsstreitkräfte, die sich am Flughafen zurückgezogen hatten. "Die Menschen öffnen ihre Läden und Geschäfte wieder, aber man kann immer noch die Angst in ihren Augen sehen", sagte der Ladenbesitzer Habibullah. 

Haseeb, der in der Nähe des Flughafens von Kundus lebt, berichtete von tagelangen schweren Kämpfen. "Die Taliban verstecken sich in den Häusern der Menschen in der Gegend, und die Regierungstruppen bombardieren sie."

Die Taliban hatten während ihrer Herrschaft von 1996 bis 2001 eine strenge Auslegung des islamischen Rechts in Afghanistan eingeführt. Mädchen waren von Bildung, Frauen vom Arbeitsleben ausgeschlossen. Fast jegliche Musik und nicht-religiöses Fernsehen waren verboten. Straftaten wurden mit öffentlichen Auspeitschungen oder Hinrichtungen geahndet.

In der katarischen Hauptstadt Doha berieten am Dienstag Vertreter von Katar, aus den USA, aus China, Großbritannien, Usbekistan, Pakistan, der UNO und der EU über die Lage in Afghanistan. Das US-Außenministerium hatte am Montag erklärt, "ein Frieden auf dem Verhandlungswege ist der einzige Weg zur Beendigung des Krieges".

noe/ju



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