Holocaustdialog

Rede von Außenminister Heiko Maas beim Start des deutsch-amerikanischen Holocaustdialogs ( mit englischer Version)

Mr. Secretary, dear Tony,

sehr geehrte Überlebende,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

“Meine Beziehung zu der bewegten, schmerzhaften und kraftvollen Geschichte dieser Nation ist verschwommen. Ich werde nie vergessen, wie sehr ich die mittelalterliche Stadt Nürnberg liebte, eine Stadt, die auch der Geburtsort der schrecklichen nationalsozialistischen Rassengesetze war. Ich weinte heimlich am Denkmal für die ermordeten Juden Europas und freute mich im Nachhinein über den deutschen Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft.“

Der damals 20-jährige amerikanische Student Avi Colomonos schrieb diese Zeilen 2014. Damals war er mit dem transatlantischen Programm „Germany close up“ nach Berlin gekommen, um zusammen mit anderen jungen Jüdinnen und Juden das Deutschland von heute kennenzulernen.

Was Avi Colomonos beschreibt, ist die Zerrissenheit, die mit dem Erinnern einhergeht. Zerrissenheit – zwischen Tränen und Freude. Zerrissenheit zwischen Geschichte, die schmerzt und trennt und die uns doch auch in unserer gemeinsamen Menschlichkeit berührt und auch wieder vereinen kann.Und dennoch: Zu verstehen, wo wir herkommen, das ist – trotz aller Zerrissenheit – der beste Kompass, um zu bestimmen, in welche Richtung wir gehen wollen. Frei nach James Baldwin, der 1962 in der New York Times schrieb: “Not everything that is faced can be changed. But nothing can be changed, until it is faced”.

Die 2.710 Betonstelen dieses Denkmals für die ermordeten Juden Europas hinter uns zeigen uns, wo wir Deutsche herkommen und wofür wir Verantwortung tragen: die Geschichte millionenfachen Mordes, Grauens und Leids – unvergleichbar, unverrückbar in ihrer menschgemachten Monstrosität. Hier, zwischen diesen Stelen, die der große amerikanische Architekt Peter Eisenmann geschaffen hat, werden Beklemmung, Einsamkeit, Trauer, Verantwortung für jeden fast körperlich spürbar. Ja, Erinnern kann wehtun. Und Erinnern soll auch wehtun. Denn Erinnern ist auch eine Zerreißprobe.Und zugleich stehen wir heute hier, Seite an Seite - Amerikaner und Deutsche, Juden, Muslime, Christen und Atheisten - vereint im gemeinsamen Erinnern. Vereint im Glauben an Werte wie Freiheit, Demokratie und Toleranz. Vereint auch im Willen, auf diesem Wertefundament eine bessere Zukunft zu bauen. Darauf fußt Europa. Darauf fußt unsere transatlantische Freundschaft.

 Lieber Tony,

ich weiß, wie sehr die persönlichen Erfahrungen Deiner Familie mit dem Holocaust Dein tägliches Handeln prägen. Du hast gerade davon berichtet. An Deinem ersten Tag im Amt des Außenministers der Vereinigten Staaten hast Du gesagt, dass „die Macht einer Nation nicht nur an ihrem Militär oder ihrer Wirtschaft gemessen wird, sondern an ihren moralischen Entscheidungen“.

Das Stelenfeld hinter uns ist die in Stein gegossene Bestätigung dieses Satzes. Die Kraft Amerikas, die Kraft Deutschlands und Europas – sie entsteht nicht daraus, Geschichte zu glorifizieren oder die Irrwege der Vergangenheit auszublenden, von denen keiner in so tiefe Abgründe führte wie der Holocaust.

Unsere Stärke liegt vielmehr darin, die Last der historischen Verantwortung zu schultern – ohne Wenn und Aber, ohne Schlussstrich. Unsere Stärke liegt vielmehr darin, unsere Kräfte zu bündeln auf der Suche nach dem besten Weg und das am besten gemeinsam.

Ich freue mich deshalb sehr, lieber Tony, dass wir heute an diesem besonderen Ort, im Land der Täter, einen Deutsch-Amerikanischen Dialog über Holocaustfragen ins Leben rufen.

Eine der drängendsten Aufgaben wird dabei sein, unsere Erinnerungskultur auf eine Zeitenwende vorzubereiten. Die Stiftung Denkmal mit ihrem Direktor Dr. Uwe Neumärker und das United States Holocaust Memorial Museum leisten hier täglich Herausragendes. Auch das American Jewish Committee mit unserem Freund David Harris sowie das Leo Baeck Institut mit William Weitzer setzen sich mit uns für eine lebendige Erinnerungskultur ein.

Für diese Ansätze und für all die Arbeit bin ich sehr dankbar, denn: Persönliche Beziehungen mit Zeitzeugen werden künftigen Generationen nicht mehr vergönnt sein. Was für ein Verlust! Aber auch was für ein Auftrag an uns, neue Formen des Erinnerns zu finden, die nicht zulassen, dass persönliche Schicksale verblassen. Niemals.

Dies schulden wir den Ermordeten und den Überlebenden - und es freut uns und es ehrt uns sehr, liebe Margot Friedländer, lieber Herr Gardosch, liebe Petra und Frank Michalski, Sie heute unter uns zu wissen. Und wir schulden es unseren Kindern und unseren Enkeln, die wir so gut es geht vor den Fehlern der Vergangenheit zu bewahren haben.

Wir haben in den letzten Jahren auf beiden Seiten des Atlantiks erlebt, wie Antisemitismus und Rassismus sich in unsere Gesellschaften fressen können. Denken wir an die gelben Sterne auf Corona-Demonstrationen, an die Flut antisemitischer Verschwörungstheorien im Netz, an die Angriffe auf Synagogen und Jüdinnen und Juden, an die Randalierer vor dem Bundestag oder an den enthemmten Mob im US-Kapitol.

Die amerikanische Philosophin Susan Neiman, Präsidentin des Einstein-Forums in Potsdam und eine der klügsten transatlantischen Stimmen in diesem Land, hat uns schon vor einigen Jahren einen – wie ich finde – guten Rat mit auf den Weg gegeben. Nämlich „dem Bösen“ – und nichts anderes sind Rassismus und Antisemitismus – „jede Rechtfertigung und jedes Gewichten zu verweigern". Nur so - und nicht durch Tatenlosigkeit, Schweigen oder Relativieren oder noch schlimmer Gleichgültigkeit - werden wir die Kräfte bändigen, die unsere Gesellschaften spalten wollen. Dabei hilft das, was wir heute hier tun.

Natürlich ist Erinnern kein Allheilmittel, um Menschen oder Gesellschaften mit ihrer Vergangenheit zu befrieden. Es bleibt und es muss bleiben eine Zerreißprobe. Aber gemeinsam mit Freundinnen und Freunden zu erinnern – so wie wir es heute hier tun – vereint uns in dieser Zerrissenheit. Es stärkt uns. Und es stärkt vor allen Dingen unsere Gesellschaften für die Zukunft.


Auswärtiges Amt


English version


Mr. Secretary, dear Tony,

dear survivors,

ladies and gentlemen,


"My relationship with the turbulent, painful and powerful history of this nation is blurred. I will never forget how much I loved the medieval city of Nuremberg, a city that was also the birthplace of the terrible Nazi racial laws. I wept secretly at the memorial to the murdered Jews of Europe and rejoiced in retrospect at Germany's victory in the World Cup."

The then 20-year-old American student Avi Colomonos wrote these lines in 2014, when he had come to Berlin with the transatlantic programme "Germany close up" to get to know the Germany of today together with other young Jews.

What Avi Colomonos describes is the turmoil that comes with remembering. Torn - between tears and joy. Torn between history that hurts and divides and yet also touches us in our common humanity and can also unite us again.And yet: understanding where we come from is - despite all the torness - the best compass to determine which direction we want to go. As James Baldwin wrote in the New York Times in 1962: "Not everything that is faced can be changed. But nothing can be changed until it is faced".

The 2,710 concrete steles of this memorial to the murdered Jews of Europe behind us show us where we Germans come from and what we are responsible for: the history of millions of murders, horror and suffering - incomparable, immovable in its man-made monstrosity. Here, between these steles, created by the great American architect Peter Eisenmann, oppression, loneliness, grief, responsibility become almost physically tangible for everyone. Yes, remembering can hurt. And remembering should also hurt. And at the same time, we stand here today, side by side - Americans and Germans, Jews, Muslims, Christians and atheists - united in our common remembrance. United in our belief in values such as freedom, democracy and tolerance. United also in the will to build a better future on this foundation of values. This is the foundation of Europe. This is the foundation of our transatlantic friendship.

Dear Tony,

I know how much your family's personal experience of the Holocaust shapes your daily actions. You just told me about it. On your first day as Secretary of State of the United States, you said that "the power of a nation is measured not only by its military or its economy, but by its moral choices".

The field of stelae behind us is the confirmation of this sentence cast in stone. The strength of America, the strength of Germany and Europe - it does not come from glorifying history or ignoring the aberrations of the past, none of which led to abysses as deep as the Holocaust.

Rather, our strength lies in shouldering the burden of historical responsibility - without any ifs, ands or buts, without drawing a line under it. Rather, our strength lies in joining forces in the search for the best way forward, and the best way forward is to do it together.

I am therefore very pleased, dear Tony, that we are launching a German-American dialogue on Holocaust issues today in this special place, in the land of the perpetrators.

One of the most urgent tasks will be to prepare our culture of remembrance for a new era. The Memorial Foundation with its director Dr. Uwe Neumärker and the United States Holocaust Memorial Museum are doing outstanding work here every day. The American Jewish Committee with our friend David Harris and the Leo Baeck Institute with William Weitzer are also working with us for a living culture of remembrance.


I am very grateful for these approaches and for all the work, because: Personal relationships with contemporary witnesses will no longer be granted to future generations. What a loss! But also what a task for us to find new forms of remembrance that do not allow personal fates to fade away. Never.


We owe this to the murdered and the survivors - and it pleases and honours us greatly, dear Margot Friedländer, dear Mr Gardosch, dear Petra and Frank Michalski, to know you among us today. And we owe it to our children and our grandchildren, whom we have to protect as best we can from the mistakes of the past.


We owe this to the murdered and the survivors - and it pleases and honours us greatly, dear Margot Friedländer, dear Mr Gardosch, dear Petra and Frank Michalski, to know you among us today. And we owe it to our children and our grandchildren, whom we have to protect as best we can from the mistakes of the past.


We have seen in recent years on both sides of the Atlantic how anti-Semitism and racism can eat into our societies. Let us think of the yellow stars at Corona demonstrations, the flood of anti-Semitic conspiracy theories on the net, the attacks on synagogues and Jews, the rioters in front of the Bundestag or the uninhibited mob in the US Capitol.

The American philosopher Susan Neiman, president of the Einstein Forum in Potsdam and one of the smartest transatlantic voices in this country, gave us what I think is good advice a few years ago. Namely, to "deny evil" - and racism and anti-Semitism are nothing else - "any justification and any weighting". Only in this way - and not through inaction, silence or relativisation or, even worse, indifference - will we tame the forces that want to divide our societies. What we are doing here today will help.

Of course, remembering is not a panacea for bringing people or societies to peace with their past. It remains, and must remain, a test of endurance. But remembering together with friends - as we are doing here today - unites us in this discord. It strengthens us. And above all, it strengthens our societies for the future.

Federal Foreign Office




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