Identitätskonflikte in europäischen Gesellschaften

WWU Münster: Die bisher umfassendste Bevölkerungsumfrage zu Identitätskonflikten in europäischen Gesellschaften weist erstmals eine identitätspolitische Spaltung europäischer Gesellschaften nach.

Münster - „Wir sehen zwei ausgeprägte Gruppen mit entgegengesetzten Positionen, die wir ‚Verteidiger‘ und ‚Entdecker‘ nennen“, sagt der Psychologe und Sprecher des Forscherteams Prof. Dr. Mitja Back. „Es zeigt sich eine neue Konfliktlinie zwischen den Gruppen, die fast spiegelbildliche Positionen etwa zu Fragen der nationalen Zugehörigkeit, Bedrohung und Benachteiligung vertreten.“ 

Autoren der Untersuchung sind die Soziologen Prof. Dr. Detlef Pollack und Dr. Olaf Müller, die Psychologen Prof. Dr. Mitja Back und Prof. Dr. Gerald Echterhoff und der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Bernd Schlipphak. Sie leiten aus der Erhebung politische Effekte und Empfehlungen ab.

Die beiden Lager stellen in allen Ländern zusammen einen nennenswerten Bevölkerungsanteil dar, in Deutschland sind es mehr als ein Drittel. In einem semi-autoritär geführten Land wie Polen, das Verteidiger-Meinungen den Forschern zufolge populistisch stützt, liegt der Anteil beider Gruppen zusammen bei 72%. 

„Das zeigt, wie weit der Konflikt in einem Land gehen kann: Die polarisierten Positionen können sich zur Mehrheit ausweiten“, so Mitja Back. An der Umfrage, die der Exzellenzcluster mit „Kantar Deutschland“ Ende 2020 durchführte, beteiligten sich 5.011 Menschen in Deutschland, Frankreich, Polen und Schweden. Aus den Ergebnissen zu gut 20 Faktoren bildeten die Forscher in Clusteranalysen Gruppen, deren Mitglieder sehr ähnliche Haltungen zeigen, und die als Gruppen wiederum starke Unterschiede untereinander aufweisen. Das ergab das Muster ‚Entdecker‘ und ‚Verteidiger‘.

Die Gruppe der ‚Verteidiger‘ steht in allen Ländern für ein enges Konzept der Zugehörigkeit zum eigenen Land, wonach nur dazugehört, wer im Land geboren wurde, Vorfahren der ethnisch-nationalen Mehrheit hat und/oder der dominanten Religion angehört. Sie verteidigt somit traditionelle Kriterien wie ethnische und religiöse Homogenität. Zugleich fühlen sich ‚Verteidiger‘ durch Fremde wie Muslime und Geflüchtete bedroht sowie selbst benachteiligt. Sie sind unzufriedener mit der Demokratie und misstrauischer gegenüber politischen Institutionen.

Die Gruppe der ‚Entdecker‘ hingegen lehnt ein enges Konzept von Zugehörigkeit nach ethnisch-religiösen Kriterien ab. Sie entdeckt Zuwanderung und wachsende Vielfalt als Chance und plädiert für eine Gesellschaft mit vielen gleichberechtigten Lebenskonzepten. ‚Entdecker‘ sind zufriedener mit der Demokratie und vertrauen eher den politischen Institutionen. 

In Polen jedoch, einem semi-autoritär regierten Land, in dem die Regierung Positionen der ‚Verteidiger‘ nach ethnisch-religiöser Homogenität und Schutz vor Fremden populistisch unterstützt, fühlen sich auch die ‚Entdecker‘ benachteiligt und sind unzufrieden mit der Demokratie und Regierung. Auch in kultureller, religiöser, psychologischer und sozialer Hinsicht unterscheiden sich die Gruppen.

Politische Effekte und Empfehlungen

Der kulturelle Konflikt hat zugleich starke politische Effekte: ‚Verteidiger‘ bevorzugen populistische Parteien und sprechen sich deutlich eher für das Konzept eines „starken Führers“ aus, sie neigen auch zu Verschwörungstheorien und sind offener für Elemente einer direkten Demokratie. ‚Entdecker‘ vertreten eher gegensätzliche Meinungen. 

„Gesellschaften setzen sich immer aus einer Mischung von ‚Entdeckern‘ und ‚Verteidigern‘ zusammen. Im Gegensatz zu materiell basierten Konflikten ist der Identitätskonflikt schwerer verhandelbar, da psychologische Grundbedürfnisse zugrunde liegen: bei den ‚Verteidigern‘ sind es Bedürfnisse nach Sicherheit und Stabilität, bei den ‚Entdeckern‘ Offenheit und Veränderung“, so Mitja Back. Verfestigt werde der Identitätskonflikt auch durch Globalisierungseffekte wie Migration und Pandemie.

Der Politik empfehlen die Forscher, sich nicht auf eine Seite der polarisierten Positionen zu schlagen, sondern die zugrundeliegenden psychologischen Bedürfnisse auf beiden Seiten ernst zu nehmen. Es gelte, die teils weit auseinanderliegenden Forderungen beider Gruppen je auf den funktionalen Kern zurückzuführen. „Nur so lässt sich eine Grundlage für Kompromisse finden, die derzeit noch unmöglich erscheinen, sowie Raum für einen Dialog ohne Abwertung.“ 

WWU Münster (apo/vvm)

Grafik: Exzellenzcluster "Religion und Politik". Keyvisual der Internationalen Erhebung zu Identitätskonflikten in Europa.



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