Ein philosophisches Essay in Form eines Kammerspiels

Das Theaterstück „Heilig Abend. Ein Stück für zwei Schauspieler und eine Uhr.“ von Daniel Kehlamnn läuft seit Donnerstag, dem 3. Juni im Wolfgang Borchert Theater in Münster.

22:30 Uhr. Heilig Abend. Ein schriller, avantgardistischer Percussion-Sound ertönt; ein Gitarrenverstärker übersteuert.

Die Protagonistin, die wir später als die Philosophieprofessorin Judith kennenlernen werden, wird auf die Bühne geschubst. Ihre Augen sind verbunden. Ihre Hände sind mit Kabelbindern gefesselt. Die ganze Situation ähnelt einer Entführung.

Die Bühne wird erhellt und man erkennt mehr vom Raum. Eine große digitale Uhr droht über der Bühne und schreitet unentwegt, gar beängstigend, voran. Der Raum ist spärlich möbliert: Zwei Stühle stehen an einem Tisch, auf dem ein Telefon und Papierstapel liegen. Im Eck der Bühne steht ein Kühlschrank, auf dem ein Kaffeevollautomat thront. Der kleine Tischweihnachtsbaum ist die einzige Dekoration, die den Verhörraum ziert und uns an die festlichen, keineswegs besinnlichen Umstände erinnert.

Judith wird von dem Beamten Thomas ihrer Fesseln entledigt und beginnt mit den Worten "Kaffee? Vielleicht eine Zigarette?" – das eineinhalbstündige Kammerspiel.


Bedrohliches Hämmern; dreimaliges kräftiges Aufleuchten.


Dieses Kammerspiel, das an eine Inszenierung eines Gefangenendilemmas erinnert, wird getragen von dem Katz-und-Maus-Spiel der beiden Protagonisten. Hier wird eine Beziehungsdynamik zwischen den beiden Protagonisten aufgebaut, in der beide Seiten mit argumentativer Kraft und zwischenmenschlicher Finesse bestückt sind. Die Philosophieprofessorin Judith und der gute und böse Nachrichtendienstmitarbeiter Thomas werden gespielt von den Schauspielern Ivana Langmajer und Markus Hennes.

Es werden philosophische Themen angesprochen. Von der Frage nach der Existenz umgefallener Bäume bis hin zu komplexen Fragen der politischen Theorie, wie die der Legitimität von Gewalt. Zudem werden politische und nach wie vor aktuelle Themen angesprochen, wie das des Aufhebens von Bürgerrechten seitens des Staates aufgrund der Angst vor Terroranschlägen.


"Gewalt, wie die Lanze des Achilles, heilt die Wunden, die sie schlägt." Sartre.


Nach dem mehrminütigen und wohlverdienten Applaus richtet sich der Intendant und Regisseur Meinhard Zanger mit den Worten Friedrich von Schillers an das Publikum: "Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit." Die Pandemie hielt auch das Wolfgang Borchert Theater in den letzten 16 Monaten auf Trab. Nun, wo das Theater und auch andere Kunstveranstaltungen wieder die Möglichkeit haben, ihre Türen zu öffnen, besteht die Hoffnung, wieder viele Gäste empfangen zu dürfen und somit der Kunst wieder einen Raum in der Gesellschaft bieten zu können. Das Stück ist aufgrund der Theaterschließungen nicht im November letzten Jahres angelaufen, sondern wurde in den Juni 2021 verschoben.


"Daniel Kehlmanns Theaterstücke […] werfen ein neues Licht auf den Magier der Prosa." Wiener Zeitung.


Das Stück "Heilig Abend" stammt aus der Feder von Daniel Kehlmann. Der Autor, der mit seinem Werk "Die Vermessung der Welt" seinen internationalen Durchbruch feierte, schrieb das Zweipersonenstück als Reaktion auf die Enthüllungen von Edward Snowden und dem damaligen Skandal um die NSA. Zudem beeinflusste ihn der Terroranschlag aus dem November 2015 in Paris. Eine weitere Inspiration für Daniel Kehlmann ist der mit vier Oscar ausgezeichnete amerikanische Western "High Noon" (Deutscher Titel "Zwölf Uhr mittags") von 1952.


Ein kleiner Appell zum Schluss: Unterstützen Sie die Kunst! Gehen Sie wieder ins Theater!


Foto und Copyright von: Klaus Lefebvre.



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