SEND!!! - Eine anleitende Simulation für das unterforderte Spaziergeh-Gehirn-

Für alle, die es genauso wenig aushalten können wie ich; hier eine kleine Simulation dessen, was ich im Lockdown am meisten vermisst habe. Exakt liebe Partypeople: Send !!!

Los geht die Fahrt! Gib dir:  

Über dem buttrigen Karamellüberzug des Popcornstands direkt an der ersten Ecke des Sends - neben dem Stand mit den Ballons, der auf Kinder herabblickt, gegenüber dem Pizzastand mit einem erstklassigen Preisleistungsverhältnis und dem rhapsodischen Rasseln der Mandelbrennerei- dehnen sich Reflexionen der vorbeilaufenden, glücklichen Menschen in sonnengelb aus. Es ist heiß. Umhangen von Lebkuchenherzen ziehen sie durch die Sinuskurven eines amüsierten Geschreis, welches in Tiden ab und zu nimmt - und gibt - und blechern hohle Zähne knalle gegen die kältesten Mikrofone der Nacheiszeit, um jede Fahrt (ob vorwärts oder Letzte-Runde-Rückwärts) reißerisch zu untermalen. Die Kids rauchen Kippen unter den Elektrohämmern des Autoscooters.

Manche von ihnen üben sich im aggressiven Dreinblicken und du denkst dir nur: „Dem Herrn sei Dank, dass ich aus dieser Lebensphase raus bin, man. War das schlimm!“, während du seichte in dich hinein lächelst, dich mit den Kids immer noch (sic.) verbunden fühlst. In manch ihrer Augen siehst du Sorglosigkeit, in weiteren Armut, in anderen schon Angst. Das gesamte Kreuzviertel umfasst ein dichtes Amalgam süßlichen Geruchs, wie er auch auf Kandisäpfeln zu finden ist. Man kann hier riechen, wann Send ist und wann nicht. Wenn sich im späten Juli dieses Bonbonbukett mit dem Geruch warmen Asphalts unter deinen Füßen vermischt und sich für zwei Wochen die Jüdefelderstraße wie eine Landzunge des Wahnsinns auf die Hauptstraße legt, auf der man leicht auszurutschen scheint, wenn alles etwas breiter ist als sonst, dann, ja dann ist Send alten Segas*innen.

Schau mal, ich bin mir durchaus darüber im Klaren, dass leichte Lesbarkeit einen Vorteil für ein solches Format darstellt, aber fühlst du den Drall auch? Fühlst du die Arme erschütterter Beziehungen; wie sie sich auf den schwer gewordenen Schultern tief zweifelnder Verbundenheit umschlingen? In ihren Augen prasseln mikroskopische Pixel eines Freitagabend-Feuerwerks nieder, und sie werfen sich in die Heliozentrik zurück, um still zu schreien „bleib, bleib, nur bitte bleib!“. Fühlst du die mittelmäßige Schweißnahtqualität des Absperrzauns vor dem Schloss? Unter der gespannten Hornhaut überarbeiteter Hände breitet sie sich in Schwielen aus und ihre überlasteten Träger freuen sich schon seit Wochen darauf, lebensbereichernde Erfahrungen mit ihren Lieben zu teilen. Ihre kleinen Nasen drängen sich dicht an dicht durch das Gatter. Die Putten der Konzertorgel verschwinden unterdessen hinter gedämmten Purpur.

Viele mögen sich aufgrund der auf sie einprasselnden Reizüberflutung nicht mehr recht orientieren können, ... aber kein Problem! Hier wird dir Abhilfe geboten. Über die Jahre habe ich mir sozusagen einen („ritualisierten?“...) Schlachtplan angeeignet, um eine bestmögliche Herangehensweise für das alljährliche Ritual des Sommer-Sends anbieten zu können.

Wenn du dich nun fragst, wer an dieser Stelle, wem etwas anbietet, dann kann ich dir nur sagen:

Ich - mir selbst! Ich verpass mir richtig!

 

Dem Weg grenzenlos kaltschnäuziger Bespaßung liegt nichts im Wege, wenn du bei dem oben erwähnten Popcornstand erst mal ‘ne mittelgroße, gemischte Tüte kaufst, halb Salz, halb master-süß. Dein Prinzip lautet: Ich will alles ... Zweimal!

Ach ja, nimm nen Rucksack mit!

 

Lauf nun nicht hinein in die Fressmeile, sondern biege nach links in die Straße mit den Verkaufsständen für Haushaltsutensilien, genau dort, wo sich das Kindertrampolin für fortgeschrittene Zuckerschocks und Zahnlücken durch deinen Horizont schwingt.

Achte darauf, ob einer der Stände eine obskure Erfindung anpreist, wie zum Beispiel eine unzerbrechliche Obstschale, über die sogar ein Panzer fahren könnte, ohne das sie auch nur den kleinsten Kratzer davon tragen würde, oder die einfachste Fahrradpumpe der Welt, die selbst deine Urgroßmutter mit links handhaben könnte. Guck, ob einer der Verkäufer damit beginnt, mit Obstschale oder Fahrradpumpe zu Wrestlen. Ich steh tierisch auf die Verkaufsshows! Erstrecht, wenn fein perliger Verlegenheitsschweiß einer jeden Pore des Verkäufers entwischt, weil er die Schale nun doch zerdeppert hat. Gehe nun weiter entlang der Boxbirne vor dem Autoskooter und gib dem Ding ‚ne glatte Fünfhundert. Versuche am Greifarmautomaten, direkt auf der Empore des Skooters, Fahrchips zu ziehen. Wenn du die zehn Fahrten gewinnst, fährst du drei Runden relaxt im Kreis, ganz ohne Kollisionen. Wenn das mit den Chips nichts wurde, dann eine …

Eine Runde meine ich. Blicke in das bläuliche Kratzen der Plasmablitze oberhalb deines echten Spitzenwagens. Lass deinen Ellenbogen lässig über die Gummischwelle der Innenverkleidung gleiten. Gleite wie ein Schwertwal unter einer Eisscholle her, auf der eine Robbe in der Mondbrandung heult. Lass dir einen grauenhaften Schrecken von der Animatronik, vor der Geisterbahn gegenüber einjagen und schaudre dich in die Gänsehaut hinein. Auf der anderen Hälfte deiner Kreiselbahnen, versuchts du wie Frost zu sein. Nun, stelle dich in die Schlange der Geisterbahn und höre genau auf die Geschichte des Skelettgorilla vor dir, mit seinem Bariton im hämischen Gelächter! Schrei über die Empfindung des Schreckens weit, weit hinaus. Lass Alles raus! Gib dem Einweiser ein kleines Trinkgeld und ein Lächeln. Die Kerle arbeiten in einer Welt des Davor und Danach, der gut gelegten Haare und hysterisch zerzausten Mähnen. Arbeit zwischen dem Schlund eines Vampirs in der Einfahrt, und der Pupille eines Terminators auf der Ausfahrt.

Sieh dir das Foto an! HA!!!

 

Stell dir nun vor, du hättest nicht viel Zeit, als würdest du einen Zug verpassen, wenn du nicht schnellstmöglich in die Hufen kommst. Schenke dem Unterfangen einfach mehr Bewegung. Stärke dich etwas hastig mit Popcorn. Schnell! Renn zur verrückten Maus ( Achtung! Manchmal auch die Crazy Fassrolle genannt. Is aber irgendwie dasselbe. Andere Waggons und Verkleidung und dem gewissen Kick in den Höhen, BAM, und und und).

Und, und, und sei dir nicht so sicher, ob der Personenwaggon auch problemlos durch die engen Kurven kommt, unter dir liegen schließlich mehrere Meter des möglichen Absturzes. Waaah!

 

Gehts dir Gut? Okay, alles frisch!

Nutze die Gefäßerweiterung, indem du in der Ballerbude die Passage runter, mögliche Adrenalin-Restbestände durch fokussiertes Rosenschießen abbaust. Weiter rechts runter, das Klappern der Büffeljagd aus der Schützenhütte im Rücken – echt merkwürdig diese Silhouetten der Minibüffel, die auf einem Laufband durch ein kleines Diorama klacken, wenn man bedenkt, dass der Genozid an der indigenen Bevölkerung unmittelbar verknüpft mit der Ausrottung jener Büffel scheint, – aber dort befindet sich der Mittelgang, mit freiem Blick auf das Schloss. Stärke dich nun an einem der Stände. Beliebt ist die riesige Pommesbude in der Mitte, aber auch die Fischbrötchen auf der anderen Seite sind aller erste Sahne. Softdrink nicht vergessen. Softdrink nicht vergessen!

Nimm dein Essen auf die Hand und suche dir einen der Stehtische möglichst nahe der Frauenstraße und gib dir den holländischen Blumenverkäufer, dessen Headset ich gerne wäre.

Ich würde aus dem Staunen nie wirklich herauskommen. Verschenke die Rose. Sei mutig. Nimm am besten jemanden, der noch biegsam vom Karusselstrudel an dir vorbeitorkelt. Dort ist meist nicht mit schroffer Ablehnung zu rechnen. Popcorn zum Nachtisch! Du läufst nun geradewegs auf den Freakdancer zu. Links neben dir, plötzlich ein Miniatureifelturm auf dem Giebeldach der CRÊPERIE*.Optional steht hier nun ein Crêpe mit Nutella auf dem Plan, aber auch nur, wenn du mal was anderes brauchst als dein Popcorn. Crêpes... Popcorn zum Nachtisch? Nun ja ...

Du tust nun Folgendes: Stell dich vor den Freakdancer mit seinen Windmühlenwaggons, die sich um die eigene Achse drehen wie ein Derwisch, frei von Kontrast, verglühend in einem verwaschenen Schillern bunter Lichterketten, die sich zu schnell drehen. Sieh wie spontane Männlichkeit ihren Mut durch sorgloses Herauslehnen aus dem Waggon demonstriert, immerzu gepaart von gelangweilten Blicken, die gucken, ob jemand guckt. Guck! Tue erstaunt und gib ihnen ein tolles Gefühl , ... was solls.

Wenn du einen der Fahrchips ergattert hast, folgt nun das nächste Spektakel. Lehne dich gemütlich gegen eine dieser Stahllehnen, die einen absichtlich cool wirken lassen, und zieh dir einfach die absurde Lautstärke der Mucke rein. Das Anheizen durch den Mann im Kasten durchlebt auf theatralische Weise alle Höhen und Tiefen einer jeden Fahrt. Von „so, dann wollen wir mal los hier, sonst wird das nichts mehr und losgeht die Fahrt“ , über „so meine lieben, seid ihr noch gut drauf? Das hört sich aber nicht so an! Ich habe euch gefragt, ob ihr noch gut drauf seid? Jawoll... woll... woll!“ bis hin zu „Let‘s go ihr Süßen. Jetzt haun wir hier mal so richtig einen raus! Woop... Woop...Woop“, ist alles mit dabei. Wenn die Fahrt langsamer zu werden scheint und ein Ende in Sicht ist, lehne dich nach vorne, als würdest du zum Sprint ansetzten. Drücke dich an der Sitzstange ab, um so sportlich wie es nur geht rüber zu kommen, das schreckt etwaige Rivalen im Vorhinein ab. Kämpfe um deinen Platz und behaupte dich im Dschungel dieser übergroßen Reise nach Jerusalem. Schnalle dir die Schlaufen deines Rucksacks um die Innenseiten deiner Knöchel ... Funktioniert ganz gut. Wirf dich in die Endlosigkeit deiner Gegenwart, in der alles fließt und da ist keine Furcht mehr, und da ist Schwerelosigkeit, und da ist Freude darüber, dass die Bewegung des Lebens ebenso mit dir verfährt, wie dieser Freudentaumel, und da ist kaum noch, Welt noch irgendwo, und da ist das weiße Rauschen der Erde, die sich mit dir um sich selbst dreht und du bist glücklich und du bist gesund. Während du dich noch drehst, verlangst du dir Zielstrebigkeit auf dem Weg zum Discofly ab. Ja, genau die Raupe! Ein Drittel der Fahrt mit geschlossenen Augen, ein weiteres mit ausgestreckten Händen. Ein letztes, zusammengekauert in der tiefsten Ecke der Gravitation.

Dreh dich nun weiter zum Dosenwerfen. Fachsimpel ein wenig über die beste Wurftechnik und sei nicht zu streng mit dir selbst. Verschenke Gewinn! Gib dein Leben für einen Wimpernschlag Liebe.

Noch mal Autoscooter. Aber versuche nun bei jedem Male, wenn einer - der etwas übermotiviert in dich Hereinrasenden - knallhart in deine Seite ballert, so zu tun, als würdest du schluchzend weinen. Sieh zu, dass es schlecht geschauspielert rüberkommt. Ein echter Hit, versprochen.

Es folgt die Hauptattraktion, welche sich meist mittig in der zweiten Hälfte des Felds - in Richtung des AA-Sees liegend und der Schlossseite zugewandt - befindet.

Popcorn in der Schlange! Einmal da fuhr ich mit dieser Höllenmaschine, aufgebaut wie ein Katapult, das kein Ende kennt, mit den zwei Sitzen auf jeder Spitze eines Propellers, die dich wie festgeschnallt an einem Windrad auf Steroiden in die Stratosphäre werfen. Alles ist Wind. Ich atmete schwer wie ein Astronaut bei einem Belastungstest, da die g-Kräfte leicht traumatische Auswirkungen auf meine Brust hatten ...

Beruhige dich. Komm runter. Spiele Verstecken mit deiner Erinnerung, wenn dir der Ritt zu nahe ging. Blende die Verwirrung aus, um dich nun in das erste Drittel des Geländes, dort vor dem Autoscooter, wo alles begann, zu tragen. Ich empfehle dir nun den Weg von außen, d.h du nimmst den Weg über die Essensstände.

Kaufe dir an dem Retro-Eisstand ein in Schokolade gedöpptes Softeis, ja genau dort, bei dem Herrn mit dem pinken Schiffchen auf dem Kopf , … um dich abzukühlen, weißt du. Jovel.

Dort, gegenüber von dem Skooter, wo alles seinen Anfang nahm, schleichst du nun in die zyklische Zeitlupe des Riesenrads. Ich kann dir zu dieser Jahreszeit die uneigentliche Dämmerung empfehlen, wenn Magenta durch Staubpartikel roter Kehlen zirpt und die Höhenlage die Welt zum Eiland macht, auf der alles Geschrei dieser Welt in einen ohrenbetäubenden Sirenengesang kippt, dort wo Magnitude 1. flackert und du einfach wieder ruhig bist. Das Zellophan der Popcorntüte weist Abnutzungserscheinungen auf und du siehst dies Leben in:

Halb Salz ... halb Süß.




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