Politikexperten über die Zivilgesellschaft

Die Politikwissenschaftler Prof. Dr. Andrea Walter und Dr. Matthias Freise geben anlässlich des 75-jährigen Bestehens Nordrhein-Westfalens in ihrem neuen Buch einen Überblick über zivilgesellschaftliche Handlungsfelder und regionale Besonderheiten des bevölkerungsreichsten Bundeslandes.

Münster - Kaum ein Bundesland hat sich in den letzten Jahrzehnten so sehr gewandelt wie Nordrhein-Westfalen (NRW), in der vor Jahrzehnten Kohle und Stahl für Zehntausende Bürger die Lebensgrundlage bildeten. Maßgeblichen Anteil an diesem Strukturwandel haben natürlich die Menschen, die im bevölkerungsreichsten Bundesland der Republik leben. 

Wie wichtig die aktive und vielfältige Zivilgesellschaft für NRW ist, haben die beiden Politikwissenschaftler Dr. Andrea Walter und Dr. Matthias Freise jetzt in einem Buch herausgearbeitet. Anlässlich des 75-jährigen Bestehens des Bundeslandes geben die Professorin von der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW und der Privatdozent der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster in ihrem Buch „Miteinander füreinander“ einen Überblick über zivilgesellschaftliche Handlungsfelder und regionale Besonderheiten in NRW.

Die Aufgaben, die die Zivilgesellschaft für die Gemeinschaft übernimmt, sind vielfältig: In mehr als 120.000 Vereinen erbringen Bürgerinnen und Bürger ehrenamtlich Dienst an Dritten oder befördern aktiv die Integration vor Ort. „Allein der Dienst in der Feuerwehr wird in NRW zu über 80 Prozent von Ehrenamtlichen getragen“, berichtet Andrea Walter. Durch Proteste macht die Zivilgesellschaft zudem auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam und kritisiert öffentlich staatliches Handeln. „Außerdem ist sie der Ort, an dem Solidarität und gesellschaftlicher Zusammenhalt entstehen. Das sind wichtige Eigenschaften, um gesellschaftliche Herausforderungen wie die aktuelle Pandemie zu bewältigen“, erklärt Matthias Freise.

Trotz der gemeinsamen Aufgaben unterscheiden sich die Regionen in NRW. „Das Land ist einerseits urban geprägt, hat aber nach wie vor ländliche Regionen. Das zeigt sich in der bunten Vereinslandschaft“, betont der Politikwissenschaftler. So seien beispielsweise Schützen- oder Karnevalsvereine, die Landfrauen oder kirchliche Gruppierungen in ländlichen Regionen vor allem Orte der Geselligkeit. „In Städten hingegen entwickeln sich Vereine häufig zu professionellen Dienstleistern, wie etwa Sportvereine mit speziellen Kursangeboten.“ Weitere Unterschiede entstehen durch die kulturellen Gegebenheiten der Regionen. „Das Münsterland ist traditionell Hochburg des Pferdesports, das Ruhrgebiet kennt nach wie vor viele Arbeitervereine vom Bergmannschor bis zum Taubenzuchtverein und im Rheinland finden wir besonders viele kirchennahe Organisationen“, ergänzt Andrea Walter.

Doch die alteingesessenen Vereine geraten zunehmend unter Druck: Die Corona-Pandemie hat das öffentliche Leben eingeschränkt, viele Kommunen haben Sparzwänge. Zudem wird der Ton in öffentlichen Debatten rauer. „Immer mehr engagierte Bürger werden im Internet und auf der Straße beschimpft. Als Konsequenz wenden sich von ihrem Engagement ab“, sagt Andrea Walter. Es werde lange dauern, bis die "Corona-Schäden" in der Zivilgesellschaft überwunden seien und die Menschen wieder sorgenfrei Gemeinschaft vor Ort erleben könnten.

Das Buch „Miteinander füreinander Zivilgesellschaft in Nordrhein-Westfalen“ kann über den Aschendorff-Verlag oder gegen eine geringe Pauschale über die Landeszentrale für politische Bildung NRW bezogen werden.

WWU Münster (upm/jah)

Foto: privat. Den NRW-Bezug in ihrem Buch stellen Dr. Matthias Freise und Prof. Dr. Andrea Walter vor allem dadurch her, dass sie Entwicklungen und Funktionen anhand von über 60 Praxisbeispielen aus allen Regionen des Landes und ausgewählten Sonderauswertungen illustrieren.



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