Rolle Rückwärts - Ein Interview mit Dr. Bernd Rasche

Warum Genderberatung für Männer und Frauen heute wichtiger denn je ist.

stadt 4.0 fragt Herrn Dr. Bernd Rasche zum Thema Genderberatung und seine Erfahrungen in der täglichen Beratungsituation.


stadt40: Herr Dr. Rasche, was hat Sie dazu bewogen, eine Genderberatung für Frauen und Männer anzubieten? 

Rasche: Das ist auf jeden Fall durch die Coronakrise mit motiviert worden. Auf einmal sind ja berufstätige Männer und Frauen durch das Schließen der Kitas, durch die Notwendigkeit der Kinderbetreuung und die zunehmende Einführung des home-office wieder stärker mit alten Rollenfragen konfrontiert. Genauer: wie modern ist der moderne Mann nun eigentlich? Oder: wie sehr steckt die Frau noch in alten Rollen?

stadt40: Was meinen Sie genau damit - hinsichtlich der Rollen von Mann und Frau?

Rasche: Nun, Professorin Jutta Allmendinger, Leiterin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), hat schon von einer „Rolle rückwärts“ in der Gleichberechtigung gesprochen. In ihrem neuesten Buch Es geht nur gemeinsam: Wie wir endlich Geschlechtergerechtigkeit erreichen (Berlin 2021) legt sie den Finger in die Wunde. Corona hat auch beim Verhältnis zwischen Mann und Frau wie ein Brennglas gewirkt, alle Ungereimtheiten treten wieder schärfer hervor.

stadt40: Sie haben in Ihrem persönlichen Leben Erfahrungen mit Männerarbeit gemacht.

Rasche:Ja, ich war 20 Jahre in einer Männergruppe, die sich einmal wöchentlich jeweils privat zu Hause bei einem unserer Mitglieder getroffen hat. Diese Zeit, von Ende der 80er Jahre bis 2010, ist für mich sehr wichtig für meine eigene Entwicklung gewesen. Es waren sehr unterschiedliche Männer und damals waren alle übrigens in Partnerschaften oder verheiratet. In einem solchen Kreis kann man sich öffnen und man redet dort anders als abends an der Theke oder am Stammtisch, wo man doch oft nicht wirklich alles so erzählt, was einen bewegt.

stadt40: Welche Ungereimtheiten sehen Sie heute noch zwischen Mann und Frau?

Rasche: Männer arbeiten, Frauen arbeiten aber auch - und versorgen noch überwiegend zusätzlich die Kinder. Männer verdienen, Frauen verdienen zwar auch – aber häufig bloß als „Hinzuverdienst“. Teilzeit und Elternzeit sind immer noch stärker Frauensache, Führungspositionen und hohe Gehälter dagegen sind in der Mehrzahl Männersache. Es wurden in den Medien in den letzten Corona-Monaten immer wieder die Klagen von berufstätigen verheirateten Müttern laut, dass sie ja doch die Hauptlast des Haushalts und der Kinderbetreuung tragen - während der Mann sich viel stärker auf seine Arbeit konzentrierte.

stadt40: Ist dies auch ein Thema in Ihrer Beratung?

Rasche: Wenn ein Mann oder eine Frau dies gerne besprechen möchte, ja, sicherlich. Nur, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: der Mann ist sicher nicht der „Schuldige“, nein. In der  Coronakrise wird nur deutlich, dass es nach wie vor wichtig ist, dass gerade Männer sich nochmals den Anforderungen in einer gleichberechtigen Gesellschaft bewusster werden. In meinem gesamten Beratungsangebot gehe ich auf Themen wie „Partnerschaft“, „Arbeit“ und „Achtsamkeit“ ein. Wenn eine Frau oder ein Mann in diesen Bereichen Gesprächsbedarf hat, werden wir dann stärker auf die sogenannte Genderperspektive eingehen…..

stadt40: ….Können Sie denn als Mann einer Frau für ihre Probleme Hilfreiches sagen?

Rasche: Unbedingt. Eben weil ich ein Mann bin und damit um das männliche Fühlen und Wahrnehmen weiß, kann ich mit einer Rat suchenden Frau  - wenn Sie so wollen  - als Insider des eigenen Geschlechts sprechen. Unsere Gesellschaft ist ja in vielen Bereichen immer noch von männlich dominierten Werten, Normen und Hierarchien geprägt. Ich nehme eine Vermittlerrolle ein.

stadt40: ….Was für ein Beispiel hätten Sie da?

Rasche: Ein erstmal als reines Partnerschaftsproblem erscheinender Konflikt  - das ist fast ein klassischer Fall – kann zum individuellen Thema „Wie wichtig sind mir Arbeit und Erfolg oder Sinnerfüllung?“ führen. Für die Frau und für den Mann. Wenn ich an die Nachkriegsgeneration meines Vaters denke, so haben die heutigen Männer in den letzten Jahrzehnten sicher eine große Entwicklung in ihrer Identität gemacht. Dabei ist aber auch zu bedenken, dass man bei der Frage des Lernens der Geschlechter voneinander nicht das Kind mit dem Bade ausschütten sollte: das kleine Mädchen sollte nun ebenso wenig auf Teufel komm raus einen Baukasten vorgesetzt bekommen wie der Junge nicht zum Spielen mit den Puppen forciert werden sollte. Gleichberechtigung geht nicht mit der Brechstange.


Mehr Informationen finden Sie hier: https://lebenspraxis-dr-rasche.de/

Das Interview führte G. Reese



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